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Wer seine Firma liebt, der grillt den Chef

Das ist das Motto des Vereins von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG. Besuch bei einer sehr selbstbewussten Truppe.





• Das Hauptquartier der Renegaten befindet sich im Keller des Einfamilienhauses ihres Vorsitzenden Ernst Koether in München-Pasing. Der 67-Jährige hat dort sein Arbeitszimmer. Er ist Diplom-Mathematiker, war 36 Jahre in verschiedenen Funktionen bei Siemens tätig, seit 2011 ist er im Ruhestand. Neben ihm am Kaffeetischchen sitzt seine lebhafte Stellvertreterin Birgit Grube, 70, die als Kauffrau in der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz anfing und bis in den Aufsichtsrat aufstieg, wo sie insgesamt 15 Jahre lang Mitglied war. Außerdem ist da der „Methusalem“ der Gruppe, wie er sich selbst nennt: Wolfgang Niemann, 75, Volkswirt und Mitgründer des Vereins. Der Youngster in der Runde ist Carsten Probol, 48, promovierter Elektroningenieur und Betriebsrat am Standort Erlangen. Er hat, wie er nebenbei erwähnt, mehr als 30 Erfindungen für den Konzern gemacht.

Vier Siemensianer, die ihre Firma lieben und in die richtige Richtung lenken wollen. Insgesamt hat ihr Verein lediglich 150 Mitglieder, aber entscheidend sind die bis zu 6000 Belegschaftsaktionäre, die ihre Stimmrechte an ihn abtreten. „Hier in diesem Keller sind 100 Millionen Euro vertreten“, sagt Probol. Das entspricht etwa 0,3 Prozent des auf der jüngsten Hauptversammlung vertretenen Kapitals. Siemens-Mitarbeiter und -Rentner halten insgesamt gut fünf Prozent des gesamten Aktienbestands. Der Konzern bietet der Belegschaft seit 1969 die Möglichkeit, günstig Anteile zu erwerben, und ist auf diesem Gebiet Vorreiter in Deutschland.

Auf die Idee, mit diesem Kapital Einfluss zu nehmen, kam Wolfgang Niemann gemeinsam mit einem mittlerweile verstorbenen Kollegen im Jahr 1994. „Wir Belegschaftsaktionäre hatten Stimmrechte, nutzten sie aber nicht, sondern traten sie an die Banken ab, obwohl die nicht unsere Interessen vertraten. Für uns waren das ein gutes Einkommen sowie ein interessanter und sicherer Arbeitsplatz. Die Dividende spielte keine so große Rolle.“

Shareholder mit Mission: Ernst Koether
Wolfgang Niemann
Birgit Grube
Carsten Probol

So ging Niemann mit Mitstreitern zum Notar und gründete den Verein, den sie Siemens-Belegschaftsaktionäre nennen wollten – doch da sei die Unternehmensführung davor gewesen. Daher heißt der Club nun umständlich Verein von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG und auf der Homepage einprägsamer UnsereAktien.de.

Mit den Nickligkeiten zur Gründung war der Ton gleich vorgegeben: Aus Niemanns Truppe und dem Management wurden keine Freunde. Der Verein prangert seit je die seiner Ansicht nach verfehlte Konzernstrategie an. Das Ideal ist das der Firmenfamilie, in der galt: einmal Siemensianer, immer Siemensianer – außer man klaut silberne Löffel. So wenden sich die Aktivisten gegen Personalabbau; die Unternehmensführung hat jüngst angekündigt, hierzulande 2500 Stellen in der Sparte Prozessindustrie und Antriebe abzubauen. Außerdem gegen den – mittlerweile aus der Mode gekommenen – Shareholder Value, eine zunehmende Kennzahlenfixierung („Managerismus“) und das Verschwinden der Marke Siemens aus dem Alltagsbewusstsein als Folge des Rückzugs aus dem Geschäft mit Endkunden.

