Partner von
Partner von

Interview mit Bernd Hansjürgen über den Wert von Naturschutz

Der Wissenschaftler Bernd Hansjürgens über den ökonomischen Blick auf Natur und das Handicap von Käfern gegenüber Eisbären.





brand eins: Herr Hansjürgens, Sie berechnen den wirtschaftlichen Wert der Natur. Ist der überhaupt bestimmbar?

Bernd Hansjürgens: Wir können kein Preisschild an einen Baum hängen. Und wir können auch nicht sagen: Soundsoviel Euro kostet der Himmel über Leipzig. Das wollen wir auch gar nicht. Im Übrigen wäre es methodisch falsch.

Warum?

Weil wir versuchen, den Wert eines bestimmten natürlichen Gutes zu erfassen, nicht seinen Preis. Das ist nicht dasselbe. Für das, was wir hier machen, heißt das: Wir vergleichen Alternativen in der Nutzung von Natur durch den Menschen. Wir fragen uns zum Beispiel, welche ökonomisch erfassbaren Effekte es hat, wenn man etwa ein Moorgebiet trockenlegt und zu einem Acker macht, der dann konventionell bewirtschaftet wird. Um das methodisch zu erfassen, betrachten wir die verschiedenen natürlichen Leistungen eines Moores. Einige sind durchaus in Form von Eurobeträgen darstellbar und lassen sich zu einem Wert addieren, auch wenn die allermeisten Menschen das sicherlich intuitiv anders sehen würden.

Wieso glauben Sie das?

Weil wir Natur emotional wahrnehmen. Die Frage nach einem ökonomischen Wert erscheint daher skurril und sachfremd. Und wenn Sie jemanden fragen, wie er einen naturbelassenen Wald beschreiben würde, dann werden Sie die Antwort erhalten, das sei ein tiefer oder dunkler Wald. Ein anderer sagt, das sei ein geheimnisvoller, unergründlicher oder aber vielleicht auch einfach nur ein schöner Wald. Menschen haben einen ideellen Blick auf Natur.

Und Sie?

Zumindest beruflich einen ökonomischen.

Was sieht der ökonomische Blick auf ein Stück Natur im Gegensatz zum ideellen?

Zunächst einmal die für die Menschen erbrachten unsichtbaren Leistungen. Diese sind das maßgebliche Kriterium für die Methodik. Man kann etwa ein Moor als einen nicht unbedingt schönen Flecken Erde betrachten. Und dann riecht ein Moor vielleicht auch noch unangenehm modrig und ist unter Umständen sogar gefährlich, weil man darin versinken kann. Dieser Blick verkennt allerdings, wie kostbar und erhaltenswert es ist, weil es zum Beispiel Unmengen von Kohlenstoff bindet.

Was eine naturwissenschaftliche Erkenntnis ist, keine ökonomische.

Richtig, doch mit dieser Erkenntnis enden die Möglichkeiten des Bodenkundlers. Seine Forschung bleibt für das allgemeine Bewusstsein der Bevölkerung weitgehend folgenlos und die Tragweite unklar. Fachleute wissen, dass trockengelegte und zu Äckern umgewandelte Moore über Jahrzehnte massenhaft klimaschädliches CO2 in die Atmosphäre abgeben. Doch wer weiß das schon außerhalb der naturwissenschaftlichen Disziplinen? Selbst mich hat das Ausmaß der Leistungen von Moorgebieten überrascht.

Nur drei Prozent der Böden weltweit sind Moore, doch sie binden ein Drittel des gesamten Kohlenstoffs der Erde, doppelt so viel wie alle Wälder weltweit. Dazu kommt: Selbst wenn man das weiß, hat man keine Vorstellung davon, was das konkret für den Menschen bedeutet. Es bleibt eine abstrakte Aussage. In Deutschland werden an manchen Stellen weiterhin Moore trockengelegt und zu Ackerland gemacht. Und weil Moore ebenso wie fast alles, was wir als Natur bezeichnen, öffentliche Güter sind, die niemandem gehören, regt sich bis auf ein paar Naturschützer niemand groß auf. Weil die es nicht schaffen, den Menschen zu erklären, was genau die Kosten der Folgeschäden sind, die dann die Allgemeinheit zu tragen hat. Die ökonomische Methode kann dies leisten mit dem, was wir Inwertsetzung nennen.

