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forschung + bildung

Natur versus Geist

Woher wissen wir, dass etwas existiert?




Das sagt der Atomphysiker:

Nehmen wir mal einen Baum. Der besteht aus Kohlenstoffatomen, hat eine bestimmte Länge, Breite, ein Volumen und eine Masse, mit der er die Schwerkraft beeinflusst: Das geht so weit, dass sich die Erde etwas schneller dreht, wenn auf der stärker bewaldeten Nordhalbkugel Winter ist, weil das Laub auf dem Boden liegt, mehr Masse also der Drehachse der Erde näher ist. Dass man all das messen und die Messungen mit gleichen Ergebnissen wiederholen kann, sind für die Physik Indizien, dass Bäume existieren.

Der Schönheitsfehler: Ein Holztisch hat genau dieselben Eigenschaften. Warum Bäume im Gegensatz zu Tischen lebendige Organismen sind, kann die Physik bislang nicht erklären. „Früher nahm man an, dass es eine vis vitalis, eine Lebenskraft, gäbe und nur durch diese typische Stoffe des Lebendigen wie Zucker und Harze produziert werden könnten“, sagt Peter Blümler, Physiker an der Universität Mainz. „Natürlich kann man messen, ob der Baum Wasser aufsaugt und Zucker transportiert. Aber das hat mit Zugkräften zu tun.“

Auch eine andere Selbstverständlichkeit ist beim genauen Hinsehen nicht mehr so selbstverständlich: Wo hört der Baum eigentlich auf, und wo fängt die Luft an? „Immer wieder wechseln Atome oder auch nur Elektronen von Kohlenstoff- zu Sauerstoffatomen und umgekehrt“, sagt Blümler. „Zudem besteht ein Großteil der Materie aus Vakuum. Dass wir sie als solide empfinden, ist eine Illusion.“

Das sagt der Philosoph:

Peter Janich ist emeritierter Philosophie-Professor in Marburg. Er sagt, den Baum an sich gebe es gar nicht: „Was wir unter dem Begriff verstehen, hängt von unserem Hintergrund ab.“

Laut der Theorie des Konstruktivismus sind unsere Bilder von der Welt nicht voraussetzungsfrei, und es gibt keine Wahrnehmungsinhalte ohne Sprache. Janich: „Auch die Naturwissenschaften müssen insofern als naiv gelten, als sie ihre Beobachtungen für ,die Realität‘ halten, aber nicht fragen, wie diese zustande gekommen ist.“

Jeder Mensch formt sich also sein eigenes Bild von der Welt. „Jeder hat eine individuelle Biografie und damit Lerngeschichte, und wir werden zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in die kollektive Menschheitsgeschichte hineingeboren.“ Es macht demnach einen großen Unterschied, ob jemand 1817 in der Sahara aufgewachsen ist oder heute im Bayerischen Wald. Der Pädagoge Jean Piaget sagte sinngemäß: Ein Kind, das die Welt entdeckt, muss sich mit seiner Wahrnehmung auseinandersetzen und sie an die Gegebenheiten anpassen – im konkreten Fall also daran, dass es Bäume wahrnimmt. Andererseits muss das Kind die Wahrnehmung strukturieren und Bäume, Gras und Büsche unterscheiden lernen.

Und wenn jemand blind, taub und gefühllos ist? „Ohne Zugang über die Sinnesorgane ist keine Wahrnehmung und keine Verständigung über Begriffe wie Baum möglich“, sagt Janich. ---