Partner von
Partner von

Ein Hoch auf die Langeweile

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Antworten von dem Soziologen Berthold Vogel.




brand eins: Herr Vogel, wir erleben eine Debatte über wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, ist der Ansicht, dass die Mittelschicht dabei zu den „größten Verlierern“ gehört. Was bedeutet das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Berthold Vogel: Ein Gutteil der heutigen Mittelschicht kommt aus Familien sozialer Aufsteiger. Sie sind besonders anfällig für eine strukturelle Nervosität. Es ist typisch für Menschen aus der Mittelschicht, sehr viel über die Zukunft nachzudenken. Die Oberschicht lebt von ihrer Vergangenheit, Ressourcen sind reichlich vorhanden. In der Unterschicht lebt man eher in der Gegenwart, man versucht, von Tag zu Tag über die Runden zu kommen. In der Mitte hat man etwas zu verlieren. Man macht sich Sorgen darüber, wie es weitergeht, in der eigenen Biografie, mit den Kindern und mit dem Land.

Faktisch haben viele, etwa in technisch-wissenschaftlichen Berufen, wahrscheinlich gar keinen Grund, zu befürchten, dass ihnen alles wegbricht. Aber die nervöse Angst ist da. Und sie ist mit Sicherheit in den vergangenen 10, 15 Jahren größer geworden. In der unteren Mittelschicht – die lange eine Art Bindeglied zwischen Arbeiterschaft und gesicherter Mitte war, ein wichtiger Aufstiegskanal für moderne Gesellschaften – sind die Besorgnisse besonders groß.

Sind Sicherheit und Wohlfahrtsstaat hierzulande wichtiger für den sozialen Zusammenhalt als in anderen Ländern?

Soziale Sicherheit ist überall ein hohes gesellschaftliches Gut – denken Sie an Frankreich oder an die skandinavischen Länder. Und wo gibt es ausgeprägtere Wohlstandsbilder und Gemeinschaftsvorstellungen als in den USA? Ich halte es für eine falsche Vorstellung, dass die Deutschen besonders stabilitäts- und wohlfahrtsfixiert seien. Allerdings wissen wir hierzulande vielleicht etwas genauer, welche zerstörerischen Folgen soziale Unsicherheit haben kann. Sie kann zu Extremismus führen und durch Ressentiments die rechtsstaatliche Demokratie gefährden. Soziale Unsicherheit untergräbt die Grundlagen von Gemeinsinn und Solidarität – oft nur sehr langsam und kaum bemerkbar, daher umso gefährlicher.

Werden die Verteilungskämpfe um die Ressourcen des Wohlfahrtsstaates härter?

Davon bin ich überzeugt, aber das muss nicht schlecht sein. Wohlfahrtsstaatliche Leistungen sind keine natürlichen Ressourcen, sondern die Folge politischer Entscheidungen. Und die werden immer wieder neu ausgehandelt. Die Konflikte verschieben sich, zwischen den Generationen, zwischen den Regionen, zwischen kinderreichen und kinderarmen Familien. Wer muss da eigentlich wen finanzieren? Zu Wohlfahrtskonflikten gehört der Wettstreit darum, wer die größten Handicaps und die größte Hilfsbedürftigkeit für sich reklamieren kann. Da findet eine Art Wettbewerb statt, bei dem sich nicht unbedingt die Hilfsbedürftigsten und Ärmsten durchsetzen. In der Konkurrenz um diese Ressourcen haben diejenigen die besten Chancen, die ihre Ansprüche formulieren und öffentlich durchsetzen können. Die alleinerziehende Akademikerin kann ihre Probleme unter Umständen besser in die Öffentlichkeit bringen als die kinderreiche, einkommensschwache, armutsbedrohte Familie aus der unteren Mittelschicht.

Produziert der Wohlfahrtsstaat Ungleichheit?

In der Vergangenheit wurden relativ großzügig öffentliche Leistungen etabliert, etwa bei Gesundheitsdiensten, in der Altersversorgung oder der Finanzierung kultureller und sozialer Angebote. Davon hat die Generation der Babyboomer stark profitiert, durchaus zulasten der heute jungen Generation. Doch von diesen Generationenunterschieden abgesehen: Der Wohlfahrtsstaat hat ausgleichende Funktionen, aber er trifft in seinen Leistungen eben auch Unterscheidungen und produziert Ungleichheit.

