Partner von
Partner von

Was ist die Deutsche Bank wert?

Das Geldinstitut steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte, machte im vergangenen Jahr 6,8 Milliarden Euro Verlust. Der Aktienkurs sank innerhalb von zehn Jahren um mehr als 80 Prozent. Eindeutige Zahlen. Aber gibt es auch eine eindeutige Antwort?





• Der Analyst Michael Seufert ist skeptisch, was Deutschlands größtes Geldhaus betrifft. Zwar seien für die enorme Höhe des Verlustes auch Sonderfaktoren verantwortlich, etwa 5,2 Milliarden Euro an Rückstellungen für die vielen Rechtsstreitigkeiten, in denen das Institut nach wie vor steckt. Doch ihm bereitet auch das Kerngeschäft Sorgen. Das vierte Quartal 2015 sei eines der schwächsten seit Jahren gewesen, vor allem im Investmentbanking, dessen Erträge im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent zurückgingen und das zum Gesamtverlust vor Steuern gut 2 Milliarden Euro beitrug. Auch das Privatkundengeschäft schrumpfte, wenn auch nur um 7 Prozent, dafür lag der Verlust vor Steuern noch höher als in der Kapitalmarktsparte: bei 3,3 Milliarden Euro.

Er bezweifelt zudem, dass sich beide Geschäftszweige zügig erholen werden. Denn im Investmentbanking werden tiefe Einschnitte vollzogen, ganze Handelsbereiche geschlossen, Kundenbeziehungen beendet und so zwar Risiken verringert und Kosten gesenkt, „aber woher sollen dann die Erträge kommen?“, fragt Seufert. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Deutsche Bank auch im Geschäft mit Privatkunden: Mehr als 200 Zweigstellen sollen abgestoßen und ein Drittel der Produkte ausgemustert werden. Außerdem soll die Postbank verkauft werden, was wiederum weniger Geschäft bedeutet.

Auch die Sparten, die Geld verdienen – das sogenannte Transactionbanking, zu dem der Zahlungsverkehr zählt (1,4 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern), und die Vermögensverwaltung (1,3 Milliarden Gewinn vor Steuern) – sind seiner Meinung nach nicht in der besten Verfassung. Erstere wuchs zwar im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent. Doch diese Sparte lebt auch davon, dass der Bodensatz der Kundeneinlagen genutzt und kurzfristig gewinnbringend angelegt wird – angesichts von Zinsen, die für geringe Laufzeiten gegen null gehen oder sogar real ins Negative rutschen, kein Geschäft, das Ertragssprünge verspricht. In der Vermögensverwaltung wiederum hinkt die Deutsche Bank den mächtigen Schweizer Konkurrenten UBS und Credit Suisse hinterher, was die Wachstumsaussichten eintrübt.

Schließlich fragt sich Seufert, ob die Rückstellungen für Prozesse wirklich ausreichen. „Schon vor zwei Jahren gab sich die Bank hoffnungsvoll, dieses Thema abzuschließen. Und dann stiegen die Kosten immer weiter.“

Alles in allem erscheint ihm die Entwicklung sehr unsicher. Daher notiere die Aktie auch weit unter ihrem Buchwert von rund 38 Euro. Das ist der Preis, der sich ergibt, wenn man von der Bilanzsumme alle Schulden abzieht – sodass quasi nur die durch das harte Eigenkapital gedeckten Anlagewerte übrig bleiben – und diesen Betrag dann durch die Zahl der Aktien teilt. Sein Kursziel für die kommenden sechs bis zwölf Monate: 16 Euro.

Die Deutsche Bank ist aus Sicht des Analysten Neil Smith ein vielversprechendes Unternehmen – und ein lohnendes Investment. Den hohen Verlust sieht er schnell schwinden, in diesem Jahr schon auf wenige Millionen Euro. Für das Jahr 2017 erwartet er bereits wieder einen satten Gewinn von gut 4 Milliarden Euro.

Sein Kalkül: Das operative Geschäft betreibe das Institut schon heute profitabel. Der Verlust ist tatsächlich vor allem Sonderfaktoren in allen Geschäftsbereichen zuzuschreiben. Da sind zum einen die Rückstellungen für juristische Auseinandersetzungen in Höhe von 5,2 Milliarden Euro. Des Weiteren Restrukturierungskosten – etwa Ausgaben für Abfindungen – in Höhe von rund einer Milliarde Euro. Schließlich Abschreibungen auf nicht näher definierte immaterielle Vermögenswerte im Firmen- und Privatkundengeschäft in Höhe von 5,8 Milliarden Euro. Summa summarum ergeben sich so außerordentliche Belastungen in Höhe von 12 Milliarden Euro. Ohne sie hätte die Deutsche Bank einen Gewinn von gut 5 Milliarden Euro erwirtschaftet, Smith nennt das „underlying profit“.

Aus seiner Sicht hat es das Institut, verglichen mit bereits sanierten Wettbewerbern, dadurch leicht, seinen Börsenwert zu steigern. Denn während etwa die Schweizer UBS ihre Aktionäre in einer sich abschwächenden Weltwirtschaft durch Wachstum bei der Stange halten muss, reicht es für die Deutsche Bank schon, wenn sie ihren Restrukturierungsplan sauber umsetzt und damit zur – operativ ohnehin bereits vorhandenen – Profitabilität zurückkehrt. Dass das gelingt, hält er für wahrscheinlich und rechnet für 2016 mit zwei Milliarden, für 2017 mit vier Milliarden weniger Kosten für Rechtsstreitigkeiten. 2018, glaubt er, werde das Thema vollkommen erledigt sein.

Auch die langfristigen Aussichten beurteilt Smith positiv. Die Deutsche Bank sei gut positioniert, um von den Veränderungen des europäischen Wirtschaftsmodells zu profitieren. Dies nähere sich dem amerikanischen an, in dem sich Unternehmen traditionell stärker auf den Kapitalmärkten als durch Banken finanzieren. Dazu werde es auch in Europa kommen, da die Geldhäuser aufgrund der neuen hohen Eigenkapitalanforderungen weniger Kredite vergeben könnten. Firmen, vor allem die internationalen Konzerne hierzulande, bräuchten dann professionelle Hilfe, um sich Geld durch die Ausgabe von Wertpapieren zu besorgen – und dafür sei die Deutsche Bank als eines der führenden europäischen Investmenthäuser bestens qualifiziert.

Im Privatkundengeschäft werde sie sich auf die vermögende Klientel konzentrieren, wie dies bereits Wettbewerber wie die UBS oder die britische HSBC vormachten. Damit wäre das Institut insgesamt kleiner, hätte aber gute Chancen, erfolgreich zu sein. Smiths Kursziel liegt bei 25 Euro. ---

* Abgeleitet aus dem Kursziel, das die verantwortlichen Analysten angeben. Es beziffert das Potenzial, das die Aktie ihrer Meinung nach in den kommenden sechs bis zwölf Monaten hat. Multipliziert mit der Zahl der Unternehmens-Aktien (1,38 Millionen Stück) ergibt sich so der Unternehmenswert. Stand: Ende Februar 2016.