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In der Welt zu Hause, in Israel daheim

Was verbindet junge säkulare Israelis? Vier Porträts.





• Daniel Shenhar träumt davon, nach Barcelona auszuwandern, die Stadt, in der er zwei Jahre seines Lebens verbrachte. Zwei seiner besten. Er vermisse das Gefühl von Freiheit, offener Grenzen, Menschen aus aller Welt. In Israel, umschlossen von feindlichen Staaten, fühle er sich manchmal „wie in einem Ghetto“.

Er sitzt in einem Café in Jerusalem, anderthalb Kilometer entfernt von seinem Büro bei der Organisation „Hamoked – Zentrum zur Verteidigung des Individuums“ im arabischen Ostteil der Stadt, wo der 38-Jährige als Anwalt arbeitet. Er unterstützt Palästinenser im Konflikt mit israelischen Behörden. Die Palästinenserpolitik der Regierung vergleicht er mit der Apartheid, und die Rhetorik der Politiker nennt er faschistisch.

In Israel gibt es schon seit Langem sehr extreme Meinungen entlang des politischen Spektrums, das von der antizionistischen Linken bis zur religiös-nationalistischen Rechten reicht. Aber in jüngster Zeit, so empfinden es viele, spitzt sich die gefährliche Polarisierung zu. Eine rechte Gruppierung namens Im Tirtzu (Wenn ihr wollt) verbreitete kürzlich ein Video, das linke Aktivisten als Terrorhelfer verunglimpfte. Shenhar fürchtet, dass solche Kampagnen die Legitimität von Aktivisten wie ihm untergraben. Wenn Fremde nach seinem Beruf fragen, sagt er manchmal nur noch: Anwalt.

Seine Eltern stammen aus Rumänien, er hat einen rumänischen Pass. Einer seiner beiden Brüder lebt in Berlin, der andere in Paris. Er könnte es ihnen nachtun. Doch obwohl er sich oft fremd fühlt im eigenen Land, fällt es ihm schwer. Er spüre die Verantwortung, Israel zu einem besseren Land zu machen.

Shenhar wuchs in Haifa auf. Als der damalige Ministerpräsident Jitzchak Rabin 1993 das erste Oslo-Abkommen unterschrieb, das den Friedensprozess mit den Palästinensern einleiten sollte, war Shenhar 16 Jahre alt und optimistischer Patriot: „Ich hatte das Gefühl, das Land bewegt sich in die richtige Richtung.“ Er hielt daran fest, als Rabin zwei Jahre später von einem Rechtsextremisten erschossen wurde. Sein Weltbild geriet erst ins Wanken, als er als Wehrpflichtiger nach Hebron im Westjordanland geschickt wurde und israelische Siedler schützen musste, die dort inmitten einer palästinensischen Bevölkerung leben. „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Was ich tue, ist falsch.“

Nach der Militärzeit studierte er in Jerusalem Jura. Im Jahr 2000 begann die Zweite Intifada, fast täglich rissen palästinensische Selbstmordattentäter Menschen in den Tod. Einmal explodierte 20 Meter von ihm entfernt eine Bombe. „Für mich stand fest: Kern des Konflikts ist die israelische Besatzung.“ Nach dem Studium reiste er erst durch Indien, zog dann für zwei Jahre nach Barcelona, um Internationale Beziehungen zu studieren. Heute lebt er mit seiner Frau in Jerusalem, sie haben zwei kleine Kinder. Bei der Parlamentswahl 2015 spielte er mit dem Gedanken, die Vereinigte Arabische Liste zu wählen, eine Allianz arabischer Parteien, darunter eine islamistische Gruppierung. Letztlich stimmte er für die linke jüdische Meretz-Partei.

„Egal wie kosmopolitisch ich mich fühle, letztlich bin ich israelischer Jude“, sagt er. Eine islamistische Partei zu wählen erschien ihm falsch. Zwar ist er nicht religiös, doch die jüdische Identität hängt für ihn, wie für viele andere, nicht am Glauben. „Sie ist eine nationale Identität – und die kann ich nicht ablegen.“

Bewahrt seinen Traum, indem er ihn nicht wahr werden lässt: Daniel Shenhar

Es ist diese Identität, die jüdische Israelis über alle Gräben und Landesgrenzen hinweg vereint. Sie speise sich aus zwei Quellen, sagt Dani Elazar, Direktor des Programms für jüdisch-israelische Identität am Shalom-Hartman-Institut in Jerusalem: „Da ist einerseits das religiöse Narrativ, basierend auf einer jahrtausendealten Tradition, und andererseits die Kultur, die Einwanderer aus aller Welt in Israel neu erschaffen haben.“ Zu dieser Identität gehört auch die kollektive Erinnerung an eine Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Das Bewusstsein, in einem eigenen wehrhaften Staat zu leben, habe diese Erinnerung zwar in den Hintergrund gerückt, sagt Elazar. „Aber sie bildet weiterhin einen wichtigen Teil unserer Identität – zumal manche Staaten im Nahen Osten weiterhin die Zerstörung Israels fordern.“

Das Gefühl der Bedrohung spiegelt sich in einer aktuellen Umfrage des US-amerikanischen Pew Research Centers wider: Darin sagen 91 Prozent der jüdischen Israelis, der Staat Israel sei nötig, um das langfristige Überleben der Juden zu sichern.