Ökonomen wie der genannte Marcel Fratzscher beklagen auch, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse für viele Arbeitnehmer zugenommen hätten. Die Zahlen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) zeigen indes, dass der Anteil der Vollzeiterwerbstätigen auf dem Stand von 1984 liegt, also bei etwa 40 Prozent der Erwerbsfähigen.

Die Zunahme unverbindlicher und unsicherer Beschäftigung ist eine Tatsache. Die Zahl der Leiharbeitskräfte ist deutlich gestiegen. Die Befristung von Beschäftigungsverhältnissen ist weitverbreitet, auch der Zuwachs an Werkverträgen und Minijobs ist nicht zu bestreiten. Dass in der Relation die Zahl der Vollzeiterwerbstätigen stabil geblieben ist, ändert nichts daran, dass prekäre Beschäftigung absolut gewachsen ist. Und über die Qualität der Vollzeiterwerbstätigkeit sagt die schiere Größe von 40 Prozent noch nichts aus.

Untersucht die Mittelschicht ...

Können Sie das veranschaulichen?

Ein Beispiel dafür ist der öffentliche Dienst. Die älteren Mitarbeiter sind zu sicheren Konditionen angestellt, die jüngeren sind mit deutlich anderen, auch unsichereren Verhältnissen konfrontiert. Das gilt etwa für die Gesundheitsdienste, für weite Teile der Verwaltung, es gilt extrem für die ehemals staatliche Post, die sich grundlegend in ein Logistikunternehmen gewandelt hat.

Gab es nicht gute Gründe, diese bürokratischen Apparate zu flexibilisieren?

Auf jeden Fall. Deshalb finden diese Veränderungen auch eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz. Es gibt keinen Anlass für übertriebene Nostalgie. Wir haben in den vergangenen Jahren eine Untersuchung über veränderte Arbeitsverhältnisse im öffentlichen Sektor gemacht, am Beispiel der Kommunalverwaltung, der Post und der kommunalen Krankenhäuser. Einer der Interviewpartner war leitender Mitarbeiter in einer Stadtverwaltung in Süddeutschland, Mitte 40, jemand, der eine typische Verwaltungslaufbahn hinter sich hatte. Der beschrieb einerseits wachsende berufliche Unsicherheit für viele seiner jüngeren Kollegen. Andererseits beobachtet er, dass interessante, auch abteilungsübergreifende Projekte jenseits der alten Laufbahn-Mechaniken den öffentlichen Dienst für jüngere Arbeitnehmer gerade attraktiv machen.

Man schätzt die neuen Freiräume, vermisst aber die alten Gewissheiten?

Wir beobachten ein Konfliktverhältnis zwischen dem alten Sicherheitsversprechen und neuen Bewegungsmöglichkeiten. Das ist typisch für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Vielen Arbeitnehmern sind Flexibilität, weniger Ortsgebundenheit, mehr Autonomie wichtiger als starre Vollzeitbeschäftigung. Die alte, korporative Arbeitsgesellschaft der fixen Tarifverträge, fest gefügten Berufskarrieren, engen betrieblichen Bindungen und starren Arbeitszeiten kollidiert nicht nur mit veränderten Arbeitgeberinteressen, sondern auch mit einem Wandel der Arbeitnehmerbedürfnisse. Das gilt besonders für qualifizierte Frauen. Bei der Untersuchung zu Arbeitsverhältnissen in der öffentlichen Verwaltung hat uns ein Mitarbeiter der Personalabteilung berichtet, dass diese mit mehr als 200 unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen arbeitet. Allein das zeigt, wie differenziert die Bedürfnisse sind.

Trotzdem kann die Flexibilisierung zu Statusängsten führen?

In der unteren und mittleren Mittelschicht macht sich der massive Anstieg der befristeten Beschäftigungsverhältnisse bemerkbar. Das Versprechen, irgendwo angekommen zu sein, sich auf den erreichten Status verlassen zu können, ist nicht mehr wirksam. Eine typische Familie aus der unteren Mittelschicht, er zum Beispiel Facharbeiter, sie kaufmännische Angestellte, hatte früher oft größere Sicherheiten und Möglichkeiten als heute. Der Wohlfahrtsstaat nimmt bestimmte Leistungen zurück und setzt stärker auf Eigenleistung, etwa in der Alters- und Gesundheitsversorgung. Selbst wenn das Bruttogehalt stabil bleibt, was in der Mittelschicht statistisch weitgehend der Fall ist, schrumpft das verfügbare Einkommen. Noch wichtiger ist der schwer fassbare Faktor der Angst, die eigene Zukunft nicht im Griff zu haben.

