Wie bleiben Dörfer lebenswert?

Durch Menschen, die etwas dafür tun.




• Viele deutsche Gemeinden in ländlichen Regionen haben Probleme: Junge Leute ziehen in die Städte, nur die Alten bleiben. Es ist schwierig, zum Beispiel Kindergärten, medizinische Versorgung und Nahverkehr aufrechtzuhalten. Dass Landflucht kein unabänderliches Schicksal ist, zeigt das Emsland. Die Einwohnerzahl in dem niedersächsischen Landkreis an der Grenze zu den Niederlanden ist seit 1970 deutlich gestiegen. Seit 1980 hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs um 75 Prozent zugenommen. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner ist in der mittelständisch geprägten Region 2013 mit 36 500 Euro im Jahr höher als im Bundesdurchschnitt. Eine aktuelle Studie („Von Kirchtürmen und Netzwerken. Wie engagierte Bürger das Emsland voranbringen“) des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung untersucht, was die Leute dort richtig machen.

Was hält Dörfer lebendig?

Nachbarschaftshilfe. Ehrenamtliche fragen zum Beispiel in Bürgerversammlungen, was Jugendlichen oder alten Leuten fehlt, und schaffen Abhilfe. Sie gründen Jugendclubs, sorgen für sichere Fußwege oder gründen Dorfläden für die Nahversorgung. Schöner Nebeneffekt: Eigeninitiative schafft Verbundenheit. Aufgabe der Verwaltung ist es, dieses Engagement zu unterstützen.

Was sorgt für Zusammenhalt?

Sozialkapital. Ehrenamtliches Engagement ist im Emsland selbstverständlich – schon weil die freiwillige Feuerwehr eine Notwendigkeit ist und es ohne Vereine weder Sport noch Dorfkapellen und Schützenfeste gäbe. Das gelingt auf Dauer nur, wenn sich die Vereine den Veränderungen im Dorf anpassen und zum Beispiel Zugezogene und Flüchtlinge integrieren. Im Emsland hat man damit Erfahrung: Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen 40 000 Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die Region.

Wie funktioniert Integration?

Volkshochschulen bieten Kurse an, in denen Freiwillige im Umgang mit Geflüchteten und in den bürokratischen Finessen des Asylverfahrens geschult werden. So können diese Integrationslotsen den Menschen besser helfen, in der neuen Heimat zurechtzukommen. Die Behörden und lokalen Vereine arbeiten eng mit den Integrationslotsen zusammen.

Wer baut ein Mehrgenerationenhaus in der Gemeinde Werpeloh?

Viele der rund tausend Einwohner, in ihrer Freizeit, unbezahlt. Schließlich braucht ihr Dorf ein schönes Haus, in dem sich alle treffen können: Krabbel- und Kirchengruppen, Vereine, Jugendliche. Zweimal die Woche gibt es einen Mittagstisch für Grundschulkinder, auch selbst organisiert, und im Winter findet dort der Weihnachtsmarkt statt.

Wie ersetzt oder ergänzt man den öffentlichen Nahverkehr?

Wer nicht mehr Auto fahren kann, hat auf dem Land ein Problem. Die Lösung heißt selbst organisierter Nahverkehr: In der Gemeinde Sögel fahren Freiwillige alte Leute zum Einkaufen. In der Gemeinde Emsbüren können die Leute für wenig Geld den ehrenamtlichen Fahrdienst des Bürgerbusvereins nutzen. Der bringt zudem morgens die Kinder in den Kindergarten.

Wo kann man in Apeldorn einkaufen?

Seit 2011 wieder im Dorfladen. Zuvor hatten mit dem Bäcker und Lebensmittelgeschäft die letzten Treffpunkte in dem 800-Seelen-Dorf geschlossen. Tobias Kemper, damals 24, machte in der leer stehenden Grundschule einen Dorfladen samt Café auf. Seitdem trifft man sich dort, und das Plaudern beim Kaffee ist mindestens so wichtig wie der Einkauf. Weil das so gut funktionierte, hat Kemper noch drei weitere Dorfläden in der Region eröffnet.

Wer unterstützt die Angehörigen von Demenzkranken?

In Emsbüren die „Lokale Allianz für Demenzkranke“. In einem Café können sich die Angehörigen austauschen und beraten lassen. Eine Betreuung der Kranken kann nach Absprache organisiert werden, wenn die Angehörigen eine Auszeit brauchen.

Wer hilft Alten und ihren Helfern?

Ehrenamtliche können sich in Kursen als Senioren- und Pflegebegleiter schulen lassen, das macht ihre Hilfe wirkungsvoller. Damit die alten Menschen lange im eigenen Haus wohnen bleiben können, hat der Landkreis zudem eine ehrenamtliche Wohnberatung gegründet, die gratis bei der altersgerechten Umgestaltung hilft.

Was tun gegen Überalterung?

Eine familienfreundliche Umgebung schaffen. Das katholisch geprägte Emsland hatte lange eine relativ hohe Geburtenrate, doch seit 1999 sinkt sie kontinuierlich. 2013 lag sie nur noch leicht über dem Bundesdurchschnitt von 1,4 Kinder pro Frau. Damit sich der Trend nicht fortsetzt, verbessern Kreis und Kommunen die Betreuungsmöglichkeiten. So wurden Familienzentren in jeder größeren Gemeinde gegründet, die Betreuung für Kinder unter drei Jahren wurde ausgebaut und ein Zertifikat für familienfreundliche Arbeitgeber eingeführt.

Wie lässt sich die Anbindung verbessern?

Indem man selber anpackt. Die Emsländer bauten das einzige nicht vom Bund finanzierte Autobahnteilstück Deutschlands, die A 31 zwischen Emden und Bottrop. Das Finanzierungsmodell ist einmalig: An den Kosten beteiligten sich Privatleute, Firmen, Gemeinden, Landkreise sowie die Niederlande. Das Autobahnteilstück war zehn Jahre früher fertiggestellt, als in der Planung des Bundes vorgesehen. ---