Wie stellen Sie das an?

Wir überführen die Leistungen, die die Natur für den Menschen kostenlos erbringt, in einen Preis, sozusagen als Ersatzgröße. Wir bringen das betrachtete Stück Natur also auf eine Zahl. Im Fall der Moore heißt das: Wir vergleichen die privaten Gewinne eines Bauern auf einer Fläche, die von Moor zu Ackerland umgewandelt wurde, mit den durch die Umwandlung resultierenden Folgeschäden durch emittiertes CO2 und andere verloren gegangene Leistungen der Moore.

Klassische Umweltschützer kritisieren diese Methode.

Was ich bedauerlich finde und mir nur damit erklären kann, dass nicht erkannt wird, dass sich der klassische Umweltschutz hervorragend mit unserem Ansatz ergänzt, schon allein dadurch, weil unsere Ergebnisse auch der Umweltbewegung neue Argumente für den Erhalt bestimmter natürlicher Güter liefern und sie für die unsichtbaren Naturleistungen sensibilisieren. Die oft geäußerte Befürchtung, es gehe um eine Monetarisierung, an die sich zwangsläufig ein Ausverkauf der Natur anschließe, kann ich nicht nachvollziehen. Es ist doch nicht mehr als eine philosophische Frage, von welcher Seite man sich der Naturbetrachtung nähert. Man kann die Grenzen der Methode kritisieren, und man kann bemängeln, dass die Ökonomie nüchterner auf die Natur blickt. Doch das sind Grundsatzdebatten, die der Umwelt nicht weiterhelfen.

Wie berechnen Sie den Wert des Moors?

Ein trockengelegter Hektar Moor kann den in ihm gespeicherten Kohlenstoff nicht mehr zurückhalten und emittiert pro Jahr, je nach Bodeneigenschaften, 8,8 bis 18,7 Tonnen CO2. Eine Tonne CO2 wiederum verursacht laut Untersuchungen des Umweltbundesamts einen Schaden in Höhe von 80 Euro pro Jahr. Daraus lässt sich schon einmal die Treibhausbilanz eines Hektars Moor bestimmen, sie liegt somit in einer Bandbreite von 704 bis 1496 Euro pro Jahr. Hinzu kommt: Wird das betrachtete Stück Moor ackerbaulich bewirtschaftet, wird in den allermeisten Fällen mit Stickstoff gedüngt. Der sickert ins Grundwasser und muss von den Wasserwerken herausgefiltert werden. Die Kosten dafür liegen pro Hektar im Jahr bei 40 bis 120 Euro.

Ergibt in der Summe also einen Wert von 744 bis 1616 Euro.

Es geht weiter. In einem dritten Schritt erheben wir die Zahlungsbereitschaft der Menschen. So erfassen wir auch die etwas unbestimmte Leistung der Natur, die man vage als Schönheit der Landschaft bezeichnen könnte. Wir befragen also zum Beispiel Anwohner oder Besucher, wie viel sie für das Moor zu zahlen bereit wären.

Wofür genau sollten die Leute zahlen?

Einfach dafür, dass es da ist. Dass sie es nutzen können. In der betreffenden Zahlungsbereitschaftsanalyse lautete die Frage: Was ist Ihnen die Schönheit eines Moores wert?

Und?

Die Menschen antworteten, sie wären bereit, 300 bis 1000 Euro pro Hektar pro Jahr zu zahlen.

Mal abgesehen davon, dass das erstaunlich viel ist – der errechnete Wert der Speicherung von Kohlenstoff und die vermiedenen Reinigungskosten des Grundwassers mögen ja plausibel sein, die Erhebung des dritten Werts erscheint zumindest fragwürdig.

Zugegeben, die Zahlungsbereitschaftsanalysen sind als Methode nicht ganz unumstritten. Man fragt nach Werten in einer fiktiven Situation, denn die Nutzung der Landschaft ist ja gratis. Das bezieht der Befragte sicherlich in seine Antwort mit ein und nennt unter Umständen höhere Beträge, weil er weiß, dass er sie nicht zahlen muss. Doch es gibt Techniken der Befragung, die so angelegt sind, dass man möglichst nah an die wirkliche Zahlungsbereitschaft herankommt.

