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Warum nimmt die Angst vor Kriminalität zu?

Seit zehn Jahren ist die Zahl der Straftaten in Deutschland in etwa gleich geblieben. Und doch stieg die Angst vor Kriminalität. Im Jahr 2006 gaben 33 Prozent der Deutschen an, sich durch Verbrechen bedroht zu fühlen. 2016 waren es 51 Prozent. Wie kann das sein?





Welche Rolle spielt die Art der Straftaten?

Die Zahl der Delikte ist von untergeordneter Bedeutung für die subjektive Furcht, Kriminalitätsopfer zu werden. Anders verhält es sich mit der Art bestimmter Straftaten, die Menschen besonders fürchten. In den vergangenen Jahren etwa hat die Zahl der Einbrüche stark zugenommen. Im Jahr 2015 etwa gab es mit rund 170 000 Einbrüchen fast zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor.

„Einbrüche sind ein fundamentaler Ein- griff in den privaten Rückzugsraum eines Menschen“, sagt Professor Christian Pfeiffer, ehemaliger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. „Das hat viel massivere psychologische Konsequenzen als eine Kneipenschlägerei.“ Wenn die Zahl der Einbrüche zunimmt, steigt die Angst – und das obwohl die Zahl schwerer Gewaltverbrechen seit Jahren sinkt.

Welche Rolle spielen Alter und Geschlecht?

Frauen und alte Menschen fürchten sich mehr davor, Opfer einer Straftat zu werden als junge Männer, obwohl Letztere häufiger Opfer von Kriminalität werden. „Junge Männer fühlen sich zu sicher. Alte Menschen wissen, dass sie nicht so abwehrfähig und verletzlich sind“, sagt Pfeiffer. Die steigende Angst vor Kriminalität liegt also auch daran, dass die Deutschen im Schnitt immer älter werden.

Welche Rolle spielt die Umgebung?

Forscher der Temple Universität in Philadelphia fanden heraus, dass die Angst vor Kriminalität in Städten besonders dort zunimmt, wo das Gefühl herrscht, dass die öffentliche Ordnung erodiert – etwa wenn Graffiti an den Wänden zu sehen sind oder Müll herumliegt. Auch aus diesem Grund ist die Angst vor Straftaten in Städten, die größer als 50 000 Einwohner sind, deutlich größer als auf dem Land.

Außerdem zieht es die Leute in die Städte. „Die Urbanisierung spielt eine Rolle bei der wachsenden Kriminalitätsfurcht. Menschen fühlen sich in einem anonymen Hochhaus einfach nicht so sicher wie in einer Dorfgemeinschaft“, sagt Pfeiffer.

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Veränderungen?

Als Forscher der Universität Edinburgh die Ängste vor Kriminalität in einer englischen Kleinstadt analysierten, fanden sie heraus, dass sie häufig in einem Atemzug genannt wurden mit Ängsten vor Veränderungen der Ar- beitswelt, neuen Technologien, auch Furcht vor sozialem Abstieg und vor dem Verfall moralischer Ordnung.

In Skandinavien haben die Menschen kaum Angst vor Kriminalität, obwohl dort die Zahl der Straftaten im europäischen Vergleich sehr hoch ist. Forscher der Universität Nijmegen fanden heraus, dass Ängste vor Kriminalität in Skandinavien dadurch abgeschwächt werden, dass das Vertrauen in den Staat sehr hoch ist und sich Globalisierungs-Ängste in Grenzen halten.

Welche Rolle spielen die Medien?

Man weiß, dass skandalisierende Berichterstattung, aber auch fiktionale Krimi-Sendungen bestehende Ängste verstärken können. „Je mehr Privatfernsehen die Menschen schauen, je mehr Mord und Totschlag sie sehen, desto mehr Angst bekommen sie“, sagt Pfeiffer.

In verschiedenen amerikanischen Studien zeigt sich, dass Medienkonsum besonders in Städten mit hoher Kriminalitätsrate zu mehr Angst vor Kriminalität führt. Eine Theorie der Forscher: Die Medien verstärken als Resonanzraum vor allem bestehende Ängste – erschaffen hingegen nur selten neue. ---