Dieses Gefühl mag auch erklären, warum trotz Kriegs- und Terrorgefahr so wenige Israelis ihr Land verlassen. Als im Herbst 2014 ein junger Israeli seine Landsleute auf Facebook zum Umzug nach Berlin aufrief, weil dort das Leben viel billiger als in Tel Aviv sei, war zwar vielerorts von einem israelischen Exodus zu lesen. Doch in Wahrheit sinkt die Zahl der Auswanderer: Verließen 1990 laut Israels Statistikbehörde noch 24 700 Israelis ihr Land, waren es 2013 nur noch 16 200 – und viele kehren zurück. Zugleich zieht der jüdische Staat Menschen aus allen Teilen der Welt an, im vergangenen Jahr 31 013 – ein Zwölf-Jahres-Hoch. Viele französische Juden, zuletzt die größte Einwanderergruppe, fürchten sich vor wachsendem Antisemitismus unter französischen Muslimen; ukrainische Juden entfliehen dem Wirtschaftskollaps in ihrer Heimat; wieder andere kommen aus religiöser Überzeugung. Doch der jüdische Staat lockt selbst jene, in deren Leben Religion keine Rolle spielt und die leicht an bequemeren Orten dieser Welt leben könnten.

Das Gefühl von Heimat

So wie Ariel Matzner. Der 36-Jährige wuchs in Buenos Aires in einer säkularen Familie auf, zur Synagoge ging er vor allem, um Freunde zu treffen. Seine jüdische Identität spielte für ihn keine große Rolle – bis zum 18. Juli 1994. An jenem Tag sprengte ein libanesischer Selbstmordattentäter das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires in die Luft, 85 Menschen starben. Am Tag darauf, erinnert sich Matzner, titelte »Clarín«, Argentiniens meistgelesene Tageszeitung: „85 Tote – davon 19 Unschuldige“. Mit Letzteren waren Passanten gemeint, die zufällig vor dem Gebäude gestanden hatten – als wären die Juden selbst schuld an ihrem Tod. „Das war ein Schock“, sagt Matzner. „Zum ersten Mal kamen mir Zweifel: Will ich wirklich in diesem Land leben?“

Mit 17 Jahren reiste er erstmals nach Israel. „Ich kann es nicht erklären, aber ich fühlte mich gut – irgendwie zu Hause.“ Nach seiner Rückkehr eröffnete er seiner Familie, dass er auswandern wollte. Die Verwandten nahmen ihn nicht ernst, doch nach dem Schulabschluss zwei Jahre später verwirklichte er den Plan. Erst ging er zur Armee, studierte in Tel Aviv Ingenieurwissenschaften und arbeitete anschließend bei General Electric. Zusammen mit seinem Lebensgefährten, einem Datenanalysten, hat er kürzlich eine Wohnung in Tel Aviv gekauft, nicht weit vom Strand. „Das Leben ist gut – solange man nicht die Nachrichten schaut“, sagt er und verzieht das Gesicht. Seine größte Angst sei, dass die Palästinenser keinen Staat bekommen und Israel dauerhaft Millionen Menschen ohne politische Rechte kontrollieren könnte.

Dennoch fühlt er sich längst als Israeli, vor allem wenn er auf Reisen ist. „Ich bin links, ich bin für Frieden und gegen die Regierung“, sagt er. „Aber selbst ich sehe, dass ausländische Kritik oft unfair ist.“ Es regt ihn auf, wenn er, wie neulich in Madrid, eine Regenbogenfahne neben einer Palästina-Flagge auf einem Balkon entdeckt. „Wissen diese Menschen nicht, wie es Homosexuellen in Palästina geht?“, fragt er. „Natürlich, die Palästinenser leiden. Aber die Situation ist komplex. Die Lösung ist nicht, dass wir unsere Sachen packen und nach Europa ziehen.“ Er selbst, sagt er, fühle sich an keinem anderen Ort der Welt mehr zu Hause.

