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Armen Avanessian und Otfried Höffe über den Sinn des Menschen

Zwei Philosophen, zwei Antworten.





„ Mit der Spezies Mensch entstand an einer winzigen Stelle des Universums aus der Natur ein Wesen, das die Natur zugleich weit überragt: mit seiner Intelligenz, seinen sozialen, emotionalen und künstlerischen Begabungen und vor allem mit seiner Fähigkeit, sich selbst Ziele und Zwecke zu setzen und Mittel und Wege zu entwickeln, um diese schließlich zu erreichen.

Im Laufe seiner Geschichte bereichert der Mensch den Reichtum der Natur um eine ohne ihn unvorstellbare Fülle an Technik, Wissenschaft und Medizin, um Formen des Zusammenlebens, um Musik, Literatur und Kunst samt Architektur, um Recht, Gerechtigkeit und Solidarität, auch Religion.

Allerdings verfügt auch nur der Mensch über jenes Übermaß an Machtgier, Grausamkeit und Zerstörungskraft, die sowohl Mitmenschen als auch die Natur grenzenlos unterwirft und ausbeutet. Denn als ein Freiheitswesen ist der Mensch sowohl zum Guten als auch zum Bösen fähig. Weil der Mensch mit seinem Zerstörungspotenzial das eigene langfristige Wohl aufs Spiel setzt, muss diesem Wahnsinn Einhalt geboten werden.

Die Freiheit ist die herausragende Eigenschaft des Menschen. Die Vollendung der Freiheit ist die Moral. Sie verlangt, dass die eigene Person und die soziale Welt uneingeschränkt guten Gesetzen unterworfen und alle Kreativität in den Dienst von Gerechtigkeit und Humanität gestellt werden müssen.

Wofür also gibt es die Spezies Mensch? Sie existiert, damit die Natur sich in einem Wesen vollendet, das mehr als bloße Natur, nämlich ein Freiheitswesen ist. Das deshalb für sich selbst und die Mitmenschen, aber auch für die subhumane Natur Verantwortung trägt. Und um die Gefahr des Versagens zu verringern, braucht das Freiheitswesen Mensch Erziehung und für das Zusammenleben eine von Gerechtigkeit bestimmte Rechtsordnung.“

„Diese Frage impliziert eine fundamentale Unklarheit, sie offenbart, dass es keinen klar definierten Sinn mehr gibt. Früher wurden solche Fragen mit Verweis auf etwas Transzendentes, Göttliches beantwortet. Das ergibt heute keinen Sinn mehr. Dazu passt die Einsicht, dass es die menschliche Spezies als solche gar nicht gibt, sie entwickelt sich ständig weiter. Die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen, die sich quasi von Angesicht zu Angesicht zusammenfindet und am Lagerfeuer darüber berät, was ihre Aufgabe sein könnte, ist eine vormoderne Fantasie. Statt also einen immer schon gegebenen „Sinn“ unserer Spezies zu suchen, die es so heute schon nicht mehr gibt oder in Zukunft nicht mehr geben wird, sollten wir versuchen, uns der Frage nach dem „Wozu“ zu nähern – jedoch nicht mit Rekurs auf Vergangenes, sondern mit Blick in die Zukunft.

Ein großer Teil unserer gegenwärtigen Verunsicherung rührt von den Schlüsseltechnologien, die heute unser Leben prägen und unsere Sicht auf die Welt verändern: Algorithmen, die unsere Partnerwahl, unser Zusammenleben, unsere Politik beeinflussen. Obwohl wir sie selbstverständlich nutzen, fürchten wir gleichzeitig, von Computern unterworfen zu werden. Ängstlich fragen wir: Sind wir noch Menschen, oder sind wir schon Cyborgs?

Statt zurückzublicken, empfehle ich einen radikalen Perspektivwechsel. Die Zukunft muss intensiver mitgedacht werden, denn die Annahmen über sie formen schon heute unsere Gegenwart: Technologien greifen in unser Leben ein. Unsere Natur und unsere Gesellschaft wird schon heute algorithmisch verändert. Statt Fragen nachzugehen, die das „Wozu“ des Menschen im Menschen selbst suchen, müssen wir uns für die Möglichkeit eines Post-, Trans- oder Inhumanismus öffnen. Der Schlüssel liegt in der Technologie. Ihre Untersuchung und Erforschung kann Aufschluss darüber geben, was die Aufgabe der sich ständig ändernden Menschheit sein könnte.

Wie und ob wir dabei einen Sinn finden werden, bleibt offen. Vielleicht werden wir erst als selbstbewusste Cyborg-Menschen wieder so etwas wie ein Ziel entwickeln können. Und wenn die Gemeinschaft aus Mensch und Maschine die Abschaffung des humanistischen Menschenbilds vorantreibt, dann ist das eben so. Neue Technologien haben schon immer radikal verändert, was unter dem Begriff „Mensch“ verstanden wurde. Statt aus Angst davor den Rückzug aus der technisierten Welt zu propagieren, sollten wir für die neuen Entwicklungen offen sein. Wir werden die Technik nicht mehr einholen oder sie einseitig kontrollieren können: Es geht nun darum, einen neuen Entwurf des Menschen zu wagen.“

Otfried Höffe, 74,
ist emeritierter Philosophieprofessor mit den Schwerpunkten Ethik, Kant und Aristoteles. Er lehrte unter anderem Rechtsphilosophie an der juristischen Fakultät in Freiburg (Schweiz), zuletzt am Philosophischen Seminar der Universität Tübingen. Armen Avanessian, 44,
ist Philosoph, Literaturwissenschaftler und politischer Theoretiker. Er ist ein Vordenker des Akzelerationismus, der das bisherige Vorgehen der Linken im Kampf gegen den Kapitalismus kritisiert und für eine radikale Hinwendung zu technischem Fortschritt und Beschleunigung eintritt.