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Ich zieh’ nicht in den Wald

Was tun, wenn sich das Richtige richtig falsch anfühlt und das Falsche richtig richtig? Der Versuch einer Klärung.




• Ich esse gerade Schinken. So was mache ich jetzt wieder. Ich bin nämlich offiziell keine Vegetarierin mehr. War ich drei Jahre lang. Habe es aber aufgegeben. Weil ich im Suff nämlich doch immer wieder Fleisch gegessen habe oder mich auf Reisen durch Länder, in denen Verzicht auf Fleisch so gut wie unmöglich ist, diebisch über die erzwungenen Ausnahmen gefreut habe. Irgendwann kam ich mir dabei dermaßen scheinheilig und verlogen vor, dass ich den Vegetarismus aufgab.

Er war eh von vornherein eine halbseidene Nummer. Weil ich Unmengen an Käse gegessen habe, zu dessen Herstellung Lab benutzt wird. Weil ich Lederschuhe getragen und nonvegane Kosmetik benutzt habe und weil ich überhaupt so viele Dinge getan habe, die streng betrachtet moralisch streitbar und verwerflich waren.

Sehr brav gehe ich schon seit Jahren fast gar nicht mehr zu H&M oder Zara, um da dann sieben schrottige Pullover zu kaufen. Nein, ich kaufe stattdessen einen handgenähten italienischen aus Kaschmirwolle. Ich will ja keine Sklavenarbeit unterstützen.

Aber, erstens: Was heißt schon „fast gar nicht mehr“? Manchmal gehe ich halt doch zu Zara. Nur kurz gucken. Oh, schöne Bluse, mitgenommen. Jetzt noch kurz Socken bei H&M holen. Sind ja nur Socken. Zweitens: Ich kontrolliere nicht, ob mein teurer Kaschmirpulli wirklich von fair bezahlten Näherinnen in Italien hergestellt wurde, ob sie nicht doch ausgebeutet werden. Ob sie ihn nicht doch vielleicht in Albanien statt in Italien nähen. Und über die Herkunft des Kaschmirs möchte ich gleich überhaupt nicht nachdenken. Wenn es mir wirklich um faire Klamotten ginge, würde ich ausschließlich in veganen Läden regionale Marken kaufen, die es neuerdings immer häufiger gibt.

Doch, drittens, schlafen mir bei den meisten Klamotten dieser ethisch korrekten Labels nach wie vor die Füße ein. Und viertens ist es mit diesen Vegan-Boutiquen wie mit so vielem: Ihre moralische Unangreifbarkeit erscheint mir auch nur noch halb so glaubwürdig, wenn ich sehe, dass ihre Inneneinrichtung von Ikea ist und das Wasser, das die Angestellten trinken, von Aldi.

Aber ich halte so was niemandem vor. Wie macht man schon alles richtig? Ich weiß es ja selbst nicht. Ich ahne vielmehr: Man kann es nicht wirklich richtig machen. Na ja, kann man jetzt sagen, man kann es aber versuchen. Außerdem gibt es diese tollen Apps, die einem helfen, total gesund und bewusst zu konsumieren. Die einem anzeigen, welche Produkte fair und unschädlich sind; welches Gemüse gerade Saison hat und von welchem Hersteller man es kaufen darf; welches Siegel welche Produktionsbedingungen anzeigt und so weiter und so fort.

Und abgesehen davon, dass ich keine Lust dazu habe, jeden Schritt, den ich tue, vorher auf seine moralische Unbedenklichkeit hin abzuchecken, fällt mir hierzu auch diese Redewendung ein, die ich mal kurz googeln muss, Moment. Ah ja, genau: „Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.“ So wäre das nämlich, denn für eine Fairness-App brauche ich ein Smartphone, und für Smartphones sterben Kinder in Kobaltminen. Dafür, dass ich diesen Text hier auf meinem Laptop schreibe, übrigens auch. Wohin ich also schaue, mein Leben geht in jeder Hinsicht zulasten der Umwelt und zulasten vieler armer Menschen.

Meist ist das Unglück sehr weit weg, und deshalb merke ich nicht viel davon. Wobei das gar nicht mehr stimmt. Es kommt ja alles näher. Die billigen Fernbusse können nur so billig sein, weil die Fahrer ausgebeutet werden. Überrascht mich nicht. Auch dass die anfangs von Zukunftsidealisten hochgelobten Sharing-Geschäftsmodelle wie Airbnb oder Uber im Gegenteil nur eine ganz neue Dimension der Prekarität hervorbringen, überrascht mich nicht.

Ich wette, mit diesen neuen Essenslieferdiensten, die man neuerdings 24/7 durch die Stadt powerradeln sieht, ist es nicht anders. Von Paketdiensten ganz zu schweigen. Man kann sich ja grundsätzlich die Regel merken: Immer wenn einem etwas als zu schön, zu billig, zu bequem, um wahr zu sein, erscheint, ist es das auch. Mir ist deshalb regelmäßig danach, all die Annehmlichkeiten, die mir mein modernes westliches Leben bietet, gnadenlos zu boykottieren.

Geht aber auch nicht, wenn ich einigermaßen bequem weiterleben will und nicht sofort jeden Kontakt zur modernen Menschheit abbrechen und in den Wald ziehen will. Ich stehe auf Konsum und Annehmlichkeiten. Ich liebe den Exzess, gelegentliche Ausschweifungen, meinen fröhlichen Fatalismus, meine Gedankenlosigkeit. Ich will nicht in den Wald. Ich muss also an meinen moralischen Ansprüchen scheitern.

Kann ich das wirklich machen, oder ist das verwerflich? Ja

Mein Entschluss, mit dem Vegetarismus-Zwang aufzuhören, war daher nur ein Schritt in Richtung weniger Scheinheiligkeit. Du meine Güte, dann hab’ ich halt diesen bösen Computer, dann enthält mein Shampoo halt Parabene, dann hab’ ich halt ein paar Unterhosen von H&M. Ich will nicht mehr andauernd mit mir hadern.

Aber, kann jetzt natürlich wieder jemand sagen, muss man nicht alles, was man kann, dafür geben, dass diese Welt ein besserer Ort wird? Andererseits, ruft ein anderer, muss man sich nicht auch selbst dabei treu bleiben können? Alles immer nur richtig machen zu wollen, ist das nicht die maximal unleidenschaftlichste Art zu leben überhaupt?

Vielleicht – auch wenn das jetzt die langweiligste Antwort der Welt ist – reicht ja der goldene Mittelweg schon aus: nur ab und zu bei H&M kaufen, Fleisch essen, Zigaretten rauchen und so oft mit dem Rad fahren, wie es eben geht. Vielleicht macht man es so am richtigsten, und das bei allen möglichen Graden der Richtigkeit, die ein Mensch überhaupt erfüllen kann, ohne in die Scheinheiligkeit abzurutschen: indem man die eigenen moralischen Ansprüche vor Augen hat, hin und wieder an ihnen scheitert, dafür dann aber mit größtmöglicher Lust. ---