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Briefkastenfirma

Seit je wollen Unternehmen Steuern sparen. In New Jersey konnten sie das bequem ab 1892 – dank einer geheimnisvollen Firma.





• Ein solches Unternehmen hatte es in den USA zuvor nicht gegeben. Entsprechend verwundert schrieb am 24. Dezember 1892 die »New York Times«: „Eine eigenartige Firma wurde in New Jersey gegründet. Sie wird den Namen Corporation Trust Company of New Jersey tragen, und sie ist dazu bestimmt, für all diejenigen Firmen tätig zu werden, die sich in dem Staat niederlassen, weil sie dessen Gesetze und niedrige Steuersätze schätzen.“

Dies bedurfte einer genaueren Erklärung. Die Zeitung fuhr fort: „Ein Unternehmen braucht keine große Fabrik mehr, es reicht, als Treuhänder großer Organisationen unter den Gesetzen von New Jersey tätig zu sein, aber Geschäfte außerhalb des Staates zu machen.“ Mit anderen Worten: Unternehmen können sich in New Jersey registrieren lassen, sie können die niedrigen Steuern dort nutzen, in ganz Amerika tätig sein – und die Corporation Trust Company erledigt den Papierkram.

Die Idee dazu hatte der New Yorker Rechtsanwalt James Dill. Er war damals 38 Jahre alt und ehrgeizig. Dill arbeitete in Manhattan, hatte aber ein Haus in East Orange in New Jersey und pendelte zwischen der Großstadt und der Vorstadt. Mit seinem Vorschlag, durch lockerere Gesetze mehr Unternehmen anzuziehen, war er auch schon in New York vorstellig geworden. Aber die Verantwortlichen, so schilderte er es einem Journalisten damals, seien mehr daran interessiert gewesen, was für sie persönlich dabei herausspringe als für die Stadt.

Also sprach er mit New Jerseys Gouverneur Leon Abbett. Der hatte allerlei Sorgen. Denn das mächtige New York auf der anderen Seite des Hudson River zog alle großen Unternehmen an, der Standort im Nachbarstaat war wenig attraktiv, die Steuereinnahmen entsprechend niedrig. Abbett wusste kaum, wie er die hohen Schulden aus dem Bürgerkrieg bezahlen sollte. Daher traf sich der Gouverneur mit jedem, der einen Vorschlag hatte, wie der Staat an mehr Geld kommen könnte.

Der Vorschlag von Dill leuchtete ihm ein: Zuerst sollten die Gesetze geändert werden. Und danach besagte Corporation Trust Company gegründet werden.

Der erste Schritt bedeutete, dass der Staat die Unternehmen praktisch in Ruhe ließ und ihnen so wenig Steuern wie möglich aufbürdete. 1889 beschloss das Parlament den von Dill selbst geschriebenen Gesetzesentwurf. Darin wurde den Unternehmen alle Freiheiten zugestanden, auch gab es keine Bestimmungen mehr hinsichtlich des Unternehmenszwecks. Die Macht der Aktionäre wurde in dem Gesetz geschwächt, und den Firmen wurden alle Formen von Zusammenschlüssen, Übernahmen und Käufen gestattet.

Weiter hieß es in dem Gesetz: „Unternehmen dieses Staates oder jedes anderen Staates, die in diesem Staat Geschäfte machen und denen es vom Gesetz her gestattet ist, Aktien oder Anleihen von Unternehmen in anderen Staaten zu halten, dürfen das tun, und zwar mit allen Rechten, Bewilligungen und Privilegien von individuellen Aktionären.“

Das hieß: Hatte eine Holding in New Jersey ihr Hauptquartier, konnte sie überall in den USA Anteile an Firmen erwerben. Es wurde sogar gestattet, dass eine Holding allein zu dem Zweck bestehen konnte, Anteile an anderen Firmen zu halten – das hatte es bis dahin in den USA noch nicht gegeben: Produziert und gearbeitet wurde überall im Land – verdient wurde in New Jersey.

