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Wie sieht die Innenstadt von morgen aus?

In Metropolen lässt sich sehen, wie wir morgen leben werden. Drei Szenarien.





Szenario 1: Die Zukunft des Supermarkts

Heute bestellt und heute geliefert. So stellen sich der Internethändler Amazon und der Paketzusteller DHL das Supermarktgeschäft von morgen vor. Zehn Jahre nach dem Start in den USA bietet Amazon mit der Sparte Amazonfresh erstmals auch in Deutschland die Lieferung von Lebensmitteln an, zunächst in Berlin und München.

Auch die großen Lebensmittelketten Edeka und Rewe versenden längst frische Produkte, ebenso DHL mit Allyouneedfresh.de Noch liegt dem Handelsverband Deutschland zufolge der Onlineanteil im Lebensmittelsegment bei unter einem Prozent – verglichen mit 20 Prozent bei anderen Produkten –, die Tendenz aber ist steigend. Ist das denkbar: eine Stadt ohne Supermärkte?

Nein, sagt der Marketingberater und Dozent Martin Schmitz. Er vermutet vielmehr, dass es künftig mehr Mischformen zwischen stationärem Lebensmittelhandel und Gastronomie geben wird, wie schon heute Bäckereifilialen in Supermärkten mit Café. Allerdings wird der Flächenbedarf sinken. Dafür eröffnen in den Innenstädten immer mehr kleine Filialen nach dem Muster von „Rewe To Go“, einer Art großem Kiosk. Auch in diesen Geschäften würden sich Supermarkt und Gastronomie mischen, so Schmitz. Kunden könnten dort gekaufte Sandwiches gleich verzehren oder einen Kaffee trinken.

Dem Konkurrenzdruck durch neue Wettbewerber wie Amazon könnten Supermärkte begegnen, indem sie die Beziehung zu ihren Kunden stärkten, so die Unternehmensberatung Oliver Wyman in ihrer Publikation „Showdown im europäischen Lebensmitteleinzelhandel“. Dazu müssten die Händler Kundendaten analysieren und beispielsweise personalisierte Online-Einkaufszettel anbieten, die auch den Terminkalender der Kunden berücksichtigen. Weil entsprechende Apps und Analysetools jedoch teuer sind, erwartet Oliver Wyman eine europaweite Marktbereinigung: Bis 2025 werde sich die Zahl der derzeit 25 großen Lebensmittelhändler in Europa halbieren.

Der Onlinehandel wird das Bild der Stadt grundsätzlich verändern. Einerseits sorgt er dafür, dass es weniger Handelsfläche geben wird. Gleichzeitig wird in der virtuellen Welt jede Oberfläche zu einem potenziellen Warenregal. Für die künftig auch immer mehr Schnittstellen zu den Konsumenten existieren. Man denke nur daran, dass schon bald neben dem Smartphone auch Uhren, Brillen und sogar die Kleidung internetfähig sein sollen. Wir werden künftig nicht nur untereinander, sondern auch mit Produkten kommunizieren, vielleicht sucht sich unser T-Shirt auch gleich die passende Jacke dazu aus.

Das Paradox der Zukunft könnte lauten, dass die Kaufhäuser verschwinden, während die Stadt ein einziger großer Markt wird. In der U-Bahn von Washington, D.C. werden bereits Produkte an die Schachtwände projiziert, die die Fahrgäste per Smartphone nach Hause bestellen können. In südkoreanischen Fußgängerzonen bieten virtuelle Aufsteller Schnäppchen zum Mitklicken an.

Bleibt die Frage, was sich mit dem Platz anstellen lässt, der nicht mehr für Warenregale benötigt wird. Einige Flächen in guter Lage werden zur Bühne für Marken – geworben wird in der Stadt, gekauft wird zu Hause oder am Telefon.

Einige Flächen bieten sich auch zur Renaturierung an. Shoppingmalls beginnen bereits, mit kleinen Parks und Grünflächen die Menschen zum Verweilen anzulocken. Orte des gesellschaftlichen Lebens und Austausches sind gefragt, die Innenstadt gewinnt auch als Ort der Freizeit an Bedeutung.

Szenario 2: Der Bauer in der Stadt

Industriekonzerne wie Philips, Toshiba, Fujitsu oder Panasonic rücken in die urbanen Leerstände und betreiben dort Landwirtschaft, allerdings nach ihrem Verständnis. Ehemalige Chipfabriken oder Hochhäuser wurden bereits zu Indoor-Anbauflächen umgebaut. Ohne Kontakt zur Umwelt wächst der Salat dort in Nährlösungen und unter LED-Beleuchtung. Der japanische Elektronikkonzern Sharp baute auf diese Weise eine Erdbeerfarm in Dubai.

In Chicago produziert man im weltweit größten in einem Gebäude untergebrachten Obst- und Gemüsegarten auf einer Fläche von mehr als 8000 Quadratmetern. Durch den Rückgang von Gewerbe, Industrie und Bevölkerung ist plötzlich reichlich Platz für neue Ideen.

Es gibt auch schon Pläne, nicht mehr benötigte Handelsflächen der Supermärkte zum Anbau von frischem Gemüse zu nutzen und direkt zu vermarkten. In Berlin, Zürich und in den Niederlanden arbeiten Spezialisten auf Dachgärten, die mit einer Fischfarm im Keller verbunden sind und auf diese Weise einen Nährstoff- und Wasserkreislauf nutzen.

