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Machen wir Fortschritte?

Warum wir keine Visionen und Träume brauchen, sondern mehr Zukunft für Erwachsene.





Tomorrow Never Knows 
The Beatles, 1966

1. Gibt es einen Fortschritt?

Alles wird gut. Das kann jeder behaupten. Doch ob das mehr ist als ein frommer Wunsch, hängt davon ab, wie man die Welt sieht und das, was sich in ihr bewegt. Grundsätzlich hätten wir da zwei Möglichkeiten:
Variante 1 ist die Fortschrittsversion.

In ihr ist der Lauf der Welt eine Straße, die meist geradeaus nach vorn verläuft, aber durchaus auch mal eine uneinsehbare Kurve hat und Stellen, an denen man nicht weiß, wie es weitergeht. Doch auch wenn sich zuweilen die Route in engen Serpentinen den Berg hinaufschlängelt, es geht voran. Am Horizont wartet das Neue.
Lassen wir das hier einmal so stehen (und merken uns das mit dem „nach vorn“).
Variante 2 ist die Schicksalsversion.

Das ist keine Route von A nach B, sondern ein Kreislauf. Wir drehen Runden. Alles wiederholt sich. Nur wer sich nicht erinnern kann, erkennt etwas Neues. In der Welt des Schicksals läuft alles rund. Morgen geschieht, was gestern geschah. Es gibt keinen Fortschritt. Das glauben die meisten. Und irren sich.

Allerdings kann man durchaus den Eindruck bekommen, dass alles läuft – und sich nichts bewegt. In Kultur und Politik ist Retro angesagt. Zurück in die Siebziger. Oder in die Neunziger.

Im Jahr 1993 erscheint der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Der Held ist ein übellauniger Wetteransager namens Phil Connors. Sein Sender schickt ihn in ein Kaff namens Punxsutawney, um über ein Murmeltier zu berichten, an dessen Verhalten man angeblich an jedem 2. Februar erkennen kann, wie lange der Winter noch dauert. Phil macht missmutig seine Arbeit und beleidigt dabei vorzugsweise seine ihn begleitende Kollegin Rita, seinen Kameramann Larry oder zufällig vorbeikommende Leute. Einzig die Aussicht auf die Abreise hebt seine Laune. Doch ein Schneesturm macht die vorerst unmöglich. Phil hängt in Punxsutawney fest. Sein Morgengrauen verdient den Namen. Alles ist wie immer. Die Musik. Die Nachrichten. Der Tag wiederholt sich. Phil ist in einer Zeitschleife gelandet. Er ist erst schockiert, dann richtet er sich allmählich in der Routine ein. Er wirft ein Auge auf Rita. Doch seine Annäherungsversuche scheitern. Alles bleibt, wie es ist, bis er versucht, sich in Rita hineinzuversetzen. Das ändert alles. Der Kreislauf wird durchbrochen. Die Zeitschleife löst sich auf. Es geht voran.

Streng genommen ist die Komödie ein Lehrstück. Sie transportiert die Idee der Aufklärung, die Möglichkeit, sich durch Veränderung zu verbessern. Der Geist des Fortschritts lehrt uns: Die Welt ist keine Endlosschleife, sondern ein Entwicklungsgebiet.

2. Wiederholt sich die Geschichte?

Nette Story, sagen jetzt welche, aber ehrlich: Wir brauchen nichts mehr. Fortschritt, Zukunft, das sollen mal schön die anderen machen. Wir haben schon alles. Der Westen ist selbstgerecht und bequem. Alles wird vom Erhalt her gedacht. Der Geist des Fortschritts ist samt Aufklärung in die Flasche gesperrt. Aus Sicherheitsgründen. Bringt uns das weiter? EU-Krise, Populismus, Lagerbildungen, Extremismus – vieles davon, so sagen manche Beobachter, erinnert an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Meist werden diese Jahre als nervöse, überreizte, fast hysterische Epoche beschrieben. Doch das ist ein Irrtum.

