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Schulnoten

Schulnoten sind verhasst. Und unwiderstehlich.





• Elternabende gehören normalerweise nicht zu den Veranstaltungen mit dem allergrößten Amüsierfaktor. Der, an dem ich zuletzt teilnahm, aber war ein Ereignis. Es ging um Noten.

Meine Tochter geht in die dritte Klasse, und in Hamburg ist es bei Drittklässlern so: Die Eltern sollen entscheiden, ob das Zeugnis am Ende des Schuljahres wie in den beiden Jahren zuvor nur aus einem langen Text namens Lernentwicklungsbericht besteht oder ob erstmals zusätzlich Zensuren vergeben werden.

„Ich rate eindringlich davon ab“, mahnte ein Vater, der selbst Lehrer ist und außer dem Drittklässler noch ein älteres Kind hat. Er wusste also, wovon er sprach. „In den ersten beiden Jahren war bei meiner Tochter noch alles easy“, sagte er, „dann aber haben wir uns für Noten entschieden. Mit der Folge, dass sie sich unmenschlichen Stress gemacht hat, nur um die Beste in der Klasse zu sein.“

Andere konnten von ähnlich schlimmen Erfahrungen berichten, sodass sich Betroffenheit breitmachte. „Das tu’ ich meinem Kind nicht an“, schnappte ich von einem der Zwiegespräche auf, die nun einsetzten.

Dann teilte die Klassenlehrerin den Abstimmungszettel aus. „Sollen wir nicht ein einhelliges Votum gegen Noten abgeben“, schlug ein Vater vor. Ein anderer demonstrierte Entschlossenheit, indem er zackig den Zettel ausfüllte und abgab. „Für mich gibt’s da nichts zu überlegen“, sagte er mit bissigem Blick.

Andere wollten von der Lehrerin wissen, was denn sie empfehle. Das lasse sich pauschal nicht sagen, antwortete sie, das hänge vom Kind ab, „manche lassen sich von Noten ganz schön runterziehen“. Allgemeine Zustimmung, doch dann erinnerte sich eine Mutter, dass die Lehrerin einen Viertklässler zum Sohn hat, und fragte: „Wofür haben Sie sich damals entschieden?“ –„Noten“, lautete die überraschende Antwort.

Beklemmende Stille, verstörte Gesichter.

„Ich wusste, dass er kein schlechtes Zeugnis kriegt und dachte, dass ihm eine Bestätigung durch Noten guttun würde“, versuchte sich die Lehrerin zu rechtfertigen.

Ich erinnerte mich, wie ich mich als Schüler manchmal über Noten geärgert hatte. Eine Drei plus in einer Deutscharbeit in der achten Klasse zum Beispiel. Wir hatten damals eine neue Lehrerin. „Sehr schöner Aufsatz“, sagte sie, als sie mir das Heft mit der Arbeit zurückgab, und ich freute mich schon über die Eins. Aber Einsen, mussten meine Mitschüler und ich leidvoll erfahren, existierten für diese Lehrerin gar nicht, und für eine Zwei musste man Außergewöhnliches vollbringen.

In der zehnten Klasse wurde mir dann vollends bewusst, dass Noten alles andere als objektiv sind. Unser Chemielehrer konnte sich weder Namen noch Gesichter merken und wusste am Ende des Jahres nicht, wer wie gut mitgearbeitet hatte. Für die mündliche Beteiligung bekamen darum alle eine Drei, es sei denn, man beschwerte sich. Einer meiner Mitschüler tat das so überzeugend, dass er statt der Drei eine Eins bekam.

Noten waren immer ein Aufreger, aber ich erinnerte mich auch, wie wenig ernst ich einen Übungstest nahm, wenn vorher angekündigt war, dass er nicht bewertet werde. Schule ohne Noten war wie Fußball ohne Tore.

Heute ist das Thema umstrittener denn je. Nur in 9 der 16 Bundesländer sind Noten in der dritten Klasse obligatorisch.

Um sie zu vermeiden, kritzelt die Lehrerin meiner Tochter unter die Klassenarbeiten gern mal ein Smiley, das je nach Fehlerzahl lacht, neutral guckt oder seine Mundwinkel nach unten zieht. Offenbar schlägt das den Kleinen nicht so stark aufs Gemüt wie eine Zensur zwischen Eins und Sechs.

„Manchmal wundere ich mich über die Lernentwicklungsberichte“, sagte eine Mutter und machte ein neues Fass auf. „Im letzten Bericht beispielsweise stand, dass meine Tochter die Schreibschrift erlernt hat, aber die kann sie doch gar nicht.“ „Stimmt“, entgegnete die Lehrerin, „wenn sie die könnte, hätte ich ja auch geschrieben: Sie hat die Schreibschrift erlernt und eine formgerechte Schrift entwickelt.“ Das seien Standardformulierungen, fuhr sie fort, „und zugegebenermaßen muss man sich ein wenig damit auskennen, um zu wissen, welche Noten sich dahinter verbergen“.

Noten? Jetzt wurden viele Eltern hellhörig. „Die Berichte lassen sich in Noten übersetzen?“, hakte der Vater nach, der den Zettel demonstrativ als Erster abgegeben hatte. Er wirkte erschrocken. „Wenn das so ist“, sagte er, „wüsste ich schon gern, welche Formulierung welcher Note entspricht.“ ---