Sozialberufe

Wir brauchen mehr Erzieher und Pfleger. Deshalb müssen beide Berufe von Stereotypen befreit werden.





• Bei Jonas Büch hat es geklappt. Eigentlich wollte der 22-Jährige nach seinem Abitur Sport- und Fitnesskaufmann werden. Doch dann hat er sich anders entschieden. Er ist 2015 dem eindringlichen Werben um „Mehr Männer in Kitas“ erlegen und lässt sich seitdem zum Erzieher ausbilden.

Einer mehr. Gut so! Denn der Beruf ist noch immer fest in Frauenhand, was einer dringend notwendigen Aufwertung der Frühpädagogik in Deutschland im Wege steht.

Mit geschlechtsspezifischen Fähigkeiten hat das nichts zu tun. Sondern mit Stereotypen. Frauenberuf suggeriert, dass der Verdienst nicht so hoch sein muss, um eine Familie davon zu ernähren, und dass es bei der Ausübung weniger auf Fachwissen ankommt als auf Empathie und Hilfsbereitschaft.

Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lag der Stundenlohn in Jobs mit einem Frauenanteil von mehr als 70 Prozent im Jahr 2014 im Schnitt um acht Euro niedriger als in männlich dominierten Berufen. Techniker verdienten 18 Euro brutto die Stunde, während Sprechstundenhelferinnen 10 Euro, Altenpflegerinnen 12 Euro und Erzieherinnen 14 Euro bekamen, obwohl ihre Ausbildung nicht weniger lange dauert. Die Studienleiterin Elke Holst führt die Lohnunterschiede auf die immer noch verbreitete Ansicht zurück, dass etwa Kinderbetreuung und Altenhilfe keine spezifischen Qualifikationen erforderten, da solche Arbeit einst unbezahlt von Frauen in Familien geleistet wurde.

Für den Sozialsektor ist das verhängnisvoll. Seit Jahren klagt etwa die Pflegebranche über einen Mangel an Fachkräften, und da es in Deutschland immer mehr alte Menschen geben wird, wird sich die Lage weiter verschärfen. Mindestens 350.000 zusätzliche Arbeitskräfte bis zum Jahr 2030 seien nötig, so der Pflege-Report 2016 der AOK. Auch mehr Erzieher braucht das Land, bedingt durch den Ausbau des Ganztagsangebots in den Kindertagesstätten und die gewachsenen Ansprüche an deren Qualität. Die Bertelsmann-Stiftung beziffert den Mehrbedarf auf 107.000 Fachkräfte.

Um genügend Nachwuchs anzulocken, müssten soziale Jobs also dringend attraktiver werden, aber wie? Der Stellenwert eines Berufs ist über lange Jahre kulturell geprägt und lässt sich daher nicht einfach einklagen, wie die überschaubaren Erfolge der zahlreichen Streiks und Demos von Pflegern und Erziehern in den vergangenen Jahrzehnten zeigen.

Auch Lena Hipp und Nadiya Kelle vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung stellen in ihrer 2016 veröffentlichten Studie „Nur Luft und Liebe“ über die Entlohnung sozialer Dienstleistungsarbeit in 23 europäischen Ländern fest: Je höher der Frauenanteil, desto niedriger sind die Einkommen. Eine ihrer Empfehlungen für eine Aufwertung sozialer Berufe lautet: „Sie müssen auch für Männer attraktiv werden.“

Was lässt sich von Hamburg lernen?

Aber wie? Eine erste Antwort findet man in Hamburg, wo die Zahl der männlichen Erzieher in Kindertagesstätten zwischen 2010 und 2015 von 767 auf 1129 gestiegen ist. Sie wird in den kommenden Jahren weiter steigen, da sich zurzeit mehr Männer denn je für diesen Beruf ausbilden lassen – eine Folge der Initiative „Mehr Männer in Kitas“, die vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesfamilienministerium gefördert wurde, um für die aus pädagogischen Gründen für wichtig gehaltene Präsenz männlicher Rollenvorbilder zu sorgen.