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, 1942 im brasilianischen Exil gestorben, hat in seiner posthum erschienenen Monografie „Die Welt von Gestern“ die Vorkriegsjahre ganz anders beschrieben, nämlich als das „goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles (…) schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant der Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt (…). Jeder wusste, wie viel er besaß und wie viel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. (…) Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.“

Das war die Welt kurz vor ihrer Explosion. Das kommt dabei heraus, wenn man den Fortschritt nicht ernst nimmt und ihn zur Routine verkommen lässt. Ein Kreislaufzusammenbruch. Mit Todesfolge.

Die Evolution hat nicht nur eine biologische Dimension, sondern auch eine kulturelle und soziale Ebene. Wer das übersieht, nicht ernst nimmt, glaubt, man müsse sich des Fortschritts nicht versichern und vergewissern, der verliert: „Wenn wir vergessen, dass es Fortschritte gibt, und übersehen, wie weit wir es gebracht haben, dann bringen wir alles in Gefahr“, fasst das der schwedische Autor Johan Norberg zusammen. In seinem aktuellen Buch „Progress“ („Fortschritt“) resümiert er die Erfolge der vergangenen Jahrhunderte. Er nennt sie einen „Triumphzug der Humanität“. Das ist Fakt, aber nicht populär.

3. Was ist Fortschritt?

Und woraus besteht der Fortschritt? Wikipedia nennt ihn eine „zumeist im positiven Sinne verstandene Änderung des Zustandes. Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand. Fortschritt und Innovation begünstigen einander.“ Das ist sauber und nüchtern erklärt.

Im alten Rom bedeutete „progressus“ zunächst das militärische Vorrücken in einer Schlacht, bald aber auch das Vorangehen in einer Entscheidung. Progressiv sind demnach diejenigen, die die Welt nicht als Schicksal begreifen, sondern mal schauen, was anders und besser geht. Fortschritt zweifelt daran, dass alles bestens ist. Stillstand hingegen baut auf Selbstgerechtigkeit. Fortschritt ist, wenn genug nicht genug ist. Und Fortschritt ist, wenn man sich mit dem, was man hat, auch in anderer Hinsicht nicht zufriedengibt. Fortschritt ist immer mehr als das, was wir gerade haben. Der Gewinn der Entwicklung.

Die Aufklärung verbreitet die Idee des guten Fortschritts. Doch das hat zwei Seiten, die gute, dass man Zukunft zu denken beginnt, wo vorher nur Stillstand war. Doch der Schicksalsglaube wird durch den Fortschrittsglauben ersetzt. Wenn der Fortschritt nur positiv ist, dann sind alle Mittel recht, um ihn zu erreichen. Der Terror der Französischen Revolution ist eine Zwangsvollstreckung des Guten. Die Generation Guillotine beruft sich auf die Natur als Wegbereiter dieses Fortschritts. Die Natur ist gewaltig – und gewalttätig. Revolution ist Evolution mit R. R wie rücksichtslos.

Totaler Fortschritt sagt: Es kann nicht besser werden. Es muss. Die Zwangsläufigkeit macht den Fortschritt zur Routine, zum Schicksalsschlag. Man muss umverteilen, Gerechtigkeit schaffen, Gleichheit erzwingen, Verbote aussprechen und Repressalien einleiten, wenn sich jemand dem Fortschritt in den Weg stellt. Erzwungener, doktrinärer Fortschritt mündet leicht in Terror.

Wahrer Fortschritt hingegen ist weitaus nüchterner und wird oft auf den ersten Blick nicht als Verbesserung wahrgenommen. Nicht politische Phrasen, sondern pragmatisches Handeln verbessert die Welt. Die Revolution frisst ihre Kinder, weil die wirkliche Arbeit eh von anderen gemacht wird.

In der Moderne ist es die neue Ordnung des industriellen Kapitalismus, die den Fortschritt wirklich vorantreibt. Auch dieser Fortschritt hat zwei Seiten. Die hässliche Hälfte entriss die Menschen ihrer Routine. Ihre angestammten Plätze im Feudalsystem waren Gefängnisse, aber der Kerker war ihnen vertraut. Sie kannten ihre Zelle. Die Fabrik hingegen war laut, schmutzig, fremd und immer in Bewegung. Das Schicksalssystem von früher war ruhig, es stand still. Der Kapitalismus zerstörte diese Welt. War das falsch?

