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Unter Strom

Wer Anfang des 20. Jahrhunderts bequem vorankommen wollte, fuhr elektrisch. Und das sogar ziemlich schnell.





• Nach seiner Rekordfahrt wurde Camille Jenatzy gefragt, wie es sich anfühlt, so schnell zu sein. Er versuchte zu beschreiben, was vor ihm noch kein Mensch erlebt hatte: „Das Auto, mit dem Sie fahren, scheint abzuheben, es schießt geradeaus wie ein Geschoss. Dabei verhärten sich die Muskeln des Fahrers, vor allem im Genick, der Luftwiderstand ist heftig. Man hat immer die nächsten 200 Meter Strecke im Blick, die Sinne sind hellwach.“

Es war der 29. April 1899 in Achères, nordwestlich von Paris. Jenatzy war gerade das Rennen seines Lebens gefahren. Sein Gefährt hatte er extra für diesen Tag konstruiert, er hatte es „La Jamais Contente“ genannt, „die niemals Zufriedene“. Es war ein Auto, dessen Karosserie aussah wie ein Torpedo. Gefertigt war sie aus Partinium, einer Legierung aus Aluminium, Wolfram und Magnesium, wodurch sie besonders leicht war. Der Fahrer saß jedoch mehr auf dem Gefährt als darin, was der Aerodynamik des Unterbaus Abbruch tat.

Aber alles konnte Jenatzy nicht richtig machen. Dazu fehlte ihm die Zeit, er hatte ja nur wenige Wochen. Der Mann, den sie wegen der Farbe seines Bartes den „roten Teufel“ nannten, konnte es nicht ertragen, dass einer schneller war als er. Mit dem Adligen Gaston de Chasseloup-Laubat lieferte er sich schon seit einem Jahr einen Kampf, wer der Schnellste auf der Welt sei. Um das zu entscheiden, lobte die Zeitung »France Automobile« einen Wettkampf aus. Sieger wurde, mit 92,78 Stundenkilometern, de Chasseloup-Laubat. Diese Niederlage wollte Jenatzy, im Hauptberuf Direktor der Compagnie Centrale des Transports Automobiles, nicht auf sich sitzen lassen. Und forderte den Gegner abermals heraus.

Dafür baute Jenatzy das Torpedo-Auto, mit dem er glaubte, unschlagbar zu sein. Das Gefährt wurde elektrisch angetrieben. Es hatte zwei 25-Kilowatt-Motoren, die 200 Volt und 125 Ampere leisteten. Der Strom kam aus einer Batterie, die aus 82 Elementen bestand – jedes einzelne wog 10,4 Kilogramm.

Die Rennstrecke, auf der die beiden antraten, war einen Kilometer lang. Jenatzy holte aus seinem Wagen alles heraus. Er schaffte die 1000 Meter in 34 Sekunden. Umgerechnet ergibt das 105,8 Stundenkilometer. Weltrekord! Noch nie zuvor war ein Mensch schneller als 100 Stundenkilometer auf der Straße gefahren.

Das Bemerkenswerte an dem Rekord aus damaliger Sicht war, dass Jenatzy, auf dem Fahrzeug sitzend, die Geschwindigkeit physisch ausgehalten hatte. Mediziner glaubten damals, der menschliche Körper könne das nicht verkraften. Dass sein Wagen von einem Elektromotor angetrieben wurde, war hingegen nicht außergewöhnlich. Auch Chasseloup-Laubat war mit einem Batterie-Fahrzeug gestartet.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Elektroautos höchst populär. Das erste elektrisch betriebene Fahrzeug war vermutlich ein Dreirad in Paris, im Jahr 1881. In Deutschland baute der Ingenieur Andreas Flocken 1888 das erste Elektroauto: Die Karosserie war die einer Kutsche mit zwei Sitzen.

Dann kam die Blütezeit der Elektroautos, vor allem in den USA. Schon bald wurden dort 38 Prozent aller Autos mit Strom angetrieben, 40 Prozent mit Dampf und nur 22 Prozent mit Benzin. Es gab rund 20 Hersteller, 33 842 dieser Gefährte waren in Betrieb.

Das Elektroauto hatte im Vergleich zum Benziner oder Dampffahrzeug viele Vorteile. Es war einfach zu starten, simpel zu bedienen, es war leise, und es ruckelte nicht. Vor allem: Es war zuverlässig und musste selten in die Werkstatt. Geschwindigkeiten wie jene, die Jenatzy erreicht hat, waren aber eher selten. Viele der Fahrzeuge schafften kaum mehr als 30 Stundenkilometer. Auch die Reichweite war nicht groß: Maximal 65 Kilometer hielten die Batterien durch, die lange Ladezeit war ebenfalls ein Problem.

Eine Ausnahme machte der Detroit Electric, hergestellt von der Anderson Electric Car Company. Bei einem Test schaffte das Auto eine 340 Kilometer lange Strecke – eine Reichweite, die für viele Elektromobile heutzutage unmöglich ist. Allerdings wurden die Batterien auch extra für diesen Test gefertigt, und der Elektrowagen war während des Tests wohl mit maximal 20 Stundenkilometern unterwegs gewesen.
Denn die Straßen waren zu jener Zeit in keinem guten Zustand.

Der technische Fortschritt, der die Elektromobile groß gemacht hatte, sorgte bald dafür, dass sie wieder verschwanden. 1911 erfand Charles F. Kettering von der Firma Dayton Engineering Laboratories (Delco) den elektrischen Anlasser, in Serienproduktion ging er auch dank der Finanzierung durch Henry Ford. Damit musste bei Benzinern nicht mehr gekurbelt werden. Der Autobauer Cadillac verwendete diese neue Technik in den USA als Erster.

Und dann war da der Preis: 1914 kostete der Detroit Electric rund 2650 Dollar, wer eine stärkere Batterie haben wollte, musste noch einmal 600 Dollar drauflegen. Ein Ford-Modell T, ein Benziner, der 1908 in Serie gegangen war, kostete damals nur 300 Dollar. Damit waren Elektroautos aus dem Rennen.

Sie waren inzwischen auch deutlich langsamer. Am 23. April 1911 stellte Bob Burman in Daytona Beach einen neuen Rekord auf. Er schaffte 228,1 Stundenkilometer in einem Auto, das sein Hersteller Blitzen Benz nannte. Da hatte Jenatzy seinen Rekord von 1899 längst eingebüßt. Er hatte bis 1902 gehalten, als ein anderer Fahrer seinen Wagen auf 120,8 Stundenkilometer beschleunigte. Und auch das war schon kein Elektrofahrzeug mehr. Es wurde mit Dampf angetrieben. ---