Zivilgesellschaft

Lange haben wir die Antwort auf die Frage anderen überlassen – der Politik oder der Wirtschaft zum Beispiel. Und die Zivilgesellschaft? Bleibt noch unter ihren Möglichkeiten.





• Der Bürger meldet sich meist zu Wort, wenn konkrete Probleme zu lösen sind oder wenn er mit Entscheidungen von oben nicht einverstanden ist. Mit dem Klischee der engagierten Bürger und Bürgerinnen definiert die Bundeszentrale für politische Bildung bis heute die Zivilgesellschaft. Das klingt nicht nur altbacken, das ist es auch.

Ulrich Hemel, Direktor und Gründer des Instituts für Sozialstrategie, aber auch habilitierter Theologe, Unternehmer und Sozialwissenschaftler, sieht die Zivilgesellschaft dagegen als „die größtmögliche Form der Inklusion“. Für ihn umfasst der Begriff alle Aktivitäten außerhalb der Einflussnahme des Staates oder des organisierten Verbrechens. Diese weite Definition hat zweierlei Vorteile: Erstens beschränkt sie zivilgesellschaftliche Teilhabe nicht nur auf wenige Engagierte, zweitens zählen damit auch ausdrücklich Unternehmen zur gesellschaftlichen Schwungmasse. Mit der ließen sich nach Meinung von Hemel die großen Herausforderungen der Menschheit, etwa Klimawandel, Gerechtigkeit oder Globalisierung, noch am ehesten meistern.

Aber warum denken wir vor allem an Probleme, wenn es um Engagement geht? Ließe sich diese gemeinschaftliche Energie nicht auch als gestalterische Kraft einsetzen, für ein Leben, wie wir es uns vorstellen? Indem wir aktiv unsere Vorhaben und Ideen verwirklichen, statt nur das Schlimmste zu verhindern und für alles andere auf andere zu hoffen?

Was kann Zivilgesellschaft?

Die Frage lautet doch längst: Was nicht? Die Flüchtlingskrise im Herbst 2015 (siehe brand eins 05/2016, „Lasst uns mal ran“) * war ein typischer Fall: Eine Notlage offenbarte sich vor Ort, die Menschen erkannten sie und kümmerten sich. Der Staat zeigte sich in vielen Bereichen überfordert, die Bürger und Unternehmen sprangen ein.

Nach diesem Prinzip scheint wenig unmöglich. Bürger und Unternehmen betreiben längst eigene Kindertagesstätten, im ostfriesischen Einbeck übernahm die Bevölkerung eine von der Schließung bedrohte Klinik. Im Kleinen werden urbane Gärten angelegt, Altenpflege oder Schülerpatenschaften organisiert.

Ulrich Hemel sieht solche konkreten Ziele mit Projektcharakter als das klassische Feld zivilgesellschaftlicher Aktivitäten. Die Ambitionen können dabei kaum zu groß sein: „Man kann sich auch an einem der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen vor Ort versuchen, schließlich entscheidet sich der Erfolg aller globalen Vorhaben an der lokalen Umsetzung.“

Heute ergeben sich immer neue Möglichkeiten des Mitmachens. Im Modell der Citizen Science etwa unterstützen interessierte Amateure wissenschaftliche Forschung.

So stellten schon vor einem Jahrzehnt Bürger für die Suche nach Außerirdischen im Rahmen des Seti-Programms die Rechenleistung ihrer Computer zur Verfügung. Seit Jahrzehnten zählen sie im Auftrag der North American Butterfly Organisation Schmetterlinge. Das Woods Hole Institut für Meeresforschung überlässt der Community die Auswertung von Millionen Fotos, die die Biologen des Instituts bei ihren Missionen vom Meeresboden aufgenommen haben, aber aus Mangel an Zeit nie auf Lebensformen untersuchen könnten.

Die Universität Kopenhagen wiederum gründete zusammen mit dem Unternehmen Novozymes, einem der weltweit führenden Hersteller von Enzymen, ein Labor für Biohacker. Umweltforscher der Technischen Universität Berlin lassen Bürger nachts ihre Handys auf den Himmel richten, um so Daten für die weltweite Lichtverschmutzung zu sammeln. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) trug das Vorhaben der vollständigen Rekonstruktion des gesamten Nervensystems eines Lebewesens gleich als Computerspiel in die Community. Mehr als 50 000 Menschen sollen weltweit an diesem Projekt mitwirken und auf digitalen Mikroskopaufnahmen Nervenbahnen nachzeichnen, um Punkte zu sammeln.