Langfristig betrachtet natürlich nicht. Aber der Fortschritt ist zunächst immer eine Störung – und deshalb vielfach enttäuschend und unangenehm. Überdies verlangt er Vorauskasse. Wer nicht an ihn glaubt, bekommt nur die Reste ab. Aber er lohnt sich am Ende für alle.

Merkwürdig, dass man das immer wieder sagen muss, vor allen Dingen in einer wohlhabenden Gesellschaft. Denn der Fortschritt ist offensichtlich, er ist vor der Tür, man kann ihn sehen. Der britische Architekt und Frühaufklärer Sir Christopher Wren, der im 17. Jahrhundert lebte und unter anderem die St.-Pauls-Kathedrale in London erbaute, hatte, so schreibt Johan Norberg, das Motto „Si monumentum requiris, circumspice“, übersetzt etwa: „Wenn du ein Denkmal suchst, sieh dich um.“
Wir sind der Beweis.

4. Gibt es eine Vorsehung? 

Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hat mit diesem industriekapitalistischen Fortschritt kooperiert. Ihre Parole hieß „Vorwärts!“. Daran kann auch die Verkehrung dieser Idee ins Gegenteil, wie sie etwa in der DDR Erich Honeckers Praxis war – „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ – nichts ändern.

Das diente nicht dem Fortschritt, sondern dem Stillstand, war eine konservative Parole, die der reinen Machterhaltung diente. Der Fortschritt in der DDR war wie in anderen realsozialistischen Staaten reine Formsache, ähnlich jener Geisteshaltung, die Stefan Zweig in der Vorkriegsgesellschaft vor 1914 ausmachte. Es war ein Fortschritt, der zu nichts führte – und das auch nicht sollte. Er war nicht der Veränderung, sondern dem Erhalt gewidmet. 

Honeckers Diktatur hatte darauf allerdings so wenig ein Patent wie die Vorkriegsgesellschaft des Fin de Siècle. Beharrungsvermögen und Stillstand, also der konservative Grundcharakter, finden sich nicht nur bei Dogmatikern, sondern auch vor allem bei jenen, die ständig von Fortschritt und Zukunft reden. Das kann man auch in vielen Organisationen beobachten, die mit ihren „Change- und Transformationsprozessen“ angeben. Man beschwört sozusagen die Veränderung, um sich vor ihr zu drücken. Das ist eine bewährte Taktik. Am Ende steht, was schon vorher feststand: So, wie man es schon immer macht, ist es gar nicht so verkehrt. Veränderungen wären ein zu großes Risiko – sozusagen der Vorname des Wortes Fortschritt. Zukunft ist eben unberechenbar. Deshalb braucht man ja auch einen Plan für sie. Damit wird sie sicher. Man macht einfach so weiter wie bisher. 

Die Sozialwissenschaftler kennen das als Trajektorie. Die Vorstellung dahinter ist einfach: Evolution ist Schicksal, vorhersehbar, sie verläuft nach einem erkennbaren Muster. Nicht nur politische Parteien behaupten das, wenn sie uns eine sichere Zukunft versprechen, auch Institutionen tun es beständig. Und wir tun es. Der Fortschritt, das Morgen, das ist dann das, was heute schon anfängt und man eben zu Ende bringen muss. Ein Auftrag. Ein Projekt. Das sich natürlich umso besser umsetzen lässt, je gründlicher und genauer man sich an die Regeln hält. Diese Vorstellung
ist im abendländischen Denken eingebrannt. Sie sorgt dafür, dass statt echten Fortschritts meist nur Zwischenschritte – von einem Hamsterrad zum nächsten – gemacht werden.

