Tobias Bergmann im Interview

Anfang des Jahres 2017 eroberte ein Bündnis um den Unternehmensberater Tobias Bergmann die Mehrheit im Plenum der Hamburger Handelskammer. Ihr wichtigstes Wahlversprechen: die Abschaffung der Pflichtbeiträge. Jetzt stehen die Frischgewählten vor dem Grunddilemma jedes Revolutionärs: Wie weiter, wenn der Umsturz geglückt ist?





brand eins: Woher nehmen Sie die Chuzpe, eine 352 Jahre alte Bastion wie die Hamburger Handelskammer zu schleifen?

Tobias Bergmann: Aus der Überzeugung, die ich bereits bei meiner ersten Begegnung mit der Handelskammer gewonnen hatte: dass es sich hier um einen wahnsinnig angesehenen, mächtigen und arroganten Koloss handelt, der auf einem sehr wackeligen Fundament steht. Eine Institution, die einerseits Unternehmer und freie Wirtschaft vertreten will, andererseits auf Zwangsmitgliedschaft und -beiträge setzt, erschien mir eindeutig überholt.

Geärgert haben sich darüber vermutlich viele. Getan aber haben nur wenige etwas.

Es stimmt: Viele Mitglieder haben ihre Fäuste in den Taschen geballt, die Handelskammer aber dann letztlich ignoriert. Schließlich hat man als Unternehmer anderes zu tun, als sich in einen Kampf zu begeben, für den man einen langen Atem braucht. Zwischen meiner ersten Kandidatur und unserem Wahlsieg lagen sechs arbeitsreiche Jahre.

Als Unternehmer aus dem Niederbayerischen gehören Sie nicht zum althanseatischen Netzwerk. Ist es von strategischem Vorteil, als Außenseiter in einen solchen Kampf zu ziehen?

Es hilft sicher, wenn man auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Meine Einstellung lautete: Wenn ich die Wahl verliere, jagen sie mich halt vom Hof – na und? Ich hatte keine Angst vor dieser Organisation, und das hat mich von vielen anderen unterschieden, die in der Hamburger Wirtschaft enger verdrahtet sind als ich.

Gewonnen haben Sie die Wahl vor allem mit Ihrer Forderung nach einer Abschaffung der Pflichtbeiträge, die jedes Mitglied an die Handelskammer zahlen muss. Man könnte sagen: eine ziemlich populistische Forderung.

Die Abschaffung der Zwangsbeiträge war in der Tat ein durchschlagendes Argument, das uns sofort von den anderen Kandidaten unterscheidbar gemacht hat. Aber die meisten Mitglieder ärgerten sich ja gar nicht über die paar Dutzend Euro Mitgliedsbeitrag, sondern vielmehr über die Tatsache, dass dieses Geld zwangsweise von einer Organisation eingezogen wurde, die ihre Interessen gar nicht mehr vertrat.

Wie wollen Sie die Mitglieder denn in Zukunft dazu bewegen, freiwillig für diese Organisation zu zahlen?

Indem wir mit unserer Arbeit beweisen, dass es sinnvoll ist, ein zahlendes Mitglied der Handelskammer zu sein. Genauso wie es jede Gewerkschaft und jede Kirche tut, bei der man ja auch freiwillig zahlt, weil man eine gemeinsame Haltung teilt. Dazu muss die Handelskammer aber erst einmal wieder Anziehungskraft entwickeln.

Bei aller Anziehungskraft, einen Haushalt von rund 40 Millionen Euro werden Sie aus freiwilligen Beiträgen nicht stemmen können.

Wir werden Einnahmen verlieren, und damit werden wir auch Ausgaben anpassen müssen. Die Hamburger Handelskammer leistet sich momentan noch einen Geschäftsführer, der mit 530 000 Euro im Jahr dreimal so viel verdient wie der hiesige Wirtschaftssenator. Mit 265 hauptamtlichen Mitarbeitern beschäftigt sie ähnlich viele Angestellte wie die Berliner Handelskammer, die doppelt so viele Unternehmen vertritt. Hinzu kommen ineffiziente oder überflüssige Dienstleistungen wie die Energieberatung – in einer Stadt, in der man mit entsprechenden Angeboten zugeschüttet wird. All das werden wir überprüfen.

Was wäre das Schlimmste, das Ihnen als Wahlsieger passieren könnte?

Wenn wir uns vom System aufsaugen und korrumpieren ließen. Die Versuchung ist groß. Wir sind sechs Jahre gegen die Mauern dieses Palastes angerannt, und jetzt halten wir plötzlich seinen Schlüssel in der Hand. Da muss man höllemäßig aufpassen, nicht seinen moralischen Kompass zu verlieren.

Wie lautet Ihr Rat an Unternehmer jenseits von Hamburg, die sich von ihrer Handelskammer auch nicht vertreten fühlen?

Erstens: den Kampf aufnehmen. Überall, wo sich unternehmerische Freiheit und Zwangsmitgliedschaft gegenüberstehen, haben Rebellen eine Chance. Die Schlüsselfrage ist eher, ob man genügend Mitstreiter findet, die sich aufstellen lassen und nach einem Wahlsieg die Mandate übernehmen.

Zweitens: lieber zweimal drüber schlafen, bevor es losgeht. Denn es ist ein wahnsinnig kräftezehrender Kampf. In den vergangenen Monaten, für die ich mich von meiner Firma freistellen lassen musste, hat er mich vier Tage pro Woche beschäftigt. Länger hätte ich das nicht durchgehalten. ---