Partner von
Partner von

Auf der Suche nach Europa

Wer ist eigentlich für das Wir-Gefühl in der EU zuständig? Eine Recherche-Reise.





• Das Europäische Haus in Sichtweite des Brandenburger Tors wird gerade umgebaut. Die Schaufenster unter den goldenen Buchstaben und dem Azurblau der stilisierten Europaflagge sind zugenagelt, statt eines Einblicks ist da eine Press-Spanwand. Wenigstens haben sie eine Telefonnummer angegeben, falls ich Fragen zu Europa habe. Außerdem, steht da, sind die Europäische Kommission und das Europäische Parlament, die hier ihre Vertretung haben, auch auf Facebook und Twitter.

Gleich links neben dem Europäischen Haus befindet sich ein Donut-Laden, auf dem Bürgersteig stehen Plastiktische, ringsum sitzen Touristen. Jemand öffnet die Ladentür, und ich laufe durch eine Wolke, die nach Fettgebäck und Automatenkaffee riecht. Der Geruch ist derselbe, überall auf der Welt, wo es diese Donut-Kette gibt. Reflexartig gehe ich hinein, bestelle einen Boston Kreme, bezahle, kaue, schlucke. Wie hoch man die Zuckerwürfel stapeln könnte, die ich, aufgelöst in Butterschmalz, gerade esse, will ich gar nicht wissen. Das alles hier geschieht automatisch, aus dem Bauch heraus.

Was Europa angeht, ist mir das noch nie passiert, nie überkam mich Europa, immer appellierte es an meinen Verstand. Denke ich an Europa, denke ich an Verträge, Institutionen, Broschüren.

Vor zwei Jahren machte sich der kürzlich verstorbene Publizist Roger Willemsen auf die Suche nach dem, was die Europäische Union im Innersten zusammenhält. „Europa führt einen Wahlkampf der Floskeln und Begriffe“, schrieb er, „die kaum verhüllen, dass die Idee der Europäischen Union im Ökonomischen wurzelte. Wo aber entwickelte sie sich zu mehr?“ Mich interessiert, wer für ihre Identität verantwortlich ist.

Ich frage bei der Pressestelle des Europäischen Parlaments nach. Antwort: „Das Europäische Parlament macht kein Marketing. Es gibt auch keine Abteilung, die für diese Aspekte zuständig ist. Natürlich können Sie sich an die Pressestellen der anderen Institutionen wenden, der Kommission oder des Europäischen Rats, um mehr über deren Kommunikationsstrategie zu erfahren.“

Im Vertrag von Lissabon bekennt sich die EU zur Wahrung der kulturellen Vielfalt Europas. Aber wer wahrt seine kulturelle Einheit? Die Europäische Kommission meldet sich mit folgender Auskunft zurück: „Eine europäische Identität zu stiften kann eine einzelne Institution wie die Europäische Kommission allein nicht bewerkstelligen, das kann auch keine Kampagne. Das funktioniert auf Dauer nur über gute europäische Politik.“

„Wen rufe ich an, wenn ich mit Europa sprechen will?“, soll der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger einmal gefragt haben. Viel leichter als damals lässt sich das heute, nach Jahrzehnten europäischer Integration, auch nicht beantworten. Es gibt einfach zu viele Telefonanschlüsse: Da sind die Außenbeauftragte Federica Mogherini und der Ratspräsidenten Donald Tusk. Mit Jean-Claude Juncker hat die Europäische Union einen Kommissionspräsidenten, mit Martin Schulz einen Parlamentspräsidenten. Und während der Eurokrise hätte man wohl am ehesten Angela Merkel angerufen oder gleich Wolfgang Schäuble.

Ich versuche es etwas bürgernäher im Europäischen Informationszentrum am Potsdamer Platz. Vielleicht kann man mir dort Appetit auf Europa machen, auch wenn der Name ganz schön trocken klingt. Ich betrete einen unscheinbaren Raum im Erdgeschoss und mittelblaue Auslegware. Auf einer Seite stehen Regale mit Info-Broschüren, auf der anderen ist eine Kaffeetafel für die Besuchergruppe gedeckt, die gleich eintreffen soll: weiße Tassen, Mineralwasser in Plastikflaschen und diese urdeutsche Keksmischung, von der immer die Waffeln ohne Schokoladenüberzug übrig bleiben.

Die Büste von Jean Monnet in der Ecke muss es rausreißen, suprastaatsmännisch blickt der alte Eisenkopf in den Raum. Ein großer Mann, keine Frage. Allerdings, wer war das noch mal? Ich frage die beiden Praktikantinnen, die hinter Laptops und Früchteteepötten sitzen, eine lächelt verlegen, googelt aber zeitgleich und liefert schon die Antwort: Monnet war der Erfinder der Montanunion, mit der der europäische Einigungsprozess begann. Von ihm stammt der Satz: „Wir vereinigen keine Staaten, wir vereinen Menschen.“

Lebte Jean Monnet noch, er wäre der Richtige, um ihn nach der europäischen Identität zu fragen. Vielleicht würde er mir von dem gusseisernen Barren mit dem EUROP-Schriftzug erzählen, in dem die damals revolutionäre Idee einer überstaatlichen Organisation manifest wurde. 1953 bekam jedes der sechs Gründungsländer der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl einen solchen. Der deutsche Barren wird im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt.

Seitdem ist alles komplizierter geworden. Die europäische Idee nahm Gestalt an, und je mehr sie das tat, desto größer wurde der Apparat, der nötig ist, um sie am Leben zu halten. Ein Stück Eisen reicht schon lange nicht mehr als Symbol.

Die Engländer grölen ihre Hymne

Die Nation im Allgemeinen macht vor, wie es geht, sie hat einiges an Identitätsstiftendem zu bieten. Als etablierte Einheit hat sie es natürlich leichter. Sie ist zwar auch nur eine Marke, eine Erfindung mit allerhand Sollbruchstellen – Sprachbarrieren, religiösen Spannungen, verschiedenen Volksgruppen, sozialer Ungleichheit. Doch sie hat die vergangenen paar Hundert Jahre Weltgeschichte überlebt, das allein ist ein Erfolg. Wer mal ein Länderspiel im Pub gesehen hat, stehend zwischen Engländern, die „God Save the Queen“ singen, der weiß, wie es klingt, wenn die nationale Identität auf Höhe des Zwerchfells sitzt, also sehr tief. Die Franzosen feiern an jedem 14. Juli mit großem Pomp, unzähligen Volksfesten und Feuerwerken zwei wichtige Ereignisse ihrer gemeinsamen Geschichte. Und haben Sie schon mal einen Italiener gestenreich über die Unmöglichkeit dozieren hören, irgendwo anders auf dieser Welt ordentliche Pasta zu bekommen? Sogar die Deutschen können emotional werden. Etwa wenn sie mit Tränen in den Augen und in Gänsehaut gepackt auf den Fernseher starren, obwohl sie die Szenen aus jener Nacht schon dreimal so oft gesehen haben wie „Pretty Woman“. Sie können ihre Mauer nicht oft genug fallen sehen.

Und Europa? Hielt es nicht mal für nötig, ein eigenes Lied komponieren zu lassen. Die Melodie der Europa-Hymne ist Beethovens Neunter Symphonie entliehen und soll die europäischen Werte Freiheit, Frieden und Solidarität ausdrücken, wortlos, in der universellen Sprache der Musik. Aber wer denkt schon, wenn er sie hört, an Europa? Wann soll man überhaupt an Europa denken? Es gibt keinen Tag, an dem in allen Mitgliedsstaaten die EU gefeiert wird, mit pathetischen Reden der Politiker und Tamtam auf der Straße. Bezeichnenderweise gibt es gleich zwei verschiedene Europatage – einen für den Europarat und einen für die Union, beide irgendwann Anfang Mai. Genau weiß das kaum jemand, denn es findet ja nichts Großes statt, es sind Tage, an denen man ganz normal zur Arbeit geht.

Beschädigte Symbole

Identität ist flüchtig, sie ist kein Ziel, das man erreichen kann, sondern ein Zustand, der am Leben gehalten werden will, mit Hymnen, Feiertagen, Nationalmannschaften, Traditionen und Folklore. Immer und immer wieder. Eine neuere Variante der Identitätsstiftung ist professionelles Nation-Branding, in Deutschland etwa mit der groß angelegten „Land der Ideen“-Kampagne, die zur Fußball-WM 2006 startete. Die Umsetzung erfolgt durch die Agentur Scholz & Friends, die 2009 auch eine Kampagne zur Europawahl machte.

Klaus Dittko ist der Geschäftsführer der PR-Agentur Scholz & Friends Agenda und war an der Europawahlkampagne beteiligt. Er sagt: „Die negative Image-Entwicklung zeigt, dass die Marke EU dringend neue Impulse braucht.“ Zuletzt hätten die vormals positiv besetzten Symbole gelitten. Die Finanzkrise habe den Euro beschädigt, die Flüchtlingskrise die Idee der offenen Grenzen infrage gestellt.

Laut Eurobarometer, einer halbjährlich durchgeführten Umfrage im Auftrag der EU-Kommission, identifizieren sich hierzulande immer weniger Menschen mit Europa. Im Verlauf des Jahres 2015 sank die Zustimmung zu der Aussage, man fühle sich als EU-Bürger, um sieben Prozentpunkte auf 74, in Österreich sogar um neun Prozentpunkte auf 63. Insgesamt gaben 64 Prozent der Europäer an, das Gefühl zu haben, Bürger der EU zu sein. 34 Prozent der Befragten stimmten der Aussage nicht zu.

Die Sympathie für Europa ist ungleich verteilt auf dem Kontinent. Bürger kleiner Staaten fühlen sich tendenziell eher als Europäer als jene großer Länder. Franzosen beispielsweise sehen sich als Franzosen, und dann kommt erst mal lange nichts, von den Briten ganz zu schweigen. In Deutschland liegt die Sache ­etwas anders. Nach zwei Weltkriegen habe sich deutscher Nationalstolz erst im europäischen Kontext wieder entwickeln können, sagt Dittko. Für die Deutschen ist Europa demnach eine Befreiung gewesen.

Für mich persönlich ist es die äußere Schicht meiner Selbstbeschreibung, die Allwetterjacke sozusagen. Sie schützt mich auch in den stürmischen Zeiten der Globalisierung, zumindest steht das auf dem Etikett. „Was heute fehlt, ist eine starke Metaerzählung, welche die europäische Idee in die Köpfe und Herzen trägt“, sagt Klaus Dittko. Anfangs war es das Friedensversprechen, später die Aussicht auf Wachstum und Wohlstand, und nach dem Fall der Mauer ging es darum, die osteuropäischen Staaten zu integrieren. Und was nun? Wahrscheinlich, sagt Klaus Dittko – und er tut dies einen Tag vor den Anschlägen in Brüssel – sei Sicherheit das nächste große Ding. Gemeint sei damit nicht nur die körperliche Unversehrtheit, Schutz vor Krieg und Terror, sondern auch die Wahrung des Lebensstandards und der Schutz von persönlichen Daten. Der alte Optimismus sei dahin, sagt er, niemand glaube noch, dass Europa einer der Schrittmacher im weltweiten Wettbewerb sei oder werden könne. Es gehe nur noch darum, den Status quo zu erhalten.

Genau deshalb verstehen viele Europäer die kleinteiligen Verordnungen aus Brüssel auch nicht. Sie denken eher an Gurkenkrümmung, Bananenlänge und Glühbirnenverbot als an Zollunion oder gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. So wirkt die EU manchmal wie ein großer Schrebergarten, nicht wie eine Weltmacht. Dass die meisten Vorgaben längst nicht so absurd sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen: Nebensache. Brüssel ist weit weg, also ist Brüssel auch schuld, viele sehen das so – und die EU-Beamten tragen ihren Teil dazu bei.

Erst im März kritisierte Jean-Claude Juncker in einer Rede den Hang zu Bürokratie und schlechtem Timing. Im Hinblick auf die EU-Vorschrift zur Brenngeschwindigkeit von Weihnachtskerzen spottete er: „Das haben wir mit feinem Gespür für die Terminlage am dritten Adventssonntag in das Gesetzesblatt der Europäischen Union gesetzt.“ Er habe den Eindruck, dass die ohnehin schon sehr große Distanz zwischen europäischen Bürgern und der europäischen Politik umso größer werde, „je mehr wir uns in das tagtägliche Leben der Menschen einmischen“.

Klaus Dittko sagt, die Bürger müssten der EU vertrauen können, ohne sie bis ins Detail zu verstehen. Das sei in einer arbeitsteiligen Gesellschaft sowieso nicht möglich, da die Komplexität des Gesamtsystems den Einzelnen überfordere. Eine Demokratie werde vor allem vom Grundvertrauen der Menschen in die Institutionen getragen, ein supranationales Gebilde wie die EU allemal.

Demnach müsste das offizielle Europa jede Gelegenheit nutzen, um aus den langen Schatten seiner Institutionen herauszutreten und seinen Bürgern die Hände zu schütteln. Die Internationale Tourismusbörse wäre die perfekte Bühne. Auf der größten Reisemesse der Welt werden Träume verkauft, von fernen und von nahen Ländern. Vor dem Haupteingang wehen Nationalflaggen aus aller Welt, viele Sterne sind dabei, die zwölf europäischen sehe ich nicht.

Ich gehe trotzdem rein und erfahre, dass die Europäische Unoin tatsächlich vertreten ist, sogar doppelt. In der Berlin-Halle präsentieren zwei Mitarbeiterinnen das Europäische Haus, das ich schon als Baustelle kenne. Der Stand ist kaum größer als ein Bistrotisch, auf einem Bildschirm wird ein Rundgang durch das neu gestaltete Haus simuliert. Ähnlich wie im Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, dem sogenannten Parlamentarium, sollen Besucher dort die Arbeit der Politiker nachempfinden können. Die Eröffnung im Mai wird groß gefeiert, Juncker und Schulz haben schon zugesagt, Merkel kommt vielleicht auch.

Ein Mann in kariertem Hemd tritt an den Stand und greift sich einen Schlüsselanhänger aus Europa-blauem Filz. „Schnell noch mal hin“, sagt er, „bevor es weg ist.“ Offensichtlich spricht er nicht vom Haus am Brandenburger Tor, das eröffnet ja erst. Er meint Europa, die europäische Identität in Zeiten der Krise, um genau zu sein. „Schlimm, wie der Kontinent gerade zerbröselt. Oder?“ Es ist eine rhetorische Frage, denn der Mann verschwindet in der Menge, ohne eine Antwort abzuwarten.

Ich will noch bei Visit Brüssel zwei Hallen weiter vorbeischauen. Als der Slogan „The Heart of Europe“ zu sehen ist, weiß ich, dass ich richtig bin. Kurz darauf stehe ich vor einer Theke, neben dem Zapfhahn liegen leere Bierbecher, nichts los hier. Es ist der letzte Messetag, und die einzige Hostess ist damit beschäftigt, die Dekoration zu verscherbeln. Eine Besucherin mit Rollwagen will zwei Miniaturen des Manneken Pis kaufen, eines der Wahrzeichen von Brüssel, eine goldfarbene, eine in Pink, und sie will Rabatt. Ich warte, bis sich die beiden auf einen Preis geeinigt haben, und frage die Hostess, mit wem ich über Europa sprechen könne. Sie schaut mich an und lächelt professionell. „Von der EU ist keiner mehr da“, sagt sie dann. Ich könne aufhören zu suchen. ---