An dieser Vorstellung übte der Philosoph Karl Popper harsche Kritik. „Historizismus“ nannte er den Irrglauben, dass die Geschichte und damit die Entwicklung vorhersehbar wären. „Wir können den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen“, schrieb er und räumte auch gleich mit der Vorstellung auf, dass man aus der Geschichte wirklich lernen könne, weil sich ohnehin alles wiederhole: „Eine wissenschaftliche Theorie der geschichtlichen Entwicklung als Grundlage historischer Prognosen ist unmöglich.“

Poppers Einsicht steht gegen schlechte Angewohnheiten und politische Interessen. Ideologien leben davon, dass sie ihre Richtigkeit als Zwangsläufigkeit verkaufen – bei den Marxisten heißt das Historischer Materialismus, bei den Rechten Vorsehung und Schicksal. Es kommt, wie es kommen muss – selber denken bringt nichts. Viele, die sich fortschrittlich nennen, sind das genaue Gegenteil. Sie wollen ihre ewigen Wahrheiten verhökern. So wird die frohe Botschaft „Die Zukunft gehört uns“ zur Drohung. Es geht nicht um Fortschritt, es geht um Besitzansprüche. Sie wollen die Bestimmer sein. Wer heute schon weiß, wie der Fortschritt von morgen aussehen muss, will ihn verhindern. 

5. Was ist echter Fortschritt?

Wo das Bremsen nicht genügt, muss der Rückwärtsgang rein. Retrodenken will zurück ins Gestern, Entwicklung rückgängig machen. Das findet man heute vorzugsweise in einer Politik, die den Leuten die Rückkehr zur guten, alten Zeit verspricht, eine Wesensart der neuen linken und rechten Populisten. In Unternehmen ist es das Zurückdrehen von Selbstständigkeit. Klare Kante ist angesagt, eine straffe Hierarchie, in der es keine Zweifel gibt, weil die verboten wurden. Es wird nicht mehr gefragt, es wird die Messe gelesen. Methoden, Routinen, Kreisläufe werden bemüht. Entwicklung und Experiment sind Störfaktoren. Neugier ist verdächtig. Opportunismus wird belohnt. 

Retrodenken ist eine kulturelle Notbremse gegen die Zumutungen der Veränderung. Volk, Gemeinschaft, Gleichheit, Sicherheit und Garantie heißen die dazugehörigen Lügen, die Schutz von Veränderung versprechen. Noch vor einigen Jahren galt die Individualisierung und Entwicklung der Persönlichkeit als Fortschritt – als Zukunftsmodell des 21. Jahrhunderts. Es war echter Fortschritt, einer, von dem man wenig wusste, der nach Erprobung verlangte, nach Experiment und neuem Lernen. Vom Fortschritt erhoffen wir uns ein Ziel. Den genauen Weg aber kennt natürlich niemand. Aber das Ziel schien etwas wert zu sein: Nach der Sicherung des Materiellen sollte  es um ein erfülltes Leben gehen. Individualisierung bedeutet aber immer selbstständiges Denken, Selbstbestimmung und Selbstermächtigung. Das ist etwas anderes als personalisierte Produktion, Feintuning von Dienstleistungen und eine Gravur auf dem iPhone. Fortschritt sollte etwas sein, das man selbst wirklich will. Keine allgemeine Parole. Nicht mehr vom Gleichen, das sich als Unikat ausgibt. Mehr vom Richtigen. Eine persönliche Zukunft also. 

Das klingt heute schon wieder suspekt. Daran kann man ermessen, wie es um Fortschritt und Reaktion steht. Und wer gerade Oberwasser hat: die Rückwärtsdenker.

Es gibt viele, die etwas zu verlieren haben. Da sind die klassischen Fortschrittsopfer, die man heute Modernisierungsverlierer nennt, also die Leute, die nun durch die Digitalisierung und den Wegfall ihrer Berufe in ihrer Existenz bedroht sind. Dazu kommen Eliten, die durch die Transformation ihre Deutungshoheit verlieren, also ihr wichtigstes Werkzeug und Kapital, um an der Macht zu bleiben. Es ist nur scheinbar ein Widerspruch, dass sich dabei zunächst ganz gegensätzliche Gruppen gleichermaßen zu den Verlierern zählen. Da sind einerseits die, die immer schon größer, weiter und höher hinauswollten, koste es andere, was es wolle. Sie sind sich heute durchaus mit den Zukunftspessimisten darüber einig, immer schon gewusst zu haben, dass das, was sie nicht verstehen, zu nichts Gutem führen kann. 

