Fuchs

Er fühlt sich in der Provinz ebenso wohl wie in der Stadt, mag Fleisch, lebt zur Not aber auch vegetarisch und hat sich ein Super-Image zugelegt. Porträt eines der größten Zivilisationsgewinner.





• Wir Menschen tun uns schwer in fremden Gefilden. Das ungewohnte Klima, die unverständliche Sprache, die sonderbaren Sitten und Gebräuche, das unverträgliche Essen – und überhaupt. Wir sollten uns ein Beispiel am Rotfuchs („Vulpes vulpes“) nehmen. Meister Reineke ist ein äußerst flexibler Bursche. Er kommt von der Wüste bis zur arktischen Tundra überall zurecht, lebt je nach Umständen allein oder mit Familie und passt sich geschmeidig an Land und Leute an. So hat er eine beeindruckende Karriere hingelegt und es zum „am weitesten verbreiteten fleischfressenden Säugetier der Welt“ gebracht, wie der Biologe Bernhard Kegel in seinem Buch „Tiere in der Stadt“ schreibt.

Apropos Fleisch: Der Fuchs ist diesbezüglich nicht dogmatisch, zur Not verzehrt er Würmer und Schnecken. Er frisst auch Fallobst, stibitzt Katzen ihr Futter aus dem Napf oder begnügt sich mit kalten Pommes aus der Mülltonne. Daher gilt er im zoologischen Fachjargon als Opportunist – was als Kompliment gemeint ist und eine Voraussetzung war, um die Metropolen zu besiedeln. In Großbritannien sichtete man die ersten Stadtfüchse bereits in den Dreißigerjahren, heute gibt es sie weltweit. Allein in Berlin sollen bis zu 2500 der kleinen Raubtiere leben. Mittlerweile leide der Stadtfuchs sogar schon „unter Wohnungsnot“, wie Derk Ehlert, Sprecher der Berliner Senatsumweltverwaltung, der »Taz« sagte. Vor jedem Bau, der frei wird, stehen Interessenten Schlange.

Um den Menschen so nahe zu kommen, brauchte der Fuchs vor allem eines: Mut. Er galt über Jahrhunderte als hinterlistig, heimtückisch und boshaft, als Gänsedieb und Tollwutüberträger. Daher verfolgten ihn die Menschen gnadenlos, schossen ihn massenhaft ab oder vergasten ihn in seinem Bau. Man versuchte mit allen Mitteln, ihn auszurotten. Vergeblich, denn der Fuchs ist sehr clever. Deshalb ließ er sich auch auf einen Deal ein, den die Menschen ihm irgendwann aus Verzweiflung anboten, eine Art Schluckimpfung. Sie legten Ende der Siebzigerjahre zunächst in der Schweiz Köder mit einem Impfstoff gegen Tollwut aus. Den fraß der Fuchs brav. Das schützt nicht nur Menschen, sondern vor allem ihn: Zuvor waren 90 bis 95 Prozent aller von der Tollwut befallenen Tiere verendet. Heute gelten unsere Breiten als tollwutfrei.

Bald brauchte der Fuchs weder Angst vor der Tollwut noch vor uns zu haben. Heute gilt er als süß, Menschen, denen einer über den Weg läuft, zücken ihr Smartphone, um ein Foto von ihm zu machen. Manche sogar ein Selfie, was aber nicht zu empfehlen ist, da er nach wie vor gut zubeißen kann. Mittlerweile vermehrt sich der Fuchs wie ein Karnickel, flaniert – wiewohl eigentlich nachtaktiv – auch tagsüber durch die Stadt und schmeichelt sich geschickt bei den Zweibeinern ein. So geschickt, dass die englische Upperclass seinetwegen sogar ihren Lieblingssport aufgegeben musste: die Fuchsjagd.

Chapeau, Meister Reineke! ---