Was wurde aus …

Joana Breidenbach, 51,

Kulturwissenschaftlerin, die zusammen mit Ina Zukrigl die brand eins-Globalisierungskolumne „Perspektiven“ entwickelte. Heute ist sie Aufsichtsrätin der Gut.org gAG, Mitgründerin der Spendenplattform Betterplace.org und Gründerin des Thinktanks Betterplace Lab.





Was haben Sie (damals) erwartet?

Damals, Anfang der 2000er-Jahre, fand ich es faszinierend, wie unterschiedlich Gesellschaften auf Globalisierung reagierten. Meine Koautorin Ina Zukrigl und ich zeigten, wie Menschen globale Waren und Konzepte benutzten: Aus Alt und Neu, Lokal und Global entstanden völlig neue Lebensweisen und Weltbilder.

Ich ging davon aus, dass die Welt weiter zusammenwachsen würde, ohne zu einem globalen Einheitsbrei zu werden. Zugleich war mir bewusst, dass Globalisierung eine unheimliche Spannung erzeugen würde. Unsere Vorstellungswelt war plötzlich grenzenlos – brasilianische Favela-Bewohner sahen im Fernsehen wie New Yorker lebten –, aber unsere Institutionen waren noch fest im nationalstaatlichen Denken verankert. Doch ich war optimistisch, dass wir uns nach einigen Kämpfen auf transnationale Strukturen einigen würden; auf gerechtere Handelsregime und internationale Gerichtshöfe. Das Internet war für mich der Turbo zu einer multipolaren Welt, in der mehr Menschen Gehör finden würden. Ich setzte auf Globozentrismus statt Nationalismus.

Was war das Überraschendste, das Ihnen (bis heute) passiert ist?

Dass ich Unternehmerin wurde. Mittlerweile ist Betterplace.org eine der größten Spendenplattformen Deutschlands und das Betterplace Lab ein erfolgreicher Think- und Do-tank.

Hatte ich zuvor Digitalisierung nur aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachtet, zog ich plötzlich ein Unternehmen mit heute 50 Mitarbeitern hoch.

Dabei entdeckte ich an mir völlig neue Seiten: Ich konnte nicht nur Ideen entwickeln, sondern diese auch effektiv umsetzen. Es berauscht mich bis heute, zu erfahren, wie relativ einfach es ist, Neues in die Welt zu setzen, das dann von vielen Menschen genutzt wird. Und dass es möglich ist, intensive Arbeit mit einem intensiven Privatleben zu verbinden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal so glücklich und erfüllt sein würde.

Was soll noch kommen?

Das Pendel wird noch länger rückwärts ausschlagen. Mehr Menschen werden sich zurückziehen, um sich sicherer zu fühlen. Vielleicht kommt der wirklich große Wirtschafts-Crash. Der Entwicklungsdruck durch Digitalisierung steigt weiter.

Zugleich sehe ich viele Keimzellen für positiven Wandel. Immer mehr Menschen beschäftigen sich damit, wie man komplexe Systeme verändern kann. Sie gründen Unternehmen und Initiativen, die darauf ausgerichtet sind zu lernen. Wie kommen wir zu einer Wirtschaft und Politik, die uns Menschen und der Umwelt dienen und nicht umgekehrt? Wie können wir Digitalisierung inklusiv gestalten? Die US-amerikanische Spendenorganisation Give Directly zum Beispiel zahlt Tausenden von Kenianern ein bedingungsloses Grundeinkommen und sammelt damit Erfahrungen, die auch für Industrieländer relevant sein werden. Nachhaltigkeitsunternehmen entwickeln mehrfache Wertschöpfungsketten, in denen der Abfall eines Produktionsprozesses der Rohstoff für weitere Produkte ist. So entsteht aus Knappheit Überfluss. Gelangweiltes Geld sucht Sinn und fließt in Impact Investing. Schulen und Unternehmen setzen auf Potenzialentfaltung. Unsere spirituellen Bedürfnisse werden einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert erlangen. ---