Sie sind eigensinnig und unabhängig …

Großer Erfolg war dieser Opposition nicht beschieden. Das Unternehmen und seine Kultur haben sich seit den Neunzigerjahren dramatisch verändert. Und sehr familiär geht es nicht mehr zu. Heute setzt der multinationale Konzern ganz auf Lösungen für Infrastruktur und Industrie – was nicht dazu passt, wird abgestoßen. Die einstige deutsche Traditionsfirma ähnelt mittlerweile in mancher Hinsicht dem amerikanischen Konkurrenten General Electric, wo man das Geschäft schon immer unsentimental betreibt und für schwächelnde Sparten die Devise gilt: „Fix it, close it or sell it.“ Auch bei Siemens betreibt der Vorstand, getrieben von den institutionellen Anlegern, Analysten und Beratern, zunehmend Portfolio-Management.

Das halten Ernst Koether und seine Kollegen für verfehlt. „Siemens“, heißt es in ihrem Beitrag bei der Hauptversammlung 2014, „kann man bei aller Vielfalt und auch Größe nicht wie eine Ansammlung von Beteiligungsfirmen führen. Siemens ist kein Aktiendepot, das man immer wieder umschichten kann, sondern eher ein Organismus, der gepflegt werden sollte. Da kann man nicht beliebig amputieren und transplantieren. Das Wachstum des Unternehmens muss deswegen in erster Linie der eigenen Stärke entspringen.“

Das Lieblingsbeispiel der kritischen Belegschaftsaktionäre stammt aus der Zeit Anfang der Neunzigerjahre. Der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer stand unter Druck. Analysten und Investmentbanker rieten ihm, die Medizin- und Energietechnik-Sparte abzustoßen. „Die haben gesagt: Was wollt ihr mit dem alten Schrott?“, erinnert sich Koether. „Kommunikation und Datentechnik, das ist die Zukunft.“ Von Pierer aber hielt an den Sparten fest und sanierte sie.

„Und zehn Jahre später“, so Koether, „war die Medizintechnik so stark, dass sie einen großen Teil des ganzen Unternehmens getragen hat. Die Kommunikationstechnik war dagegen am Absterben und ist ja inzwischen komplett weg, ebenso wie die Datentechnik. Das heißt also, wenn man damals wie verlangt die Energietechnik und die Medizintechnik abgestoßen hätte, dann gäbe es Siemens nicht mehr.“

Ihre Bühne ist die Hauptversammlung, ihr Drehbuch schreiben sie selbst

Hinterher weiß man es bekanntlich immer besser, aber der Verein liegt auch vorher öfter mal richtig. So kritisierte er die auch von der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat durchgewunkene Übernahme der im Fracking-Geschäft tätigen amerikanischen Maschinenbaufirma Dresser Rand im vergangenen Juni zum Preis von rund 5,8 Milliarden Euro als viel zu teuer – was sich als richtig erwiesen hat. Gelegentlich nehmen auch institutionelle Anleger Anregungen der Renegaten auf, zum Beispiel die, dass der Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sich doch beizeiten um seine Nachfolge kümmern möge.

Die kritischen Belegschaftsaktionäre genießen über ihre Kernzielgruppe hinaus Ansehen, weil sie als unabhängig gelten. Zeitweise war sogar ein Mitglied der Familie Siemens in dem Verein – obwohl die Nachkommen von Werner von Siemens, die rund sechs Prozent der AG halten, sich eigentlich untereinander über ihre Strategie absprechen.

Einen gewissen Eigensinn zeichnete schon den Club-Mitgründer Niemann aus, der kokett von sich selbst sagt, dass er der Firma nichts genützt, sondern nur Ärger gemacht habe. Zwar war er IG Metaller, zog aber in den Achtzigerjahren auf einer eigenen Liste in den Siemens-Betriebsrat ein: der für Nichtraucherschutz – was die machtbewusste Gewerkschaft gar nicht lustig fand. Zigarettenqualm am Arbeitsplatz war damals ein neues Thema, das aber viele bewegte. Und mit dem man auch in die Presse kommen konnte, die sich normalerweise nicht für Betriebsratswahlen interessiert. „Ich habe jeden Tag ein Interview gegeben, es war herrlich“, erinnert sich Niemann.