Gefährdet das den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft?

Die Idee des sozialen Zusammenhalts hat viel mit dem Versprechen sozialer Sicherheit und der Verbindlichkeit gesellschaftlicher Strukturen zu tun. Wenn eine wachsende Gruppe den Eindruck hat, sich darauf nicht mehr verlassen zu können, hat das Folgen für die soziale Kohärenz. Das gilt erst recht, wenn diese Gruppe aus der Mitte ein wesentliches Element des Gesamtgefüges war. Dafür, sich als Teil des gesellschaftlichen Ganzen zu fühlen, spielt es eine große Rolle, ob man glaubt, Perspektiven zu haben und sich entwickeln zu können. Dieser Fortschrittsoptimismus wird zunehmend von sich gegenseitig verstärkenden Statusängsten abgelöst. Das ist unter anderem für die SPD ein Problem, die früher stark vom Milieu fortschrittsoptimistischer Aufsteiger geprägt wurde.

Mittelschichten prägen sich aus, wenn ein relevanter Teil einer Gesellschaft sich begründete Hoffnung auf sozialen Aufstieg machen kann, wie etwa in Schwellenländern. Individueller Aufstieg und gesellschaftlicher Fortschritt, Partikularinteresse und Gemeininteresse liegen nah beieinander. Wir sind eine sehr reife Mittelschichtsgesellschaft. In bestimmten Teilen der Gesellschaft sind diese Aufstiegshoffnungen sehr fraglich geworden. Der Abstand zwischen Partikular- und Gemeininteresse wird größer.

Ist der Kern der Aufstiegshoffnungen ein höheres Einkommen?

Es geht nicht nur um den materiellen Aufstieg. Kann ich mich beruflich verändern? Bekomme ich interessante Aufgaben? Kann ich meinen Kindern gute Perspektiven bieten? Stehen mir unterschiedliche Optionen offen, mein Leben zu führen, zum Beispiel in der Wahl eines Berufs, des Wohnortes oder der Familienkonstellation? Wenn mein Status gefährdet ist und ich vor allem versuchen muss, mich abzusichern, habe ich in der Regel weniger Wahlmöglichkeiten. Der Druck der Statusabsicherung verengt Handlungsspielräume. Wenn es vielen Menschen so geht, verändert sich das gesellschaftliche Klima. Die Fähigkeit und die Bereitschaft zu Solidarität, die Empathie für Menschen in Not, schrumpfen. Aber diese Fähigkeiten sind Teil der Lebensqualität in Gesellschaften wie der unseren.

Berthold Vogel

Der Soziologe Heinz Bude beschreibt in seinem neuen Buch „Das Gefühl der Welt“, dass auch Misstrauen eine starke „kollektivbildende Kraft“ entwickeln könne. Stimmen Sie zu?

Der Rechtspopulismus ist ein Beispiel für solche Misstrauensgemeinschaften. Man teilt das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, Eliten, der Presse, Ausländern. Das kann in einem ideologischen Sinn gemeinschaftsstiftende Kraft entwickeln. Man kann vermuten, dass das durch Statusverlustängste verstärkt wird. Aber eigentlich machen Statusängste eher einsam. Wer sich in seinem Misstrauen vergräbt und die Gesellschaft als feindlich erlebt, kann schlecht stabile Bindungen aufbauen.

Beeinträchtigen Statusängste die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen?

Engagement, zum Beispiel für Menschen in Not, braucht Freiheit in der eigenen Lebensführung. Ich öffne mich eher für andere, wenn ich meiner eigenen Position sicher sein kann. Das Schrumpfen der eigenen Handlungsspielräume hat Konsequenzen für die Tragfähigkeit und Stabilität von „Sozialkapital“, wie das der Soziologe Robert Putnam nennt. Zivilgesellschaft braucht den Wohlfahrtsstaat, der bestimmte Infrastrukturen und Basisvoraussetzungen garantiert. Man merkt das in ländlichen Regionen, in denen die öffentliche Infrastruktur ausgedünnt wird. Wenn in schrumpfenden Dörfern der Kindergarten und die Schule schließen, nur noch zweimal am Tag ein Bus fährt und Ärzte und Verwaltungseinrichtungen erst in der nächsten Kreisstadt erreichbar sind, nimmt auch die lokale gesellschaftliche Mitte ab. Bürgerschaftliches Engagement hat dort die größten Chancen, wo bestimmte staatliche Rahmenbedingungen vorhanden sind. Ich glaube nicht an ein Substitutionsverhältnis, bei dem das staatliche Angebot heruntergefahren und durch bürgerschaftliches Engagement ersetzt wird.