Wer den Fortschritt will, darf diesen Leuten nicht alle Aufmerksamkeit zuwenden. Das lenkt vom eigentlichen Job ab, den man zu Beginn der Wissensgesellschaft tun muss: einen offenen, nüchternen Zukunftsoptimismus denken, der nicht einfach mitmacht, Ja und Nein sagt, sondern mit kritischem Denken prüft: Was bringt uns die Veränderung? Ist alles Fortschritt, wo Fortschritt draufsteht?

Damit es keine Missverständnisse gibt: Kritisches Denken ist kein Vehikel, mit dem man leichter Verbote und Unterlassungen durchsetzt. Kritisches Denken führt zu etwas. Es ist nicht dazu da, um etwas zu verhindern. Wenn es um den Fortschritt geht, dann ist eine leichte Schlagseite ins Optimistische notwendig. Im Zweifel für den Angeklagten also, der es vor dem Gericht der Zukunftsängstlichen schwer genug hat. Und es gilt auch: Wer sich vor einer Entscheidung drückt, hat auch eine getroffen. Nüchterner Zukunftsoptimismus traut sich etwas zu und hält auch Rückschläge aus. Das ist so. 

Wir brauchen für die Wissensgesellschaft eine geistige Ausnüchterungszelle, in der wir den Rausch der alten, totalen Fortschrittsgläubigkeit ausschlafen können, ohne in die Dauerkaterstimmung der Pessimisten zu verfallen. Hilfreich dabei ist es, nicht alles zu schlucken – vor allen Dingen Utopien, Visionen und Träume. 

6. Sind Utopien ein Fortschritt? 

Wer den wahren Fortschritt verhindern will, der fordert seine vollständige Kenntlichkeit einschließlich Folgekosten im Hier und Jetzt. Sämtliche Risiken müssen benannt werden. Alles auch nur im Entferntesten Vorstellbare muss erst mal auf den Tisch. 

Klar: Damit ist jede Veränderung erledigt. Es gilt aber auch: Wer den wahren Fortschritt verhindern will, der übertreibt maßlos. Alles wird nicht nur gut, sondern großartig. Utopisten, die Übertreiber des Fortschritts, und Dystopisten, die Tiefstapler der Zukunft, sind sich in ihrem extremen Wesen ganz einig. Die einen arbeiten mit optischen Aufhellern, die anderen mit Verdunkelungsmaßnahmen. Beides dient dazu, den wahren Zustand einer Sache zu vernebeln. Sowohl die Utopie als auch die Dystopie liegen daneben. 

Der radikale Zweckoptimismus der Utopie war einmal Hoffnungsträger, Trost für die Trostlosen. Der englische Staatsmann Thomas Morus verwendete das Wort, das auf Griechisch so viel wie Nicht-Ort bedeutet, in seinem Lehrroman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (Vom besten Zustand des Staates oder der neuen Insel Utopia). Morus war Mitarbeiter des übellaunigen Königs Heinrich VIII., der ihn schließlich – wohl aus schlechter Gewohnheit – zum Tode verurteilte. Morus war lange Jahre einer, der an der Diktatur des Tudor-Königs entscheidend mitgearbeitet hatte. Der Konstrukteur einer Hölle auf Erden träumte vom Paradies. Das ist typisch für die Utopie geblieben. Sie ist ein Traumgebilde, ein Ideal – und deshalb das Gegenteil eines echten Fortschritts, der klar erkennbar ist. Bessere Luft, weniger Lärm, weniger Gewalt, kein Hunger, mehr Gesundheit. Das ist Fortschritt. Ein Ideal ist unerreichbar. Fortschritt ist, was geht. Deshalb passt er gut zu Vielfalt, Konsens, Demokratie, Interessenausgleich. Nicht alles, was machbar ist, muss gemacht werden. 

Und die Träume, die Visionen? Sie funktionieren dann, wenn sie sich auf realistischer Grundlage befinden. Die Unfähigkeit zu träumen, von einer besseren Welt oder auch nur besseren Computern, Medikamenten, Autos und Organisationen, ist ein Defizit. Es ist aber auch eines, wenn man nicht bereit ist, für seine Träume ganz konkret und pragmatisch zu handeln, zu arbeiten, selbstkritisch zu reflektieren und konstruktive Lösungen zu suchen. Träume, Visionen, das sind die Verpackungen des Fortschritts. 