… gut informiert und vernetzt

Diese Erfahrungen nutzten er und seine Mitstreiter auch für ihren Verein. Denn Belegschaftsaktionäre haben – wie private Anteilseigner generell – in deutschen Unternehmen wenig zu melden. Im Prinzip dürfen sie ein bisschen meckern, das war’s. Zudem werden die Redebeiträge von Koether, Grube & Co. bei Hauptversammlungen vom Aufsichtsratsvorsitzenden gern nach hinten geschoben – wenn die Ränge sich geleert haben und die Presse bereits wieder verschwunden ist. Daher sind die Vereinsmitglieder dazu übergegangen, ihre Statements zuvor in schriftlicher Form unter die Journalisten zu bringen.

Der »Spiegel« nannte den Verein einmal die „letzte verbliebene Fundamentalopposition im Unternehmen“. Sie nerve „Vorstand und Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung seit Jahren mit hartnäckigen Fragen und massiver Kritik – und das oft zu Recht“.

Gern machen die gut vernetzten und informierten Renegaten ihre Kenntnisse in Frageform öffentlich. So erkundigte sich Birgit Grube bei einer Hauptversammlung danach, wie der damalige glücklose Siemens-Chef Peter Löscher es schaffe, neben seiner Hauptaufgabe sowie den Aufsichtsratsposten bei der Deutschen Bank und der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft auch noch als Kontrolleur einer Firma namens TBG Limited auf Malta tätig zu sein.

Diese Unternehmensgruppe mit einem geschätzten Umsatz von zwei Milliarden Euro wird von Georg Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza unter anderem vom Steuerparadies Monaco aus gesteuert. Löschers Begründung für den exotischen Nebenjob – der „dem gedanklichen Austausch über Branchengrenzen hinweg“ und der „Differenzierung des wirtschaftlichen Gesamtbildes“ diene – klang nicht wirklich überzeugend.

In einem Punkt sind sich der Verein und das Top-Management immerhin einig: Die finanzielle Beteiligung der Mitarbeiter an der Firma ist eine gute Sache. Der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser spricht von einer „Eigentümerkultur“, die man bei Siemens festigen wolle. „Die Mitarbeiter sollen stets so handeln, als sei Siemens ihr eigenes Unternehmen.“

Die Unruhestifter: Siemens-Belegschaftsaktionäre

Das Investment wird den Mitarbeitern von der Firma nicht nur nahegelegt, sondern auch versüßt. So können sie in Deutschland für insgesamt 720 Euro im Jahr Anteile erwerben, 360 Euro schießt der Arbeitgeber steuerfrei zu. Wer diese Aktien drei Jahre lang hält, bekommt für je drei noch eine gratis dazu. Wer neben diesem Basisprogramm noch zusätzlich monatlich in Siemens-Anteile investiert, bekommt bereits nach zwei Jahren Gratisaktien im selben Verhältnis. Und dann legte der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr noch einen sogenannten Profit Sharing Pool an, in den bei außergewöhnlich guten Zahlen Geld fließt. 200 Millionen Euro sind bereits zusammen. Wenn 400 Millionen Euro oder mehr erreicht sind, wird die Summe teilweise oder ganz an die Mitarbeiter unterhalb der Führungsebene des Senior Managements ausgeschüttet, vorzugsweise in Aktien. Die gibt es dann also geschenkt, übrigens eine alte Forderung von Niemann und seinen Kollegen.

Manchem sind sie ein Dorn im Auge

Der Firmenchef Kaeser hat gute ökonomische Gründe für diese Großzügigkeit. So kann ein sogenannter Ankeraktionär aus der Belegschaft als Zünglein an der Waage nützlich sein, wenn eine feindliche Übernahme droht – die in der Geschichte des Unternehmens immer mal wieder beschworen wurde. Zudem ist die Beteiligung der Mitarbeiter am Aktienkapital billiger als in Zeiten von niedrigen Zinsen etwa die Finanzierung von Betriebsrenten, die mit langfristigen Verbindlichkeiten für den Konzern verbunden wäre. Auch sind die Shareholder aus der Belegschaft interessierter und motivierter – zu diesem Ergebnis kam jedenfalls eine Studie der Georg-August-Universität Göttingen, die das Thema anhand der Siemens AG untersucht hat.

