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MOOCs: Massive Open Online Courses

Ein Selbstversuch.





• Vor mir steht David Ward von der Universität Edinburgh und erklärt, was Philosophie ist – und was nicht. „Philosophie ist kein Fach, es ist eine Aktivität, auf die wir uns einlassen müssen. Wir müssen dabei tatsächlich etwas tun.“ Hinter Ward ist ein Fresko des Malers Raffael zu sehen. „Die Schule von Athen“ heißt es und zeigt eine Reihe meist älterer Menschen in bunten Kleidern, die ins Gespräch vertieft sind. Philosophieren zur Zeit des antiken Griechenlands.

Das Ambiente stimmt schon mal, fragt sich nur, ob auch das Medium zu meinem Vorhaben passt, denn Ward ist nur auf dem Bildschirm vor mir zu sehen. Aber genau das will ich in den kommenden Wochen herausfinden: ob es möglich ist, auf digitalem Weg Bildung zu erlangen.

Bildung. Normalerweise eignet sie sich ein Mensch über Jahrzehnte an. Auf den ersten Blick scheint das nicht zum Digitalen zu passen. Denn die Informationstechnik verspricht uns, Arbeit abzunehmen. Bildung hingegen ist etwas, das der Mensch mit sich selbst macht. Man bildet sich. Andererseits: Schadet es, wenn wir uns dabei via Computer auf die Sprünge helfen lassen?

Bevor ich mich David Ward und der Philosophie zuwende, schlage ich zunächst den einfachsten und bequemsten Weg zum Wissen ein: Ich installiere auf meinem Smartphone zwei Quizspiele. „Quizduell“ und „QuizUp“ hatten beide vor zwei Jahren ihre große Zeit, aber sie sind noch auf den Smartphones einiger Freunde, und ich fordere sie heraus, „wird mal wieder Zeit“, schreibe ich dazu.

Sich die Welt über Quizspiele zu erschließen mag erst einmal wenig systematisch und gar nicht nach Bildung klingen, aber letztlich ist es eine Art Shotgun-Methode: Statt ein Fachgebiet nach dem anderen durchzuackern, lasse ich mich vom Zufall leiten. Dieses Verfahren entwickelte 1996 der Biochemiker Craig Venter, als es um die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts ging, er zerschnitt die DNA in unzählige kleine Teile, entschlüsselte alle Teile parallel und setzte sie dann wieder zusammen. Damit war er schneller als die Konkurrenz, die versuchte, das Erbgut von Anfang bis Ende zu dekodieren.

Mehr als eine Woche lang quizze ich täglich eine Stunde. Ich wähle die Kategorien, die Bildung versprechen, „Kunst & Kultur“ und „Bücher & Wörter“. Dabei lerne ich zum Beispiel, aus welchem bekannten Werk das Zitat „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ stammt (Hamlet) und dass Wladimir Majakowski kein Dadaist war. Nur in welchem Zusammenhang steht das Zitat, und was war Majakowski denn dann? Ich merke schnell: Bildung lässt sich nicht anhand einzelner Fragen mit vier Antwortmöglichkeiten erlangen. Klar, ich könnte alles nachlesen – doch dann wäre der Spaß vorbei.

Abgesehen davon erscheint auch das Shotgun-Verfahren ungeeignet: Die Welt des Wissens ist zu weitläufig, ich brauche erst einmal eine Vorstellung vom Gesamtbild, um dann die vielen kleinen Teile einordnen und zusammensetzen zu können. Viel mehr, als dass ich jetzt auf Partys damit zu unterhalten weiß, dass Alarm von „all’arme“, „zu den Waffen“, kommt, bleibt nicht hängen. Wissen für Angeber, aber keine echte Bildung.

Ich will strukturierter vorgehen und mehr in die Tiefe gehen. Vor drei Jahren waren die sogenannten Massive Open Online Courses, kurz: MOOC s, das große Thema. Sie versprechen Bildung für alle: Die besten Professoren der besten Universitäten der Welt halten im Internet Vorlesungen. Der Besuch kostet nichts und ist für jeden offen: für das wissbegierige Kind in Bangladesch genauso wie für den Harvard-Studenten, der bei einem Yale-Professor noch mehr lernen möchte. Bei manchen Kursen ist es möglich, gelöste Aufgaben und Essays einzureichen und in E-Foren zu diskutieren. Das Spektrum der angebotenen Fächer ist enorm groß, es reicht von Informatik über Naturwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften.