Doch allein mit derart freundlichen Gesetzen, das hatte Dill dem Gouverneur beigebracht, würde man noch keine Unternehmen nach New Jersey locken. Damit sich Firmen in dem Staat niederließen, war eben noch etwas nötig: die Gründung der Corporation Trust Company of New Jersey, über die sich die »New York Times« gewundert hatte.

Wer sich in New Jersey niederlassen wollte, musste nur an den Staatssekretär schreiben, der den Brief dann an besagte Firma weiterleitete, die gegen eine Gebühr alles übernahm: Gründung des Unternehmens in New Jersey, Eintrag ins Register, Prüfung der Verträge, Bestellung von Treuhändern und Bereitstellung einer Büroanschrift samt Briefkasten.

Der Gesetzgeber kam den Investoren sogar so weit entgegen, dass die Eigentümer einer Firma bei deren Gründung nicht einmal persönlich anwesend sein mussten. Damit James B. Dill und Leon Abbett von diesem Unternehmen auch persönlich profitieren konnten, machten sie sich kurzerhand zu Aktionären der Corporation Trust Company.

Und die fand viele Kunden. 1888 waren in New Jersey 567 Kapitalgesellschaften registriert, im Jahr 1892 waren es bereits 1212, und im Jahr 1903 hatten 2035 Unternehmen in dem Staat ihre Zentrale eröffnet.

Die Mutter aller Trusts

Angelockt wurden sie auch von den niedrigen Steuern. Nur 20 Cent je 1000 Dollar Firmenkapital verlangte der Staat – rund ein Sechstel dessen, was New York forderte. Das war ein gutes Geschäft für den Gouverneur, da viele Holdings und Trusts nach New Jersey zogen, zumindest auf dem Papier. Woodrow Wilson, damals Präsident der Princeton University und später Präsident der USA, nannte den Staat „die Mutter aller Trusts“.

Der Erfolg blieb nicht unbemerkt – und es gab Nachahmer: Als erster kopierte Delaware das Modell. 1898 reformierte der kleine Staat an der Ostküste sein Wirtschaftsrecht. Bis dahin waren Unternehmen gegängelt worden, Firmen mussten mindestens 10.000 Dollar Kapital halten, aber nicht mehr als 100.000 Dollar.

Das änderte sich mit der Reform schlagartig. Danach durften die Unternehmen tun, was sie wollten: Die Rechte von Aktionären, die Pflichten von Direktoren, die Übernahme anderer Firmen – aus alldem hielt sich der Staat heraus. Zudem wurde der Steuersatz etwas unter den von New Jersey gesenkt. Das zeigte Wirkung. 1902 waren in Delaware 1407 Unternehmen registriert gewesen. 1919 waren es bereits 4776. Auch für den Staat lohnte sich das: Bis 1933 machten die Unternehmenssteuereinnahmen rund 20 Prozent des Haushalts aus.

Für den Rechtsanwalt James Dill rechnete sich die Idee ebenfalls, aus New Jersey ein Firmenparadies zu machen. Schon bald wurde er in New York zu einem mächtigen Anwalt, bestens vernetzt mit der Wirtschaftswelt. Im Alter von 46 Jahren verdiente er gar das „höchste Honorar, das jemals ein Anwalt in den Vereinigten Staaten verdient hat“, wie eine Zeitung schrieb. Um zwischen den Giganten Andrew Carnegie und John Pierpont Morgan zu vermitteln, kassierte Dill eine Million Dollar.

Und in noch einer Disziplin hat James B. Dill Geschichte geschrieben: Er kann als einer der Erfinder moderner Steuerparadiese gesehen werden. Was vor mehr als hundert Jahren begann, wirkt bis heute fort. Gegenwärtig haben fast 66 Prozent aller amerikanischen Fortune-500-Firmen ihren Sitz in Delaware, rund die Hälfte der börsennotierten Konzerne hat eine Adresse dort. Im Jahr 2014 lebten in Delaware 897.934 Menschen. Im selben Jahr waren dort 1.114.000 Firmen registriert. ---