Der Verein der Belegschaftsaktionäre ist auch ein Beispiel für solches Engagement. Wie sähe die Firma aus, wenn er sich mit seinen Ideen hätte durchsetzen können? „Vielfältiger“, antwortet Ernst Koether. „Die Erfahrung zeigt: Auf mehreren Beinen steht man besser.“ So hält er es unter anderem für einen Fehler, dass Siemens seine über Jahrzehnte profitable Hörgeräte-Sparte abgab, „nur weil die sich an Endkunden richtete, also nicht mehr ins Konzept passte“.

Für manches Problem hat aber auch der Club keine Lösung, wie die vier einräumen. So sei das einstige Handy-Geschäft von Siemens wohl beim besten Willen nicht zu retten gewesen. Und bei manchen Themen sind sie sich untereinander selbst nicht einig. Birgit Grube bezeichnet den neuen Siemens-Claim „Ingenuity for Life“ als „Schmarrn – kaum jemand kann mit dem Begriff etwas anfangen“. Carsten Probol findet ihn dagegen gar nicht schlecht. Er gibt sich überhaupt konzilianter als die Rentner-Fraktion.

Obwohl die Firmenleitung sich kaum je an eine Empfehlung der Belegschaftsaktionäre gehalten hat, lohnt sich ihr Einsatz – jedenfalls finanziell. Der Mathematiker Ernst Koether hat die Zahlen in seinen Excel-Tabellen parat: Im Schnitt haben die Aktien der Siemensianer zweistellige jährliche Renditen abgeworfen, das beste Jahr war 2009 mit fast 100 Prozent, nach dem Tiefststand im Vorjahr.

Nun gibt es Konkurrenz, die braver auftritt

Die Hans-Böckler-Stiftung stellt den Verein in einer 2003 erschienenen Broschüre („Belegschaftsaktionäre organisieren sich“) als Vorbild dar und empfiehlt ihn zur Nachahmung. Dennoch ist er in der deutschen Wirtschaft ein Unikum geblieben. Das liegt unter anderem daran, dass Mitarbeiteraktien in manchen Unternehmen wie zum Beispiel BMW nicht mit Stimmrechten für die Aktionäre verbunden sind. In anderen Großkonzernen gibt es zwar Vereine von Belegschaftsaktionären, doch die verstehen sich eher als Sparclubs, melden sich nicht groß zu Wort – und kritisieren schon gar keine Entscheidungen, an denen die Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat beteiligt waren.

Die IG Metall habe einen Vorstoß unternommen, um größeren Einfluss auf ihren Verein zu bekommen, berichten die vier in München-Pasing. Man habe die Gewerkschafter aber abblitzen lassen. Nun gibt es interessanterweise einen zweiten Club namens Wir für Siemens, der im Juli vergangenen Jahres gegründet wurde. Vorsitzender ist Udo Becker, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender am Standort Düsseldorf. Sein Stellvertreter, der Anwalt Rainer Sieg, saß vier Jahre lang als Vertreter der Leitenden Angestellten im Aufsichtsrat. Die offiziellen Ziele des Vereins – „Siemens langfristig erhalten, Zerlegung in Raten verhindern“ – scheinen sich nicht von denen der Münchener zu unterscheiden. Allerdings betont Becker, auf Koether & Co. gemünzt: „Wir lassen uns beraten.“ Und: „Aktivistische Aktionäre brauchen wir bei uns nicht.“

Vermutlich muss der Konzernlenker Joe Kaeser bei der nächsten Hauptversammlung aus den Reihen von Wir für Siemens also nicht mit für ihn überraschenden Fragen rechnen. Eine Siemens-Sprecherin betont auf Anfrage: „Keiner der beiden Vereine wird seitens der Unternehmensleitung bevorzugt behandelt oder in irgendeiner Form in der Ausübung seiner Tätigkeit unterstützt.“

Die Münchener sehen die neue Konkurrenz sportlich: „Letztlich machen die Werbung für uns“, sagt Birgit Grube. „Seitdem es die gibt, haben wir deutlich mehr Zulauf.“ ---