Verringert nicht auch der Sozialstaat die Hilfsbereitschaft? Nach dem Motto: Weshalb soll ich mich um die demente Nachbarin kümmern – schließlich zahle ich Steuern?

Zumindest zehrt der Wohlfahrtsstaat bestimmte familiäre Ressourcen aus. Für gebrechliche, alte, verarmte Familienmitglieder sorgt im Zweifel der Sozialstaat, auch wenn er sich unter Umständen einen Teil des Geldes wieder von nahen Verwandten zurückholt. Das kann man auch als eine Befreiung von familiären Zwängen verstehen. Der Wohlfahrtsstaat verstärkt die Möglichkeiten, sich von vorgegebenen familiären Bindungen und sozialen Herkünften zu lösen. Er schafft Voraussetzungen für die Emanzipation. Und er kollektiviert soziale Sorge, wenn das gesellschaftliche Ganze für die Basis-Absicherung der Einzelnen mitverantwortlich ist. Der Wohlfahrtsstaat hat also sowohl individualisierende als auch kollektivierende Effekte.

Damit ist jedoch auch ein ausgesprochener Hang zur Bevormundung verbunden, etwa bei Empfängern von Arbeitslosengeld II.

Staatliche Bürokratie hat ein großes Kontrollbedürfnis und will vielleicht auch zu vieles zu penibel regeln. Trotzdem hat die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in den vergangenen 200 Jahren die grundlegende Unsicherheit zurückgedrängt, die über weite Strecken der Menschheitsgeschichte das Leben geprägt hat. Der Wohlfahrtsstaat hat zwei Dinge stark akzentuiert: soziale Sicherheit und Freiheit, auch wenn man das nicht sofort mit Staat assoziiert. Aber durch staatliche und andere öffentliche Aktivitäten werden neue Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen. Es wäre verkürzt, den Staat nur als ein stählernes Gehäuse zu sehen, das die Gesellschaft umklammert und Freiheiten zum Beispiel von Marktakteuren einschränkt. Mit dem Bewusstsein sozialer Sicherheit geht eine neue Vorstellung von Gesellschaft als Ganzes einher.

Sorgt dieses Bewusstsein für sozialen Zusammenhalt?

Das kann man so sagen. Die Idee, dass es so etwas wie Gemeinwohl gibt, ist historisch relativ jung. Émile Durkheim sprach vom „sozialen Band“. Das ist voraussetzungsvoll. Zur Vorstellung eines gemeinsamen Wohls gehört so etwas wie Solidaritätsbereitschaft, das Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit, das Wissen, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein. Es ist eine enorme kulturelle Leistung, die Idee zu entwickeln, dass es jenseits der Partikularinteressen ein gemeinsames Interesse gibt und dass Rücksicht auf das Gemeinwohl im Interesse jedes Einzelnen liegen kann, auch wenn es ihm Opfer abverlangt. Der moderne Wohlfahrtsstaat ist sowohl Produkt als auch Motor dieser Entwicklung.

Er ist also mehr als eine Umverteilungsmaschine?

Ich bezweifle, dass sich der Wohlfahrtsstaat als reine Umverteilungsmaschine beschreiben lässt. Er organisiert eher öffentliche Güter. Ein solches Gut ist zum Beispiel Sicherheit. In der Regel können wir davon ausgehen, dass wir auf der Straße nicht überfallen werden, dass das Trinkwasser nicht giftig ist, dass Verkehrswege funktionieren, dass man Polizisten oder Ärzte nicht bestechen muss, damit sie ihre Arbeit machen. Was wir für selbstverständlich halten, sind Effekte des Wohlfahrtstaates. Das kann man als zweite Natur der Gesellschaft beschreiben, ein Produkt historischer Entwicklung, das wir kaum noch wahrnehmen, weil wir uns daran gewöhnt haben. Die dadurch geschaffene Normalität ist eine wichtige Ressource, auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht etwas langweilig wirkt. ---