Mitschreiben am Bildschirm

Die Begeisterung ist in jüngster Zeit zwar etwas abgeflacht. Die Abbrecher- und Durchfallquoten bei MOOCs sind enorm hoch. Viele ihrer Mängel – kein direkter Kontakt zu den Dozenten, keine individuelle Betreuung – sollen jetzt die SPOCs beheben, die kleineren, begrenzteren Varianten der MOOCs. An SPOCs (Small Private Online Courses) kann nur eine ausgewählte Zahl an Studenten teilnehmen, die sich regelmäßig online oder auch in echten Seminarräumen mit ihrem Dozenten treffen. Weil mir das Prinzip „Bildung für alle“ mehr zusagt, entscheide ich mich trotzdem für die MOOCs.

Eine Woche später steht David Ward auf dem Bildschirm vor mir. Er übernimmt die erste Woche des siebenwöchigen MOOCs „Einführung in die Philosophie“, das durch Multiple-Choice-Tests ergänzt wird. Ich bin sofort begeistert. Das ist etwas ganz anderes als ein Quizspiel. Klar, es ist nicht mehr als eine abgefilmte Vorlesung mit nettem Hintergrundbild. Aber ist es nicht genau das, was wir brauchen, um den Weg zur Bildung zu beschreiten: einen Menschen, der begeistert von etwas ist und versucht, es zu vermitteln? Doch es ist leider nicht so, dass alles, was der Eliteprofessor im Bildschirm sagt, sich direkt in meinem Gehirn festsetzt. Zweierlei muss von mir kommen.

Erstens: die Motivation. Denn es ist selbstverständlich ein Unterschied, ob man im selben Raum sitzt wie der Professor oder ob man ihn nur in einem Video sieht. Ich glaube aber nicht, dass man zwangsläufig weniger lernt, wenn man sich eine Vorlesung auf dem Computer statt im Hörsaal ansieht – nur muss vor dem Bildschirm der Hunger nach Wissen größer sein. Dann kann man es auch als Vorteil erleben, sich die Vorlesung am Schreibtisch anzusehen und jederzeit stoppen und zurückspielen zu können, wenn man etwas nicht verstanden hat.

Zweitens: das Mitschreiben. Ich merke bald, dass es nicht reicht, Ward und später auch seinen sechs Kollegen zuzuhören. Beim nächsten MOOC sitze ich mit einem großen schwarzen Notizbuch vor dem Computer. Wie in einer ganz normalen Universität schreibe ich mit, was der Professor sagt. Es geht dieses Mal um die Geschichte der Welt von 1910 bis zur Gegenwart. Schon in der ersten Stunde merke ich, wie viel es mir bringt, dass ich das Gesagte mit eigenen Worten und Skizzen noch einmal niederschreibe. Während ich – mit höchster Motivation! – zu Papier bringe, was Philip Zelikow, Geschichtsprofessor aus Virginia, über die Gründe sagt, die zum Ersten Weltkrieg geführt haben, kommt es mir vor, als sei ich nah dran an dem, was man Bildung nennt.

Befeuert durch den Erfolg suche ich weiter. Ich frage mich, wie die Universalgelehrten der Aufklärung wohl das Internet genutzt hätten. Der Franzose Denis Diderot, geboren 1713, arbeitete jahrzehntelang an der „Encyclopédie“, dem ersten den Wissensstand der Zeit umfassenden Lexikon, das 72 000 Artikel lang werden sollte. Allein die deutschsprachige Ausgabe des Onlinelexikons Wikipedia umfasst heute fast zwei Millionen Artikel. Auf der Hauptseite gibt es eine Rubrik namens „Artikel des Tages“, wo jeden Tag ein gut recherchierter und geschriebener Eintrag präsentiert wird. Ein paar Tage lang lese ich diesen Artikel – zugegeben, das ähnelt der Shotgun-Methode, aber dieses Mal geht es mehr in die Tiefe. Fragt sich nur in welche: Als nach verschiedenen Fußballartikeln der Eintrag „Opium fürs Volk“ kommt, freue ich mich schon darauf, etwas über die Rolle der Religion zu erfahren. Ich bekomme aber nur das gleichnamige Album der Punkrockband „Die Toten Hosen“ erklärt. Nichts gegen die Toten Hosen, aber …

Auch andere Versuche, die schier unglaubliche Informationsmenge im Internet zu nutzen, enttäuschen. Auf diesem Wege lässt sich Bildung systematisch nur sehr begrenzt erlangen. Ich muss sie mir also – abgesehen von den MOOCs – anderswo holen. Aber als ich mich nach meinem Experiment wieder auf Bücher konzentriere, erkenne ich doch noch einen Vorteil des Digitalen – es kann vielleicht nicht direkt umfassend bilden, aber es kann die aktive Bildung beschleunigen: Wenn sich bei der Lektüre eine gute Frage ergibt, dann hilft mir das Internet so schnell wie nie zuvor, eine gute Antwort zu finden. ---