Was wurde aus der New Economy?

Nach dem Börsen-Crash der Jahrtausendwende schien die Start-up-Welt am Ende – ein Trugschluss.





• Die neue Art von Wirtschaft kam hierzulande Ende der Neunzigerjahre mit der kommerziellen Nutzung des Internets auf. Ihre Anhänger widersprachen der klassischen Wirtschaftstheorie drastisch, vor allem dieser These: je knapper ein Gut, desto höher sein Preis. In der New Economy, so die Überzeugung der neuen Unternehmer, ließen sich erst dann hohe Preise erzielen, wenn ein Gut oder Service universell verfügbar sei.

Schnelles Wachstum war ihr höchstes Ziel, die Profitabilität zweitrangig, Gewinne würden sich schon einstellen, sobald genügend Nutzer gewonnen wären. Investoren, die für diese Art von Denken offen waren, gab es in den USA schon seit den Sechzigerjahren, etwa Mitglieder der berühmten Unternehmerdynastie der Rockefellers, die früh in technologiegetriebene Firmen investierten. Die ersten im Internet aktiven Unternehmen entstanden denn auch in den USA. Der Boom in Deutschland begann, als die Deutsche Börse 1997 nach dem Vorbild der US-Technologiebörse Nasdaq ein neues Börsensegment für Start-ups schuf, wie junge Unternehmen in der New Economy neuerdings hießen: den Neuen Markt.

Sein Start markierte den Beginn eines bis dahin beispiellosen Hypes, an dessen Höhepunkt mehr als 300 Firmen am Neuen Markt notiert waren – manche waren im Internet tätig, etwa das erste deutsche Online-Auktionshaus Ricardo, viele aber auch in anderen Branchen, die sich der New Economy zugehörig fühlten. EM-TV etwa, ein klassischer TV-Vermarkter, oder der Mobilfunkanbieter Mobilcom. Gemeinsam hatten viele Neue-Markt-Firmen etwas anderes: Sie schrieben rote Zahlen und waren irgendwann hoffnungslos überbewertet. Zur Jahrtausendwende platzte die Blase, zwischen März 2000 und März 2001 verlor der Neue Markt mehr als 80 Prozent seines Wertes und Anleger Hunderte Milliarden Euro. Mitte 2003 wurde das Börsensegment eingestellt – zu Unrecht, wie man heute feststellen muss.

Denn ja, es gab Betrugsfälle (Gigabell, EM-TV, Comroad), und die Verluste der Anleger waren hoch. Aber auch die Kurse an der Nasdaq fielen bis September 2002 um rund 80 Prozent. Danach begann eine Erholung, die bis heute anhält und in den USA weit über die alten Höchststände hinausgegangen ist. Ein Blick auf die Firmen, die zuletzt im Nemax 50 notiert waren, dem Leitindex des Neuen Marktes, zeigt, dass die Entwicklung hierzulande vermutlich ähnlich ausgesehen hätte: Die allermeisten gibt es noch – und sie sind erfolgreich.

WAS AUS DEN FIRMEN DES NEMAX 50 WURDE
Bis heute erfolgreich am Markt:
•••••••••••••••••••••••••••••• 30
Übernommen, umbenannt oder umgewandelt:
•••••••••••••••••• 18
Liquidiert:
•• 2

Der Neue Markt wurde abgeschafft. Lebt der Geist der New Economy weiter?

Stefan Wiskemann*: Der Start-up-Spirit – also die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, Verantwortung zu übernehmen – ist nicht nur geblieben, er ist heute viel stärker ausgeprägt als um die Jahrtausendwende. Direkt nach der Uni zu gründen, wie wir es getan haben, war damals sehr ungewöhnlich. Heute ist es für junge Leute eine gängige Alternative zum Einstieg bei einem etablierten Unternehmen. Und auch die Kultur, die wir und andere Gründer Ende der Neunzigerjahre etabliert haben – keine Krawatten mehr, keine Eckbüros, flache Hierarchien, lockere Umgangsformen –, besteht bis heute. Sie hat sogar auf die Konzernwelt übergegriffen.

brand eins: Was hat sich verändert?

Die Gründer sind besser ausgebildet, selbst dann, wenn sie direkt von der Universität kommen. Sie haben viel mehr betriebswirtschaftliches Know-how, kennen sich in Finanzierungsfragen gut aus. Viele haben auch schon Erfahrung als Unternehmer, gründen nicht zum ersten Mal.