Kritiker beklagen eine Ausbeutung der freiwillig und kostenlos agierenden Helfer. Diese hingegen benannten in Umfragen als Motivation ihre Freude, an bedeutenden wissenschaftlichen Projekten mitwirken zu können. Die größte Citizen-Science-Plattform, Zooniverse.org, beteiligt nach eigenen Angaben derzeit mehrere Hunderttausend Menschen an wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Dadurch wurden viele wissenschaftliche Aufsätze, aber auch eine Reihe signifikanter Entdeckungen möglich.

Anpacken wollen und auch zu dürfen kann eine große Dynamik erzeugen. Warum sollen nur städtische Behörden über Bauvorhaben, Zukunftsprojekte oder die Organisation eines Stadtfests entscheiden? Warum haben wir Bürger nicht auch eine Agenda und versuchen, diese umzusetzen? Würde das Leben dann nicht gleich viel bunter?

Ist Mitgestaltung möglich?

Eine gute Idee, eine digitale Plattform, der Aufbau einer Community mithilfe der sozialen Medien, eine überzeugende Crowdfunding-Kampagne – das alles ist heute für jeden machbar, und damit ließe sich bereits allerhand umsetzen. Werkzeuge gibt es reichlich, mit gemeinnützigen GmbHs können Unternehmungen ohne Gewinnerzielungsabsicht gegründet werden, das Internet erlaubt eine schnelle Vernetzung mit Gleichgesinnten, Organisation, Teilhabe, Interaktion und Willensbekundungen innerhalb einer Community und mit der Öffentlichkeit. Lokale, nationale und internationale Institutionen unter- stützen zivilgesellschaftliche Projekte mit Geld und Know-how.

Der Staat täte gut daran, diese Graswurzelaktivitäten zuzulassen, besser: zu fördern. Ein Anfang wären lokale Anlaufstellen, in denen sich für kleine Vorhaben Unterstützung finden ließe, und sei es nur in Form von Geräten für ein Urban Gardening Projekt. Bei größeren Plänen könnten von hier aus Kontakte zu übergeordneten Institutionen hergestellt werden.

Sogar für eine direkte Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen existieren erprobte Modelle: Der Soziologieprofessor Peter C. Dienel entwickelte bereits im 20. Jahrhundert solche Konzepte, um die Bevölkerung aus der „Zuschauerdemokratie“ herauszubewegen. Bis heute wird die Planungszelle angewandt (siehe brand eins 01/2009, „Den gordischen Knoten lösen“) **, einem per Los zusammengesetzten Gremium von Bürgern, die an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken. Nach einer umfassenden inhaltlichen Auseinandersetzung geht es darum, mithilfe von Expertenmeinungen Kompromisse zu erarbeiten. Für die Tätigkeit in den Planungszellen werden die Beteiligten von der Erwerbsarbeit freigestellt und entlohnt. Wäre solches Engagement obligatorisch, würden wir alle zu Entscheidungsträgern der Reserve.

Aber sollten Laien tatsächlich komplexe Entscheidungen überlassen werden, zumal sie nicht per Wahl, sondern nur durch ein Los dazu legitimiert sind? Gegenfrage: Warum nicht? Politiker sind auch bei den meisten Entscheidungen sachfremd, zudem häufig vielfältigen innerparteilichen und äußeren Zwängen ausgesetzt. Eine zugeloste Verantwortung könnte im Vergleich dazu ein demokratisierender Prozess sein. Zumal Studien zumindest in der Wissenschaft zeigen, dass Amateure Beobachtungen und Auswertungen kaum schlechter vornehmen als die eigentlichen Forscher.

Die vielleicht überzeugendsten Argumente für eine stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft bei allen öffentlichen Aufgaben liefern die Demografie und die fortschreitende Automatisierung. Sie wird mit großer Wahrscheinlichkeit immer mehr Menschen ohne Erwerbstätigkeit zurücklassen, dazu käme der steigende Anteil an Senioren, die aufgrund ihres Alters nicht mehr arbeiten, aber trotzdem noch nach Sinn und Beschäftigung suchen. Angenommen, die Überlegungen zu einem Grundeinkommen werden Realität: Dann bliebe vielen Menschen sehr viel Zeit für gesellschaftliche statt erwerbstätige Arbeit.

Man arbeitete dann nicht, um davon zu leben, sondern um ein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten. ---

* b1.de/zivil

** b1.de/Dienel