Verließ sein Heimatland Argentinien, weil er sich in Israel gleich „irgendwie zu Hause“ fühlte:
Ariel Matzner aus Tel Aviv

Seit seiner Gründung 1948 hat sich nicht nur der jüdische Staat verändert, sondern auch der Blick von außen: Nicht immer wurde Israel in Europa als Aggressor wahrgenommen. Bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967, in dem Israel das Westjordanland von Jordanien und Gaza von Ägypten eroberte, galt der jüdische Staat gerade unter Linken als Underdog. Dass manche ein romantisches Israelbild pflegten, lag auch an der Kibbuz-Bewegung.

Die ersten Kibbuzim, sozialistisch organisierte Siedlungen, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von jungen, überwiegend osteuropäischen Juden gegründet. Sie wollten die Grundlage für einen jüdischen Staat schaffen, mit kollektivem Besitz, Einheitsgehalt und Fokus auf körperlicher Arbeit. „Am höchsten war der soziale Status des Kibbuz vor der Staatsgründung“, sagt Aviva Halamish, Historikerin an der Open University of Israel. Die Kibbuzim spielten tragende Rollen bei der Verteidigung, der Integration von Einwanderern und der landwirtschaftlichen Erschließung des Landes. Nachdem der Staat ab 1948 diese Aufgaben übernommen hatte, verloren die Kibbuzim an Bedeutung. In den Achtzigerjahren gerieten sie in eine ökonomische Krise, viele wurden privatisiert, der Fokus verschob sich auf Industrie und Service. Heute sind nur noch wenige der 270 Kibbuzim kollektiv organisiert; die sozialistischen Ideale haben ihren Glanz verloren. Sharon Malki ist der Meinung: zu Recht.

Sie ist 36 Jahre alt und wuchs in Gewa auf, einem Kibbuz mit rund 600 Bewohnern etwa 30 Kilometer südlich von Nazareth. Bis sie drei Jahre alt war, schlief sie mit Gleichaltrigen im „Kinderhaus“, getrennt von den Eltern, wie es damals in Kibbuzim üblich war. Ihr Vater arbeitete in einer Maschinenfabrik, ihre Mutter leitete eine Milch- und Käsefarm. Malki fühlte sich beengt von der kleinen Gemeinschaft, gelähmt vom Mangel an Ehrgeiz und Chancen. Schon als Siebenjährige bedrängte sie ihre Eltern: Wann ziehen wir endlich weg? Als 18-Jährige packte sie ihre Sachen, reiste erst nach Kanada, später durch Asien. Anschließend studierte sie Soziologie und Geografie in Jerusalem und Tel Aviv, wo sie bis heute lebt.

Zwei Jahre saß sie im Stadtparlament für die lokale Partei Ir LeKulanu (Stadt für alle), setzte sich für bessere Lebensqualität und Mitbestimmung ein. Zugleich arbeitete sie als freiberufliche Projektmanagerin im Verkehrsministerium daran, die Infrastruktur arabischer Dörfer zu verbessern. 2013 gab sie die Politik zugunsten ihres Jobs auf: „Dort erreiche ich mehr für die Menschen als in der Politik. Ich will etwas verändern, nicht nur reden.“

Wie viele junge säkulare Einwohner von Tel Aviv steht Sharon Malki politisch links. Gelingt es Israel nicht, Frieden mit seinen Nachbarn zu schließen, fürchtet sie um das Überleben des Staates. „Es kann sein, dass ich mit meinen zukünftigen Kindern auswandern muss. Ich glaube, wir sitzen auf einer Zeitbombe“, sagt sie. „Wäre ich clever gewesen, wäre ich mit Anfang 20 ausgewandert.“ Und doch bleibt sie. Nur hier, wo sie die Kultur und die Menschen verstehe, sagt sie, könne sie politisch etwas verändern. Und sie kann ihre jüdische Identität entfalten. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit dem Judentum. „Das ist mir wichtig, es ist Teil meines kulturellen Erbes, und man findet viel Weisheit darin“, sagt sie. „An manchen Orten im Ausland müssen Juden heutzutage ihre jüdische Identität verstecken.“

Die Vergangenheit, die nie vergeht

Berichte von antisemitischen Attacken in Europa wecken in Israel dunkle Assoziationen. Viele wachsen mit Geschichten von Verwandten auf, die von den Nazis ermordet wurden. Sharon Malki ist die Enkelin einer Holocaust-Überlebenden. Ihre Großmutter mütterlicherseits, geboren in Lettland, war nur zufällig an jenem Tag nicht in ihrem Heimatdorf, als die Nazis dort ihre gesamte Familie erschossen. Vor einigen Jahren hat Malki die Geschichte ihrer Großmutter aufgeschrieben und in einem Blog veröffentlicht. „Das war ihr Vermächtnis“, sagt sie. „Sie wollte, dass die Welt ihre Geschichte kennt.“

