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Sind die Kinder heute klüger als früher?

• „Nach allem, was wir wissen: eindeutig ja“, sagt Jakob Pietschnig. Der Psychologe ist Bildungsforscher an der Universität Wien und erforscht den Flynn-Effekt. Damit bezeichnen Wissenschaftler die Beobachtung, die erstmals 1984 von dem neuseeländischen Politologen James R. Flynn gemacht wurde. 





Danach stieg seit Einführung des Intelligenztests im Jahr 1909 mit jeder Dekade der durchschnittliche IQ um zwei bis drei Punkte an. Bis 2012 waren das immerhin 30 Punkte. Für einen Einzelnen wäre das der Sprung vom Durchschnitt zum Genie. Dass er für die Bevölkerung in relativ kurzer Zeit möglich war, erstaunt Bildungsforscher noch immer. Intelligenz ist in dieser Betrachtung das, was verschiedene Intelligenztests messen. Obwohl IQ-Tests sehr generalistisch Wissen abfragen, gelten sie noch immer als sicheres Vorhersageinstrument für schulischen und beruflichen Erfolg. Doch nicht alle kognitiven Fähigkeiten verbessern sich.

Die Antwort auf die Frage „Wie heißt die Hauptstadt von Kuala Lumpur?“ erfordert „kristallisierte Intelligenz“, angehäuftes Wissen, bei dem es tatsächlich in den vergangenen hundert Jahren nur geringe Zuwächse gab. Auch in Arithmetik, Teil vieler Intelligenztests, zeigen sich keine Fortschritte. Sprünge gemacht haben Kinder vor allem im Bereich der „fluiden Intelligenz“, zu der das schlussfolgernde Denken gehört. Die Kinder passen sich damit besser an eine komplexere Welt an. Und eben auch an eine Welt, die gern testet.

Die Zunahme der Intelligenz ist gar nicht einfach zu messen. Zum Beispiel müssen die Tests für schlauere Kinder auch schwerer werden. Der Forscher Pietschnig sagt: „Wir müssen berücksichtigen, dass die Menschen in Tests heute häufiger raten, statt Fragen zu übergehen. Das hat sich einfach als sinnvolle Strategie in Testsituationen erwiesen.“

Nur warum werden die Kinder schlauer? Seit seiner Entdeckung vor rund 30 Jahren wird über mögliche Ursachen für den Flynn-Effekt diskutiert. Es gibt mehrere Dutzend Erklärungsansätze. „Unter den vielen Theorien sind die Faktoren bessere und längere Beschulung, verbesserte Ernährung sowie medizinische Versorgung und Hygiene am plausibelsten“, sagt Pietschnig. Belege dafür, dass es an der Technik liegen könnte, an Computerspielen oder Google, gibt es nicht. Ebenso schwach sind die Thesen zur genetischen Ausstattung oder der Familiengröße. Bildung, vor allem aber Bildungsqualität, gilt heute als der wichtigste Faktor. Denn auch in Schwellenländern wie Brasilien und Kenia zeigt sich der Flynn-Effekt mit der zunehmenden Zahl an Schulbesuchen.

Der Entdecker Flynn glaubt, einen weiteren Anstieg der Intelligenz nachweisen zu können. Für Deutschland sah er 2012 einen Anstieg von 0,35 Punkten pro Jahr. Vor allem das visuelle und logische Denken der Kinder verbessere sich, der Wortschatz hingegen nur unwesentlich.

Jakob Pietschnig sieht das anders. In jüngster Zeit deuten die Daten in Ländern wie Deutschland, Norwegen, Dänemark und Österreich auf eine Umkehr des Flynn-Effekts hin. „Wir haben eine Sättigung erreicht. Gesundheit, Ernährung, Schulqualität sind auf einem sehr hohen Niveau“, sagt er. Der Bildungsforscher ist überzeugt: Zusätzliche Steigerungen lassen sich vor allem schaffen, wenn die individuelle Förderung von Kindern verstärkt wird. ---