Theo Waigel und Markus Brunnermeier über den Euro

Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel und der Ökonom Markus Brunnermeier wagen sich an eine Prognose.





• Fragt man Theo Waigel, 78, ob es den Euro in zehn Jahren noch geben wird, antwortet er: „Aber sicher! Ich bin mir sogar sicher, dass meine und Ihre Beerdigung in Euro bezahlt werden.“ Der ehemalige Bundesfinanzminister (1989 – 1998) nennt dafür einen einfachen Grund: „Weil der Euro eine starke Währung ist und alle Länder, die ihn eingeführt haben, davon profitieren.“

Alle – das sind zunächst, so Waigel, die starken Länder wie Deutschland oder die Niederlande. Sie können mit der Gemeinschaftswährung besser kalkulieren, da sie nicht permanent Währungsschwankungen ausgesetzt sind. Aber auch die schwächeren Länder profitieren vom Euro, weil sie dank der niedrigen Zinsen eine gigantische Rendite erwirtschaften. „Nehmen wir Italien, die hätten doch auf einen Schlag wieder Zinsen, die um fünf bis zehn Prozent höher wären als heute“, sagt Waigel. Und noch einen guten Grund gebe es: „Ein Europa ohne Euro wäre mit 25 oder 30 verschiedenen Währungen ein Spielball des Dollar und des stärker werdenden chinesischen Renminbi.“

Wenn Theo Waigel über den Euro spricht, dann geht er einmal durch die europäische Geschichte. Der Zweite Weltkrieg, der Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods in den Siebzigerjahren, die Ölkrise, Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing und deren Europäisches Währungssystem, der Delors-Bericht von 1989, mit dem es dann richtig losging.

An seiner ersten Sitzung europäischer Finanzminister nahm Waigel kurz nach seiner Ernennung durch den Bundeskanzler Helmut Kohl am 21. April 1989 in Spanien teil. Thema war die Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion. Am Anfang sei er skeptisch gewesen, dann aber habe er für den Euro gekämpft, „aus voller Überzeugung“. Schließlich setzte er am 7. Februar 1992 seine Unterschrift unter den Vertrag von Maastricht zur Euro-Einführung am 1. Januar 1999.

Würde er es wieder machen? „Aber sicher.“ Denn der Euro sei so stabil, wie einst die D-Mark. Laut Waigel liegt die Inflation in Deutschland mit dem Euro niedriger als mit der D-Mark. Und noch etwas: Während der Hälfte der D-Mark-Zeit seien die Realzinsen in Deutschland negativ gewesen. „Aber merkwürdigerweise hat das nicht zu einem Aufstand geführt.“ Zudem habe der Euro dabei geholfen, dass bei der Finanzkrise 2008 der Binnenmarkt nicht zusammenbrach. „Durch den Euro konnten die Länder ihre Währungen nicht abwerten.“

Theo Waigel ist als ehemaliger Bundesfinanzminister verantwortlich für den Euro und insofern natürlich befangen. Man kann daher noch mal jemanden anrufen und fragen, ob auch er glaube, dass seine Beerdigung in Euro bezahlt werde.

Markus Brunnermeier, 48, zum Beispiel. Der gebürtige Landshuter leitet das Bendheim Center for Finance an der amerikanischen Universität Princeton. Ben Bernanke, der ehemalige Chef der US- Notenbank Federal Reserve, hat Brunnermeier einst in die USA geholt. Und auch wenn andere Ökonomen dort, wie etwa der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, dem Euro nicht mehr viel Zeit geben, ist Brunnermeier optimistisch. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Euro noch viele Jahre geben wird“, sagt er. „Der Euro hat auch seine guten Seiten.“ In Zukunft werde die Weltwirtschaft von großen Wirtschaftsräumen dominiert. Vom amerikanischen, asiatischen und europäischen. „Da ist es hilfreich, eine gemeinsame Währung zu haben.“

Viele Probleme, zum Beispiel die Instabilität internationaler Finanzmärkte, gäbe es auch ohne den Euro. „Alles, was gut läuft, wird von den nationalen Regierungen häufig als ihre Errungenschaft dargestellt; alles, was schlecht läuft, wird Europa zugeschrieben“, sagt er.

Brunnermeier hat auch Verbesserungsvorschläge, eine europäische Schuldenverwaltung etwa. Damit gemeint sind keine Euro-Bonds, bei denen alle Länder haften. Sein Vorschlag ist: Private Institutionen sollten langfristig den Euro-Ländern ihre Staatsanleihen bis zum Wert von 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes abkaufen, diese dann neu mischen und dann zwei neue Anleihen herausgeben. So könnten sehr sichere Wertpapiere geschaffen werden, die er European Safe Bonds (ESBies) nennt, und risikoreichere, nachrangige Papiere. Im Fall eines Bankrotts oder Schuldenschnitts würden die risikoreichen Papiere die Verluste auffangen, so die Idee.

Fragt man Theo Waigel nach Verbesserungspotenzial beim Euro, sagt der: „Ein solcher Vertrag ist das Werk von zwölf oder noch mehr Ländern. Das ist immer auch ein Kompromiss. Niemand weiß, ob wir heute ein besseres Ergebnis bekommen würden, wenn wir das noch einmal aushandeln würden.“

Dass es eben nicht immer nach seinen Vorstellungen geht, das hat Waigel selbst erlebt. 1997 kam der damalige griechische Finanzminister mit zwei Bitten zu ihm: Auch Griechenland wolle zum 1. Januar 1999 dem Euro beitreten, und das Wort „Euro“ solle auch in griechischen Buchstaben auf die neuen Noten gedruckt werden. Zur ersten Bitte sagte Waigel, das sei unmöglich. Zur zweiten: „Ihr werdet nie dabei sein, folglich kommen eure Buchstaben auch nicht drauf.“

Da hat er sich geirrt. Die Notenbankchefs entschieden, dass „EYPΩ“ auf die Scheine gedruckt wurde. Und am 1. Januar 2001 trat Griechenland dem Euro bei. Theo Waigel: „Ich lege großen Wert darauf, dass ich dafür nicht verantwortlich bin. Das ist ein großer Fehler, der uns bis heute wehtut.“ ---