Arbeitet daran, die Lebensbedingungen in arabischen Dörfern zu verbessern:
Sharon Malki. Lehnt die Zweistaatenlösung ab: Edmund Ben Ami (links)

Laut der Pew-Umfrage bezeichnen 65 Prozent der jüdischen Israelis die Erinnerung an den Holocaust als essenziell für ihre jüdische Identität. „Lange Zeit war die Erinnerung das Element, auf das sich alle Fraktionen der Gesellschaft einigen konnten“, sagt der Soziologe Gideon Aran von der Hebräischen Universität in Jerusalem. „Das ist vorbei: Wir stehen am Anfang einer neuen Ära. Bald wird es keine Überlebenden mehr geben. Die Erinnerung wird weniger greifbar, vor allem für Jüngere.“

Edmund Ben Ami kann das nur recht sein: „Ich halte nichts davon zu jammern.“ Dabei trägt der 35-Jährige, Sohn einer Polin und eines Marokkaners, selbst den Namen eines Holocaust-Opfers. Edmund hieß sein Großonkel, der von den Nazis umgebracht wurde. Sein Großvater, der einzige Überlebende von neun Geschwistern, hinterließ einen Bericht seiner Erlebnisse. „Ich habe die fünfte Fassung gelesen – die ersten waren so furchtbar, dass meine Großmutter meinen Großvater zwang, sie zu verbrennen“, sagt Ben Ami. „In der zensierten Version stehen kaum noch konkrete Daten, eher Gedanken und Gefühle.“

Doch obwohl die Nazis seine eigenen Verwandten ausgelöscht haben, stört er sich an dem hohen Stellenwert des Völkermords im kollektiven Bewusstsein. „Viele junge säkulare Israelis wissen wenig vom Judentum, deshalb definieren sie sich über den Holocaust und Israels Kriege – Dinge, die daraus resultieren, dass andere uns hassen.“ Er selbst ging als Teenager drei Jahre lang auf eine religiöse Schule, auf eigenen Wunsch. Zwar bezeichnet er sich als Atheist. „Aber mir ist es wichtig zu wissen, was es heißt, jüdisch zu sein.“ Er plädiert für eine positive Identität, verankert in der Bibel. Für ihn zwar „keine Botschaft von Gott, aber ein 3500 Jahre alter Kanon, auf dem unsere Kultur basiert“.

Weil er in der Grundschule drei Klassen übersprungen hatte, studierte er schon mit 15 Jahren Mathematik an der Universität von Be’er Scheva, seiner Heimatstadt. Mit dem Bachelor in der Tasche trat er zum dreijährigen Wehrdienst an und kehrte danach zur Universität zurück, bis er vor drei Jahren zusammen mit einem Partner ein Start-up gründete: Die Firma namens Bugatone entwickelt eine Software, die Smartphone-Kopfhörer so programmiert, dass sie Geräusche ausblenden und zugleich Biodaten des Benutzers sammeln können. Die Masse der anonymen Daten soll eines Tages helfen, Krankheiten vorherzusagen. „Unser Traum ist, die Medizin zu revolutionieren.“

In vielem entspricht Ami, der palästinensische Freunde hat und argentinischen Tango tanzt, dem Klischee des liberalen Tel Avivers. Doch sobald das Gespräch auf Politik kommt, endet das Stereotyp. Denn er wählt HaBajit haJehudi, (Jüdisches Heim), eine rechte Partei, die die Zweistaatenlösung ablehnt und der Siedlerbewegung nahesteht. Über seine Gründe spricht er so gut gelaunt und eloquent wie über seine Firma und den jüngsten Berlin-Trip. „Das Kernproblem ist, dass die arabische Welt die Existenz des jüdischen Staates ablehnt. Also können wir den Konflikt nicht lösen, indem wir Land abgeben.“ Lieber würde er den Palästinensern im Westjordanland weitgehende Autonomie einräumen und sie ökonomisch unterstützen.

Auch Ami ist viel unterwegs: Im April fliegt er in die USA, um potenzielle Geschäftspartner zu treffen, jedes Jahr besucht er Freunde in Berlin. Er könnte sich vorstellen, ein paar Jahre im Ausland zu leben, der Erfahrung wegen. „Aber mein Zuhause ist hier. Ich will Teil des jüdischen Staates sein und dabei helfen, ihn voranzubringen.“ Und obwohl er viele nicht jüdische Freunde hat: Als Partnerin käme nur eine Jüdin infrage. „Man kann enge Freunde haben und gute Nachbarn“, sagt er. „Und doch: Familie ist Familie. Das ist etwas Besonderes. Selbst wenn man manche Verwandten weniger mag als Freunde: Sein Leben will man mit seiner Familie verbringen.“ ---