Was heißt das für unser Stück Moor?

Wenn man die drei Summen zusammenzählt, kommen wir auf einen Wert in einer Bandbreite von 1044 bis 2616 Euro pro Hektar im Jahr.

Jetzt sind diese Zahlen also in der Welt. Was ist dadurch gewonnen?

Man kann sie zum Beispiel den Gewinnen eines Bauern gegenüberstellen, der auf einem umgewandelten Stück Moor, sagen wir, Mais anbaut. Auf einem solchen Acker von einem Hektar Größe erwirtschaftet er hierzulande pro Jahr 600 bis 800 Euro. Hinzu kommen Agrarsubventionen in Höhe von circa 300 Euro, die aber, da sie von der Gesellschaft gleichzeitig als Kosten aufgebracht werden müssen, außer Acht bleiben können. Den im Schnitt 600 bis 800 Euro pro Hektar aufseiten des Bauern stehen, wie eben beschrieben, gesellschaftliche Kosten von mindestens rund 1000 bis rund 2600 Euro gegenüber, die von der Allgemeinheit zu tragen sind.

Das ist noch immer nicht mehr als ein Gedankengebäude.

Allein dass die ökonomische Methode in der Lage ist, Umwelteffekte in eine solche konkrete Gegenüberstellung zu überführen, ist schon mal der erste große Gewinn. So leuchtet es viel mehr ein, dass die Haltung, Moore allein um ihrer selbst willen zu bewahren, zu kurz greift. Dieser ökozentrische Ansatz des klassischen Naturschutzes hat bei vielen Umweltproblemen seine Berechtigung, doch ich bin davon überzeugt, dass die anthropozentrische Betrachtung des rein menschlichen Nutzens von Natur, der die Umweltökonomie folgt, überlegen ist.

Warum?

Weil wir in einer zahlengläubigen Welt leben. Der überwiegende Teil der relevanten Entscheidungen basiert nun mal auf Zahlen und ökonomischen Abwägungen oder wird durch sie maßgeblich beeinflusst. Das gilt besonders in durch technischen Fortschritt geprägten industriellen Gesellschaften und Volkswirtschaften. Und das sind wiederum genau die, die die beiden größten globalen Umweltprobleme der Welt nicht nur maßgeblich verursacht haben und weiterhin verschlimmern – nämlich den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt –, sondern diese auch bekämpfen müssen und können. Die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft der Industriestaaten hören sich zwar immer scheinbar aufmerksam an, wenn Umwelt- und Naturschützer mahnen, flammende Appelle aussenden und sich den Mund fusselig reden. Ich sage nicht, dass das nichts bringt. Ich glaube nur, es bringt nicht viel, und ich bin sehr sicher, es bringt nicht genug.

Die Ökonomie ist Teil des Problems bei der Zerstörung der Umwelt. Wie kann sie Teil der Lösung sein?

Sie ist Teil einer Lösung, sie ist nicht die Lösung. Das zu behaupten wäre vermessen. Das eine ist: Sie kann die unsichtbaren Werte der Natur sichtbar machen. Das andere ist: Sie liefert Konzepte, die die bestehenden Instrumente ergänzen können, aber nicht ersetzen sollen. In vielen Fällen sind letztere effizienter, gar keine Frage. Wenn irgendwo Öl aus einer Anlage austritt und den Boden verseucht, muss mit den Mitteln des staatlichen Polizei- und Ordnungsrechts reagiert werden. Es wäre auch albern, mit den Argumenten der Ökonomie anzukommen, wenn die Forschung feststellt, dass Asbest krebserregend ist oder irgendwelche bislang als harmlos eingestuften Chemikalien das Grundwasser belasten. Natürlich führt dann kein Weg an einem Verbot vorbei.

Auch diese Beispiele folgen der Logik eines menschlichen Nutzens. Es sind die Menschen, die an Asbestose erkranken und sauberes Trinkwasser brauchen.