Laut dem Deutschen Start-up-Monitor haben in der Tat knapp die Hälfte aller befragten Gründer bereits ein oder mehrere Start-ups ins Leben gerufen. Sehen Sie weitere Unterschiede?

Die Infrastruktur ist viel besser, gerade im technischen Bereich, wo es mittlerweile viele standardisierte und günstige Lösungen für alle möglichen operativen Probleme gibt. Aber auch das finanzielle Umfeld hat sich entwickelt, die Investoren sind zahlreicher und professioneller geworden, und die Gründer wissen, wie sie an sie herankommen. Wir haben damals nur zufällig bei einem Vortrag in der Handelskammer erfahren, dass es überhaupt so etwas wie Risikokapital gab. Und es gab davon nicht viel in Deutschland.

Haben Gründer es heute leichter als Sie?

Einerseits ja. Andererseits sind für den Erfolg immer noch klassische unternehmerische Tugenden entscheidend, vor allem die Fähigkeit, Widerstände zu überwinden. Es kommt mir vor, als würden sich manche Gründer heute zu sehr darauf verlassen, die typischen, inzwischen zum Standard gewordenen Regeln zu befolgen, etwa beim Business-Plan, bei der Finanzierung, beim Marketing. Ich höre immer wieder, dass sie sagen, sie hätten „konservativ geplant“, so, als könnte es nur besser werden. Oft wird es aber nicht besser, sondern schlechter, auch wenn man alles richtig gemacht hat. Dann kommt es darauf an, durchzuhalten, zu kämpfen, kreativ zu werden – damals wie heute.

*Stefan Wiskemann gründete 1998 mit zwei Partnern Ricardo und brachte die Firma ein Jahr später an den Neuen Markt. Sie befindet sich mittlerweile im Besitz des südafrikanischen Internet-Konzerns Naspers. In Deutschland ist sie nicht mehr aktiv, wohl aber in anderen europäischen Ländern, etwa in der Schweiz und in Polen. Wiskemann und seine Co-Gründer verkauften ihre Anteile schrittweise bis 2004 und sind heute vor allem als Investoren tätig.

Sind deutsche Start-ups heute immer noch vorwiegend Copycats?

44,9 Prozent der deutschen Start-ups haben ein Geschäftsmodell, das bereits andernorts existiert. Aber beim Produkt sind sie deutlich innovativer: 44,3 Prozent bieten eine Weltneuheit an.

Während der New Economy war das Geld billig, heute ist es noch billiger und in Unmengen verfügbar. Wird dadurch das Gründen einfacher?

Andreas Haug*: Erst einmal ja, aber zu viel Geld kann im Einzelfall auch gefährlich sein, wenn die Idee eines Start-ups nicht groß genug ist. Es gibt in Deutschland etwas, das ich digitalen Mittelstand nenne: Firmen mit Erfolg versprechenden Geschäftsmodellen, die allerdings nur ein begrenztes Wachtumspotenzial haben. Eine Wäscherei zum Beispiel, die ihren Vertrieb übers Internet macht und schnell Ableger eröffnen will. Sie bräuchte eigentlich nicht viel mehr Kapital als eine ganz normale Wäscherei. Eine Bankfinanzierung würde reichen. Solche Firmen haben in der Vergangenheit aber oft Venture Capital eingesammelt, sie wurden dann auf Wachstum getrimmt, um die Investoren zufriedenzustellen, obwohl ihr Potenzial dafür nicht reichte. Die internen Strukturen blieben oft auf der Strecke. Das ging dann nicht gut. Bei der Finanzierung kommt es auf die richtige Dosierung an.

brand eins: Im sogenannten digitalen Winter der Jahre 2001 bis 2005, als nach dem Zusammenbruch der New Economy kaum Risikokapital verfügbar war, sollen einige besonders gute Start-ups entstanden sein. Denn die mussten sich mit wenig Geld durchbeißen.

Es stimmt, in der Zeit wurden gute Firmen gegründet wie etwa Xing oder Trivago. Trotzdem ist, von einer übergeordneten Ebene betrachtet, zu viel Geld für die Start-up-Welt besser als zu wenig.

Droht dann nicht das Entstehen einer Blase wie schon in der New Economy?

