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Aufbau-Arbeiter

Was ein Lehrer, eine Polizistin und ein Unternehmer für die Gesellschaft tun. Drei Protokolle.





„Konfrontation ist produktiv“

Hans-Joachim Liebig, 53, ist Lehrer und bringt in der Hamburger Gangway-Schule schwer erziehbare Jugendliche zum Haupt- und Realschulabschluss.

„Wir haben etwa 80 Schüler. Fast alle sind aus dem normalen System gefallen. Die sind, wie es heißt, ,nicht mehr beschulbar‘. Die meisten sind Schulschwänzer. Viele haben Drogen-Erfahrungen, einige sind kriminell.

Das Schwierigste ist, sie überhaupt dazu zu bringen, regelmäßig in die Schule zu kommen. Unsere Schüler führen alle einen massiven Überlebenskampf. Die kommen aus brüchigen Familien, häufig mit riesigen Konflikten.

Ich gehe gerade am Anfang viel in die verbale Konfrontation. Konfrontation ist etwas enorm Produktives. Ich bleibe beharrlich, selbst wenn ein Schüler sagt: ,Ne, Digga, mach’ ich nicht.‘ Es ist dann oft ein halbes Jahr nötig, bis sich etwas ändert. Wir haben hier kleine Gruppen und können uns sehr intensiv kümmern.

Bei den meisten tut sich was, sobald sie aus der Hardcore-Zeit, dem Alter zwischen 14 und 18, raus sind. Selbst die schlimmsten Fälle kriegen dann häufig noch die Kurve.“


„Die Leute vereinsamen“

Sigrid Brandt, 51, arbeitet als Polizistin in Berlin, wo sie auf dem Alexanderplatz Streife geht.

„Der Alexanderplatz ist der Mittelpunkt Ost-Berlins. Hier gehen jeden Tag 350 000 bis 500 000 Menschen durch. Dass es da zu Konflikten kommt, ist eigentlich klar. Es gibt viele Taschen- und Ladendiebstähle, Beleidigungen und Körperverletzungen, besonders am Wochenende, wenn sich die Leute hier sinnlos betrinken.

Ich begegne vielen alten Menschen, die in Schwierigkeiten sind. Wir waren mal bei einer alten Dame zu Hause, und ich habe mich zu ihr gesetzt und sie gefragt:

,Na, wo ist denn Ihre Katze?‘

,Welche Katze denn?‘

,Hier steht doch ihr Katzenfutter.‘

Da hat sie zugegeben, dass sie das selbst gegessen hat. Was anderes konnte sie sich nicht leisten. Das ist eben auch unsere Gesellschaft. Die Leute vereinsamen. Und die Respektlosigkeit nimmt zu.

Wir hatten hier neulich eine Schlägerei, bei der ein junger Mann verletzt wurde. Der saß da und hat geblutet. Ich wollte ihm helfen, und er hat einfach angefangen, mich zu beleidigen: ,Verpiss dich, du Bullenschlampe‘, das hat er gesagt. Ich habe ihm dann einen schönen Tag gewünscht und bin weggegangen.“


„Diese Kids sind Juwelen“

Cemal Ates, 53, betreibt im Berliner Wedding einen kleinen Malerbetrieb.

„Als ich 1991 meine ersten Mitarbeiter eingestellt habe, waren das ein US-Amerikaner und ein Ossi. Dann kam ein türkischer Junge als Lehrling dazu, ein schwer erziehbarer Junge. Der war richtig anstrengend. Wir haben seitdem hier alles Mögliche gehabt: Leute mit Lernschwäche, einen Gehörlosen, unterschiedliche Nationalitäten. Bis jetzt haben wir es noch immer geschafft.

Der Gehörlose zum Beispiel war Palästinenser. Der war talentiert, wissbegierig und wollte arbeiten. Hier im Betrieb hat sich schnell eine eigene Zeichensprache entwickelt. Das habe ich oft gar nicht mehr verstanden. Die haben wild gestikuliert, er hat genickt, und los ging es.

Ich habe da überhaupt keine Berührungsängste. Ich nehme auch Leute, die keinen Schulabschluss haben. Einige würden sonst nirgendwo einen Ausbildungsplatz bekommen. Diese Kids sind Juwelen. Die muss man nur ausgraben.“ ---