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Was ist Fakt?

• Es soll Zeiten gegeben haben, in denen das Wort Informationsgesellschaft einen guten Klang hatte. Heute, da wir mittendrin stecken, wissen wir: Es ist die Pest.


Rund um die Uhr werden wir mit Nachrichten überflutet, zu jedem neuen Thema gibt es in kürzester Zeit mindestens drei sich widersprechende Studien. Und wer etwas sucht, findet es zwar schnell, aber zusammen mit unzähligen anderen Antworten. Auch wenn wir über alles in Echtzeit informiert zu werden scheinen, wissen wir weniger. Oder besser: Wir sammeln zu viel an Information, um noch durchzublicken.

Der Weg zur Einordnung führt über den Zweifel. Was Fakt zu sein scheint, muss noch lange keiner sein. Was sagt uns zum Beispiel, dass die Deutsche Bank nur noch 22 Milliarden wert sein soll, und wer sagt es? Was steckt dahinter, wenn sich Start-ups neuerdings immer häufiger zum Einhorn entwickeln, also zum Neuling mit mehr als einer Milliarde Dollar Unternehmenswert? Und ist die Medien-Innovation Blendle wirklich die Rettung des bezahlten Journalismus? Wie können wir einschätzen, ob das stimmt (S. 38, 50, 60, 92)?

Gerade bei Blendle ist das schwierig, weil die Niederländer mit Unternehmenszahlen mehr als sparsam sind. Was aber sagen Zahlen wirklich aus? Ausgerechnet die Rating-Agenturen, deren Geschäftsmodell auf glaubwürdiger Bewertung beruht, haben sich in der Vergangenheit so manchen Schnitzer erlaubt. Wirklich geschadet hat ihnen das nicht. Und all die Grenz-werte, die in der Medizin die Berechenbarkeit von Gesundheit unterstreichen sollen, sind bei genauer Betrachtung – Fantasie (S. 54, 128).

Jens Bergmann würde das deutlich drastischer formulieren, zumindest, wenn es um die Versuche geht, die menschliche Psyche zu vermessen. Auch, was Mischa Täubner über die Anstrengungen herausgefunden hat, den Erfolg von Sozialunternehmen langfristig zu berechnen, klingt abenteuerlich. Dafür scheinen die nicht minder virtuosen Berechnungen des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zum Wert von Natur durchaus einen Zweck zu erfüllen: Sie liefern Anhaltspunkte, wie Umweltschutz berechenbar wird (S. 118, 64, 100).

Sie liefern ein Mehr an Orientierung. Und genau das wird angesichts der Informationsflut dringend gebraucht. Ob Daumen, Sternchen oder Smiley: Sie alle helfen beim schnellen Überblick. Und öffnen dabei der Manipulation Tür und Tor, wie der italienische Philosoph Luciano Floridi befürchtet. Reiseportale wie Holidaycheck oder Tripadvisor unternehmen eine Menge, um das zu verhindern – die Gefahr lauert dort anderswo. Kalt jedenfalls lässt es niemanden, wenn er weiß, dass er im Schnellverfahren beurteilt wird: Christoph Koch hat das am eigenen Leib erfahren (S. 74, 82, 78).

Da könnte einen fast beruhigen, dass bei der Bewertung von Mitarbeitern oder Professoren deutlich aufwendigere Verwahren angewandt werden – der Zweifel aber wächst gerade dort. Was Eltern kennen, plagt auch Personalchefs und Wissenschaftler: das ungute Gefühl, dass Noten für komplexe Leistungen nicht der richtige Maßstab sind (S. 68, 112, 117).

Was aber dann? Was hilft, den Überblick zu behalten? Ohne Maßstab wird es nicht gehen. Aber auch nicht ohne ein gesundes Misstrauen gegenüber jedem, der glaubt, ihn gefunden zu haben. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin