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Bruce Chapman im Interview

Ein Gespräch mit Bruce Chapman, dem Erfinder des australischen Studiengebühren-Modells.





brand eins: Wir würden gern mit Ihnen über Studiengebühren reden.

Bruce Chapman: Nur zu. Ich erinnere mich, als ich vor etwa zwölf Jahren in Deutschland war und alle wissen wollten, wie wir das in Australien eigentlich genau machen mit den nachgelagerten Studiengebühren …

… als deren Vater Sie weltweit gelten.

Mittlerweile wohl eher als ihr Großvater. Leider hat man es in Deutschland dann doch ganz anders gemacht. Und wie ich höre, war es nach ein paar Jahren schon wieder vorbei mit den Studiengebühren. Schade. Als ich damals bei meinen Vorträgen an den Universitäten unterwegs war, stand ich in manchem Hörsaal und dachte: Das ist aber ziemlich baufällig hier.

Studiengebühren sind in Deutschland politisch nicht durchsetzbar, heißt es. Außerdem seien sie sozial ungerecht.

Mit Verlaub: Unsinn. Es kommt darauf an, wie man es macht. In Australien haben wir ein System mit ganz klaren Regeln: Wenn Sie nicht genug verdienen, müssen Sie nichts zahlen. Niemals. Und wie viel Sie zahlen, hängt ebenfalls von Ihrem Einkommen ab.

Ist bestimmt teuer, wenn am Ende kaum ein Akademiker seine Schulden zurückzahlt.

Sie irren sich. Am Ende zahlt fast jeder zurück, in seiner eigenen Geschwindigkeit. Und ohne Angst, irgendwann die Kreditwürdigkeit zu verlieren. Selbst viele von denen, die ihr Studium abbrechen, verdienen irgendwann genug.

Hat sich kein einziger Student in Australien durch die Gebühren abschrecken lassen?

Die Zahl der wissenschaftlichen Studien dazu ist riesig, und alle kommen zum selben Ergebnis: nein. Und jedes Mal, wenn wir am System was geändert haben, war es wieder so. Nie ließ sich ein negativer Effekt nachweisen. Im Gegenteil. Der Anteil der Studenten aus schlechter gestellten Elternhäusern hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt.

Trotzdem gibt es in Deutschland Vorbehalte, es genauso zu machen.

Politiker gleich welcher Nationalität haben Angst vor den Protesten, die die Einführung von Studienbeiträgen zunächst auslöst. Diese Proteste durchzustehen angesichts bevorstehender Wahlen, das schaffen nicht alle. Außerdem funktioniert es leichter in einem föderalen Staat wie Deutschland oder auch Australien, wenn der Bund den Ländern hilft, indem er das Finanzrisiko eines solchen Systems übernimmt. Wir in Australien hatten Ende der Achtzigerjahre das Glück, moderne und mutige Politiker zu haben.

Wie haben die es geschafft, Gebühren durchzusetzen?

Vor allem, indem sie die Argumentation umgedreht haben: In Wirklichkeit ist ein Studium, das zu 100 Prozent vom Steuerzahler bezahlt wird, unsozial. Warum sollen Nichtakademiker Ärzte, Anwälte und Politiker subventionieren, die das, was sie geworden sind, ihrem Studium verdanken? Es gab also zwei Argumente: Wir verbessern die Universitäten mit dem Geld, womit man die aktuellen Studenten auf seine Seite kriegen kann, und wir finanzieren die Hochschulen fairer.

Akademische Bildung kommt doch nicht nur den Studenten zugute. Die Allgemeinheit profitiert davon schließlich auch.

Darum sprechen wir nur von einer angemessenen Beteiligung an den Studienkosten, von Studienbeiträgen also. Selbstverständlich gibt es einen gesellschaftlichen Wert, deshalb sollte die Mehrheit der Kosten auch immer durch Steuern finanziert werden.

Wer garantiert, dass der Staat seinen Finanzierungsanteil nicht zurückfährt – mit dem Ergebnis, dass die Studiengebühren nur die Lücke füllen und es am Ende keinen Euro mehr gibt?

Keiner. Aber wer garantiert Ihnen, dass der Staat ohne Studienbeiträge die Hochschulfinanzierung auf ein auskömmliches Niveau erhöht? Ein sozialverträgliches System nachgelagerter Studiengebühren mag für vieles gut sein – vernünftige Politik kann es niemals ersetzen.

Wundern Sie sich manchmal über die Debatte in Deutschland?

Nein. Aber ein bisschen tut es mir schon weh zu sehen, wie sehr die Hochschulen bei Ihnen das Geld brauchen könnten und wie effektiv und gut geeignet gleichzeitig Ihr Steuersystem für ein solches System wäre. Und trotzdem passiert nichts. Aber warten wir mal ab. Die Deutschen sind ja schlaue Leute. ---

Bruce Chapman ist Professor für Volkswirtschaft an der Australian National University in Canberra. 1989 beauftragte ihn die Labour-Regierung unter dem damaligen Premierminister Bob Hawke, ein Modell für sozialverträgliche Studiengebühren auszuarbeiten: das Higher Education Contribution Scheme (HECS). Auch bei den verschiedenen Reformen des Systems war Chapman immer wieder als Berater beteiligt