Das ist die deutsche Sicht. Und ja, wenn zu viel Geld da ist, werden am Ende einige Investoren verlieren. Aber was ist daran so schlimm? Wenn Kapital fehlt, bleiben Innovationen auf der Strecke, das ist viel dramatischer. Oder die Unternehmen wandern ab und finanzieren sich im Ausland, etwa in den USA.

Tatsächlich sank im vergangenen Jahr nicht nur das Volumen an Wagniskapital, das hierzulande investiert wurde, deutlich von 3,2 auf 2,2 Milliarden Euro. Auch die Zahl der großen Deals, nämlich der Finanzierungsrunden über 50 Millionen Euro, halbierte sich von 12 auf nur noch sechs. Ist das in den USA anders?

Dort ist es im Moment so, dass für große Ideen und gute Gründerteams unbegrenzt viel Geld da ist. Es gibt in der Kategorie keinerlei finanzielle Engpässe. Das ist der Grund, weswegen große neue digitale Spieler dort entstehen – und nicht bei uns.

*Andreas Haug hat diverse Unternehmen gegründet und ist heute Partner des weltweit investierenden Wagniskapitalgebers EVentures.

Ist die Start-up-Community dabei, die Konzernwelt zu überholen?

Dieser Eindruck entsteht, weil die Aufmerksamkeit der Medien vor allem auf die Unicorns gerichtet ist, also Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden. Sucht man in Google News nach Firmennamen, kommt man aktuell bei Whatsapp auf gut 26 Millionen Treffer, bei Snapchat auf rund 9 Millionen. Zu Coca-Cola finden sich derweil nur gut 6 Millionen Nachrichten, zu Daimler gerade 1,4 Millionen.

Die reale wirtschaftliche Bedeutung der Unternehmen spiegeln diese Zahlen nicht wider. Ende 2016 lag dem US-Analysehaus CB Insights zufolge der gemeinsame Marktwert aller Unicorns bei rund 646 Milliarden Dollar, wobei 56 Prozent davon auf nordamerikanische Start-ups entfielen. Eine beeindruckende Zahl – doch machte sie weniger als zwei Prozent des Marktwertes der im Börsenindex Standard & Poor’s 500 enthaltenen Konzerne aus.

Es sieht nicht danach aus, als würde sich das in naher Zukunft ändern. Die Zahl der Firmen, die eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreichen, fällt seit dem Frühjahr 2015 deutlich: Kamen im 2. Quartal 2015 noch 25 Newcomer zu dem exklusiven Club hinzu, waren es im 4. Quartal vergangenen Jahres nur noch drei. Vieles spricht dafür, dass das Gros der Start-ups nicht zum marktbeherrschenden Konzern aufsteigt, sondern in mittelständischer Größenordnung verharrt. Beim Exit, wenn also die Phase der Finanzierung durch Wagniskapitalgeber (durch einen Börsengang oder Verkauf an ein anderes Unternehmen) endet, werden laut CB Insights mehr als die Hälfte aller Start-ups mit weniger als 50 Millionen Dollar bewertet.

Gründern wird oft vorgeworfen, sie seien vor allem auf Wachstum und einen schnellen Exit, also Verkauf, aus. Stimmt das?

Nein, für die große Mehrheit der Gründer hat das Umsatzwachstum eine ähnlich hohe Priorität wie die Profitabilität.

Außerdem planen die meisten, langfristig dabeizubleiben. Laut Start-up-Monitor bezeichnen 82 Prozent der Gründer ihren dauerhaften Verbleib im Unternehmen (im Unterschied zum schnellen Ausstieg entweder durch einen Verkauf oder Börsengang) als wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich.

Konzerne wie Mittelständler zeigen enormes Interesse an der Start-up-Szene. Aber arbeiten sie auch mit jungen Firmen zusammen?

Der weit überwiegende Teil der Start-ups arbeitet mit einer oder mehreren etablierten Firmen zusammen, wobei die Kooperation meist auf der Arbeitsebene stattfindet. Es geht also tatsächlich ums Geschäft. Die Teilnahme an Inkubatoren oder Acceleratoren, denen häufig der Makel anhaftet, dass kein echter Austausch stattfindet, spielt eine viel geringere Rolle, als in den Medien suggeriert wird. ---

Quelle: Eigene Recherche