Der Inhalt ist harte Arbeit. 

Man erinnert sich an den Satz des 2015 verstorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Das ist ihm, dem knorrigen, nüchternen Hamburger, mehr als einmal vorgeworfen worden. Zu Recht? Schmidts Einwand folgte, so hat er später einmal angemerkt, der Bemerkung eines Journalisten, wo denn seine, Schmidts, „große Vision“ sei. Der Nachfolger des charismatischen Willy Brandt muss das nicht zum ersten Mal gehört haben. Brandt war als ausgewiesener Visionär eher Marke Utopist. Ihm wird die bis heute gern zitierte Phrase zugeschrieben, dass der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, darin bestünde, sie zu gestalten. Das klingt super. 

Wenn man aber nun weiß, wie mühsam es ist, die Visionen anderer Leute abzuarbeiten, sich um den ganzen nötigen pragmatischen Kleinkram kümmern muss, dann ist man auf die Vision als solche als politisches Mittel nicht so gut zu sprechen. Er habe also, so Schmidt viele Jahre später in der »Zeit«, eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage gegeben. Den Fortschritt abarbeiten, so die Botschaft, ist Vision genug. Auch das solle man schätzen. Das war eine schwierige Position. Denn die Politik der Veränderung war stets eine, die das Träumen verlangte – etwa wie John F. Kennedy mit seinem Aufbruch zum Mond oder Willy Brandt mit seiner Forderung, mehr Demokratie zu wagen. Man muss so viel träumen, dass das Ziel attraktiv erscheint – und so nüchtern sein, dass man es auch erreicht. 

Das ist übrigens das, was der aus Südafrika stammende US-amerikanische Unternehmer Elon Musk tut. Der Elektroauto- und Raumfahrt-
Pionier präsentiert Systeme und Dinge, die keine Visionen sind, sondern praxistauglich und verfügbar, sozusagen wahre Träume. Wo andere den Fortschritt beschwören, trifft er eine Entscheidung für ihn. Als Musk im Oktober vergangenen Jahres seinen neuesten Wurf zeigte, einen Dachziegel mit integrierter Solarzelle, der Häuser energieautark macht, sagte er am Ende der Präsentation, das sei „die Art der integrierten Zukunft“, die wir wollen. So macht man das. 


7. Darf Fortschritt alles?

Fortschritt geht immer noch. Natürlich, sagt Karlheinz Steinmüller, Wissenschaftlicher Direktor der Zukunftsagentur Z-Punkt, Science-Fiction-Autor und altgedienter Vorwärtsdenker.

Die Zeiten heute seien so fortschrittsfreundlich oder fortschrittsfeindlich wie alle zuvor, sagt er. „Die einen hatten Angst vor dem Atomtod, die anderen fürchten sich vor der Öko-Apokalypse.“ Wieder andere träumten sich ins Paradies – und wurden wütend, wenn sie ihren Selbstbetrug bemerkten. Alles wie immer also. 

Deshalb haben die Freunde des Fortschritts einen schweren Job, der mit Visionen und Träumereien eben nichts zu tun hat, so Steinmüller. „Wir müssen zu den Extrempositionen aller Art Abstand halten. Das ist entscheidend.“ 

