Was wurde aus …

… Reinhard Sprenger, 63,

Autor von Managementliteratur, Trainer und Berater für Personalentwicklung, der in der ersten Ausgabe über „die Idee der Macht oder die Macht der Idee“ schrieb und den Großorganisationen harte Zeiten prophezeite. Warum? Weil sie „geradezu von der Neigung leben, Kreativität zu ignorieren“.





Was haben Sie (damals) erwartet?

Wer Erwartungen hat, der wartet. Das war noch nie meine Stärke, diese Vorläufigkeit, dieser Schwellenzustand, dieses „zögernde Geöffnetsein“ (Siegfried Kracauer). Außerdem wäre ich dann bereit für Enttäuschungen. Was nichts Schlimmes ist, denn Enttäuschungen sind ja das Ende der Täuschung. Aber mit den Jahren habe ich gelernt, möglichst erwartungsfrei zu leben. Das ist die Freiheit, die ich mir selbst gebe. Wie bunt die Welt ist, wenn man nichts von ihr erhofft! Und wie bunt erst die Menschen sind! Der Schriftsteller Georges Bataille hat das Nötige dazu gesagt: „Diese Trunkenheit hat zur Voraussetzung, dass ich vor allem über mich selbst lache.“

Was war das Überraschendste, das Ihnen (bis heute) passiert ist?

Gabriele Fischer war die erste Journalistin, die mich Anfang der Neunziger gleichsam entdeckte. Wir sprachen damals vom Menschen als Freiheitswesen, von der kreativen Energie, die in jedem stecke, vielleicht nur verschüttet sei, von Selbstverantwortung und Eigenmotivation. Viele Jahre wurde es zu diesen Themen eher dunkler als heller. Doch dann, überraschend, seit etwa zwei Jahren fangen einige Unternehmen an, ihre Bonussysteme zurückzunehmen. Etliche bauen unter den Stichworten Agilität und Digitalisierung ihre Organisationen um. Die Themen von damals werden heute ernster genommen, bekommen eine echte Chance – weil der Markt sie erzwingt. Das wiederum überrascht nicht.

Was soll noch kommen?

Eine Kategorie wie Fortschritt lässt sich in vielen Lebensbereichen vernünftig begründen. Aber sie ist nicht kostenlos. Es gibt keinen Fortschritt ohne Rückschritt, keine Buchung ohne Gegenbuchung, wer etwas fördert, der schwächt etwas. Der Pendelschlag geht also immer in beide Richtungen. Als Kompensationsenthusiast schaue ich notorisch auf beide Ausschläge. Solange ich sie noch beobachten kann – manche Fortschrittserwartung löst sich ja biologisch. Optimistisch bin und bleibe ich für die Welt, auch wenn Vernunft und aufrechter Gang es gegenwärtig schwer haben. Pessimismus wäre verantwortungslos. Und noch immer hat die Freiheit ihr Haupt gehoben. Auch sie war nie kostenlos – aber immer ein Fortschritt. ---