1300 Kitas in 13 Bundesländern nahmen an der Initiative teil. In Hamburg war sie besonders erfolgreich. Dort beträgt der Anteil männlicher Kita-Erzieher heute 9,6 Prozent. Bundesweit liegt der Durchschnitt bei nur 4,1 Prozent.

Ein Grund für den Erfolg: In Hamburg hat man mit Werbung geklotzt. Auf großflächigen Plakaten und in einem Kinospot wurden männliche Erzieher als Vorbilder präsentiert – Typen wie Sebastian Hanisch. Vollbart, Zahnlücke, tätowierte Arme. Auf seinem T-Shirt stand: „Forscher entdecken die Welt. Ich wecke die Neugier.“ Oder Chris Jacobs. Rastazöpfe und Kapuzenpulli mit der Aufschrift „Ernährungsberater. Erfinder. Ratgeber. Event-Manager. Motivator. Modellbauer“. Daneben der Slogan: „Sei alles, werde Erzieher.“

„Wir haben auf den Plakaten bewusst keine Kinder gezeigt. Die Entfaltungsmöglichkeiten der Zielgruppe sollten im Vordergrund stehen“, sagt Katja Gwosdz vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, der die Initiative in der Hansestadt koordinierte. Flankiert wurde die Werbekampagne von persönlichen Beratungsgesprächen und Auftritten auf Jobmessen, mit dem Ziel, über die Ausbildung zum Erzieher, die erforderlichen Fähigkeiten und den Berufsalltag zu informieren. „Und ganz wichtig war“, sagt Gwosdz, „auch den Berufsberatern in den Arbeitsagenturen bewusst zu machen, dass Erzieher nicht nur ein Beruf für Frauen ist.“

Dank dieser Kampagne mussten die für die Ausbildung zum Erzieher zuständigen Hamburger Fachschulen zur Bewältigung des plötzlichen Andrangs viel mehr Klassen einrichten, und der Anteil der Männer unter den Schulanfängern stieg zwischen 2010 und Frühling 2014 um 84 Prozent. „Der Wert der Erzieher und speziell männlicher Erzieher für die Persönlichkeitsbildung von Kindern wird oft verkannt“, sagt Gwosdz. „Wir wollten zeigen, dass die Menschen, die als Erzieher arbeiten, so vielfältig sind wie der Beruf selbst.“

Doch das allein reichte nicht. Was viele junge Männer abschreckt, ist die Tatsache, dass angehende Erzieher anders als etwa Mechatroniker, die schon im ersten Lehrjahr mehr als 800 Euro verdienen, in ihrer drei- bis fünfjährigen schulischen Ausbildung keinen Cent bekommen. Seit dem Jahr 2015 gibt es daher eine neue vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesfamilienministerium geförderte Initiative, die Männern durch neue Modelle einer vergüteten Ausbildung den Quereinstieg erleichtern soll.

Für Jonas Büch war das ein entscheidender Faktor. Durch die „Mehr Männer“-Kampagne in Hamburg kam ihm erstmals der Gedanke, dass Erzieher ein Beruf für ihn sein könnte. Auf der zugehörigen Website entdeckte er das Angebot einer berufsbegleitenden Ausbildung. „Ohne das“, sagt er, „hätte ich mir die Ausbildung nicht leisten können.“ Büch besucht heute an zwei Tagen in der Woche die Berufsschule, an drei Tagen ist er in der Kita tätig, verdient 800 Euro netto. Er sagt: „Die Arbeit mit den Kindern ist voll mein Ding.“

Mindestens 20 Prozent sollte laut EU-Empfehlung der Männeranteil in Kitas betragen. Davon ist man selbst in Hamburg noch weit entfernt. Aus Erfahrung weiß man aber, dass es einen Multiplikatoreffekt gibt: Jeder Mann, der den Einstieg findet, lockt weitere Männer an. ---