Richtig. Die Methodik der Ökosystemleistungen hat Grenzen, weil sie immer nur die Leistungen der Natur für den Menschen erfasst. Doch ich bin selbstbewusst genug zu sagen, dass ein Großteil der Nutzenkategorien auf ökonomische Weise erfassbar ist. Selbst wenn es keinen direkten umrechenbaren wirtschaftlichen Nutzen gibt, bleibt das Mittel der potenziellen Zahlungsbereitschaft.

Welchen Wert hat eine kleine, unbewohnte Insel im Südpazifik, die so gut wie niemand kennt?

Sofern sie keinen Einfluss auf das Mikroklima der von Menschen bewohnten Umgebung hat, nahezu null. Da greift unsere Methode nicht. Höchstens durch die Annahme einer Zahlungsbereitschaft für, sagen wir, eine sehr seltene dreiklauige Superkäfer-Art, die nur auf dieser Insel vorkommt, da wäre ein ökonomischer Wert herstellbar.

Nur kennt diesen Superkäfer niemand. Ob diese Käfer auf Erden herumkrabbeln oder nicht, dürfte einem zu einer möglichen Zahlung Befragten vergleichsweise egal sein.

Keine Frage, gerade bei Tieren gibt es Superstars, wie etwa Eisbären, Tiger oder irgendwelche süßen Felltiere. Denen bringen Menschen eine große Zuneigung entgegen. Für diese Tiere haben Menschen sicherlich eine höhere Zahlungsbereitschaft. Es ist durch Studien ziemlich eindeutig belegt, dass für große, sichtbare Tiere eher gezahlt würde. Gänzlich unbekannte Tiere haben es vergleichsweise schwer. Menschen können nur wertschätzen, was sie kennen.

Pech für den Käfer.

Für ihn greift dann eben eines der anderen, klassischen Instrumente. Der Käfer kommt auf die Rote Liste und wird so geschützt. Das ökonomische Konzept ist zweifelsohne stärker bei den genannten gravierendsten Umweltproblemen. Sie macht die unsichtbaren Leistungen sichtbar und konkretisiert den wirtschaftlichen Wert. Wenn ökonomische Betrachtungen hinzukommen, erhält der Schutz der Natur gleich ein viel größeres Gewicht, sodass auch Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft ganz anders zuhören und sagen: Aha! Auch wirtschaftlich ist es relevant, das ist ja interessant.

Also kreiert der Ansatz vor allem rein theoretischen Wert. Was etwa folgt aus der Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen des zum Acker umgewandelten Hektars Moor?

Sie liefert zunächst einmal ein handfestes neues, anschauliches Argument. Jeder kann sehen: Es kostet die Gesamtheit der Bürger mehr, als es einem Einzelnen nutzt. Und jedem ist einsichtig, das kann nicht sinnvoll sein und müsste verändert werden. Was aus meiner Sicht ein weiterer Nutzen ist, weil eine solche Einsicht die Veränderung des Bestehenden befördert. Wobei dann, und darin sehe ich den dritten Nutzen, die ökonomische Methodik helfen kann, für diese Veränderung neue und intelligente Lösungsansätze zu finden.

Wie könnten die aussehen?

Man könnte dem Bauern zum Beispiel eine Summe Geld geben, die seinem Jahresgewinn pro Hektar entspricht, verbunden mit der Auflage, das Land anders zu bewirtschaften. Diese Maßnahme könnte kombiniert werden mit einer verstärkten Wiedervernässung trockengelegter Moorflächen, um den darin gespeicherten Kohlenstoff im Boden zu halten, denn der entweicht ja nicht auf einen Schlag. Unser Bauer könnte auf den rekultivierten Flächen etwa Landwirtschaft in sogenannter Paludikultur betreiben, eine spezielle Form der Bewirtschaftung von Moorböden. Er könnte Schilfpflanzen anbauen oder spezielle Gewächse, die etwa zu Dämmstoffen weiterverarbeitet werden können oder als Biomasse in Form von Pellets oder Biogas der nachhaltigen Energiegewinnung dienen könnten. Für den Bauern käme es unter dem Strich auf dasselbe heraus, er müsste sich nur ein wenig umstellen. Und die Gesellschaft hätte im Saldo einen ökonomischen Gewinn. ---

Bernd Hansjürgens, 54,
ist Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umweltökonomik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; daneben leitet er am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig die TEEB-Untersuchung zum sogenannten Naturkapital in Deutschland