Doch genau das ist heute in Gefahr, durch die Polarisierung, das Lagerdenken, die neue Parteilichkeit. „Wer sich mit der Zukunft ernsthaft beschäftigt, braucht Offenheit und Freiräume“, sagt Steinmüller. „Wir müssen denken dürfen. Ohne Tabus. Aber genau das wird immer seltener.“ Es gibt immer mehr Denkverbote. Was macht man aber, wenn, nur zum Beispiel, der Atomschirm der USA Deutschland nicht mehr schützt? Selbst Atomwaffen organisieren? In den Ministerien darf man das immer noch nicht denken, trotz der Rute, die Donald Trump ins Fenster stellt. Das erinnert an den Skandal, den der legendäre amerikanische Zukunftsforscher Herman Kahn im Jahr 1962 auslöste, als er seine Atomkriegsstudie „Thinking About the Unthinkable“ veröffentlichte. Kahns Verbrechen bestand darin, die nüchterne Realität auszusprechen. Das nahmen ihm Militärs und Friedensaktivisten zeitlebens sehr übel. Worüber man nicht sprechen darf, darüber muss man schweigen. Und heute? Ist es nicht viel anders, weiß Steinmüller. Es gelte: „Mal den Teufel nicht an die Wand, sonst steckst du mit ihm im Bund.“ Der Teufel hat dabei wenig mit Utopie oder Dystopie zu tun, sondern mit einer Wirklichkeit, die einem nicht in den Kram passt. Zu verlangen, man dürfe Unangenehmes nicht aussprechen, weil es „das Schicksal herausfordere“, ist offenkundig vormodern, abergläubisch und dumm. „Man muss alles wissen wollen. Man muss über alles reden können. Und jede Möglichkeit und Position aussprechen dürfen“, so Karlheinz Steinmüller. 

Doch Parteien, Institutionen, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen, Interessengruppen – sie alle wollen ihre selbsterfüllenden Prophezeiungen gestützt sehen. Eine Bestätigung dafür, dass es so bleibt, wie es ist – und ihre Wahrheiten ewig sind. Würde man dann ihre Programme und Fortschrittsvisionen nach einiger Zeit evaluieren, stellte sich meist heraus, „dass prognostiziert wurde, was die Auftraggeber ohnehin auf der Agenda hatten“, sagt der Zukunftsforscher. 

Und wenn alles ganz anders kommt, dann gelte immer das Prinzip „Blauer Elefant“, wie Steinmüller sagt: „Da steht ein hauptamtlicher Warner und klatscht fest in die Hände. Warum er das tut? Na, weil er die blauen Elefanten verscheucht. Was? Es gibt hier gar keine blauen Elefanten? Na, eben! Weil ich klatsche!“

Manipulation ist kein Fortschritt. Aber weil es viele Manipulatoren gebe, erst recht dort, wo es um die Macht geht, brauche es kritische Zweifler, sagt Steinmüller. Wo sie nicht mehr geduldet werden, ist der Fortschritt am Ende. Und die, für die er gemacht ist. Das sind wenigstens all jene, die nicht mit fertigen Antworten auf die Welt gekommen sind. Die noch eine Frage haben.

8. Was ist ein großer Fortschritt?

Fortschritt ist neugierig. In Zeiten, in denen sich viele mit Antworten brüsten, steht das offene Nachdenken über Zukunft auf der Roten Liste. Es sind einige wenige Zukunftsoptimisten, die dagegenhalten, Johan Norberg gehört dazu, sein Kollege Max C. Roser von Ourworldindata.org (siehe brand eins 04 / 2016: „Maßstabsgerecht“) * oder der skeptische Optimist Björn Lomborg aus Dänemark. Die Arbeit des im Februar verstorbenen schwedischen Gesundheitsforschers Hans Rosling wirkt in der von ihm gegründeten Gapminder-Stiftung nach. Hier geht es um echte Defizite, faktisch nachgewiesen und nicht bloß eingeredet. Roslings Arbeit bestand darin, auf das viele Gute, das wir erreicht haben, hinzuweisen, damit wir uns auf das Unerledigte besser konzentrieren können. Das geht nur nüchtern. Ohne Vorurteile. Ohne feste Antworten. Durch Nachfragen. Der Fortschritt braucht keine Utopien. Die Wirklichkeit genügt.

Heinz Brandt, Widerstandskämpfer gegen Adolf Hitler und Walter Ulbricht, Gewerkschafter und schließlich einer der Wegbereiter der Grünen, hat es so auf den Punkt gebracht: „Früher einmal wusste ich die Antworten. Heute ahne ich die Fragen.“

Das zu wissen ist ein großer Fortschritt. Und nein, dann wird nicht alles gut. Aber besser. -

Die Zeichnungen stammen aus dem Buch: Yves Netzhammer, Concave Thoughts. Diaphanes, 2016