In diesem Jahr beginnen die Berliner TopFarmers Europas größtes kommerzielles Projekt dieser Art. Sie wollen mitten in der Hauptstadt Lebensmittel in Gewächshäusern anbauen und eine Fischzucht betreiben.

Das Wasser mit den Ausscheidungen der Fische wird in die Gewächshäuser gepumpt, wo es den Pflanzen als Dünger dient. Anschließend fließt das gereinigte Wasser zurück in die Aquakultur. 20 bis 30 Tonnen Obst und Gemüse sowie 50 Tonnen Fisch soll die 2000 Quadratmeter große Anlage jährlich produzieren. Das klingt nach viel, reicht aber auf das Jahr gerechnet nur für die Ernährung einiger Hundert Berliner.

Szenario 3: Die Städte werden smart

In der Zentrale von Songdo City sitzt eine Handvoll Mitarbeiter vor einer 20 Meter langen Monitorwand. Hier laufen die Informationen zusammen, die Tausende Sensoren, RFID-Chips und Kameras in der südkoreanischen Smart City sammeln: Wetter-, Umwelt- und Verkehrsdaten, Bilder von allen Straßen, Plätzen und Häusern. Anhand dieser Informationen steuert ein Computersystem die gesamte Stadt. Droht ein Verkehrsstau, ändert das System die Ampelschaltung. Verlassen Menschen ihre Wohnung, schaltet das System die Heizung ab. Erfasst eine Kamera einen Falschparker, schickt das System automatisch ein Foto des Autokennzeichens an die zuständige Behörde.

Songdo City ist eine Planstadt (siehe brand eins 10/2015, „SimCity“). Sie wird seit 2013 gebaut und soll 2020 fertiggestellt sein. Zu den Partnern, die die vollständig vernetzte Stadt Anfang der Nullerjahre entworfen haben, gehört Cisco. Das amerikanische Unternehmen liefert unter anderem die Technik, die eine Kommunikation zwischen sämtlichen Wohnungen über Fernsehbildschirme ermöglicht.

Die urbane Vernetzung entwickelt sich zu einem großen Geschäft. Das Beratungsunternehmen Navigant Research prognostiziert bis 2023 weltweite Umsätze von mehr als 27 Milliarden US-Dollar. 16 Konzerne wie Panasonic, IBM, Siemens oder Alphabet wollen künftig die Abläufe des urbanen Lebens steuern. Angesichts der Luftverschmutzung, des Ressourcenverbrauchs, der Terrorgefahr oder des Verkehrschaos in vielen Metropolen klingen die Versprechen der Smart City für viele wie ein Segen. Für andere ist sie der blanke Horror, bietet sie doch alle Werkzeuge für die totale Überwachungsstadt.

In Deutschland ist das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung für dieses Thema zuständig. „Ich glaube nicht, dass in Deutschland solche komplett vernetzten Städte in den kommenden 30 bis 40 Jahren am Reißbrett entstehen“, sagt Peter Jakubowski, Leiter des Referats Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr.

Er arbeitet gerade an einem Entwurf für eine Smart-City-Charta mit, die im Sommer dieses Jahres veröffentlicht werden soll. Seiner Meinung nach werden sich in Deutschland in naher Zukunft nur einzelne Aspekte durchsetzen, etwa neue Leitsysteme zur Verkehrssteuerung, wie kleinteilige Verkehrsbeobachtung oder Echtzeitsteuerung in Abhängigkeit vom Verkehrsaufkommen. Derzeit könne jedoch kein Wissenschaftler seriöse Vorhersagen zum Zeitpunkt der Umsetzung solcher Ideen treffen.

Peter Jakubowski sieht auch keinen Grund zur Eile – im Gegenteil. „Mit Blick auf mögliche Hackerangriffe sind wir gut beraten, erst einmal an stabilen Sicherheitssystemen zu arbeiten.“ Seine Empfehlung lautet: „Die Handlungshoheit sollte immer in öffentlicher Hand bleiben. Wir sollten das Gemeinwesen nicht weiter privatisieren und die Kontrolle keinem Unternehmen überlassen.“ ---
2017
In Berlin und München eröffnet Amazon zusammen mit DHL die ersten Onlinesupermärkte.
In Berlin nimmt die Firma TopFarmers die größte Aquaponik-Anlage Europas in Betrieb. In Lausanne (Schweiz) wird ein vertikaler Wald an einem Hochhaus fertiggestellt. 2018
Im Wiener Stadtteil Aspern wird ein 24-stöckiger Wohnturm aus Holz vollendet. Das Bauwerk steht in der ersten Smart City Österreichs, die 20 000 Menschen beherbergen soll. 2020
In Südkorea und Japan werden die Bauarbeiten für die Smart Citys Songdo und Fujisawa abgeschlossen. Erstere betreibt das Unternehmen Cisco, die andere Panasonic. Der japanische Konzern steht ebenfalls hinter dem Projekt „Future Living Berlin“. 2025
Norwegen und die Niederlande erlauben keine Neuzulassungen für Autos mit Verbrennungsmotor. Athen, Mexico-Stadt, Madrid und Paris planen das Verbot von Dieselfahrzeugen. 2026
In Hamburg geht die erste autonom fahrende U-Bahn in Betrieb (U5 Ost). 2030
Kalifornien erlaubt keine Neuzulassungen für Autos mit Verbrennungsmotor. Deutschland plant ein Verbot dieser Fahrzeuge. Dubai will, dass ein Viertel selbstfahrende Fahrzeuge sind.