Preise auf dem Kunstmarkt

Kunst hat ihren Preis. Doch der hat mit ihrem wahren Wert nichts zu tun.





• Treffen sich zwei Russen auf der Art Basel Miami. Beide haben je einen identischen Warhol-Siebdruck gekauft – gleiches Motiv, gleiche Serie, gleiches Jahr, gleiche Signatur. Sagt der eine: Meiner hat eine halbe Million Dollar gekostet. Freut sich der andere: Meiner war doppelt so teuer!

Der Witz funktioniert wahlweise auch mit Arabern, Chinesen oder Donald Trump. Letzterer gab vor dem Journalisten Mark Bowden mit einem Gemälde des Impressionisten Renoir in seinen Privatgemächern an. Ob das Werk schön oder kunsthistorisch bedeutsam war, interessierte den Milliardär kaum. Was zählte, war Renoirs Signatur, auf die er den Reporter ausdrücklich hinwies: „Ist zehn Millionen Dollar wert.“ Eigentlich hätten es Signatur und Preis auch ohne den Rest des Bildes getan.

Nirgends lassen sich die Rituale der demonstrativen Verschwendung so schön beobachten wie in den gehobenen Segmenten des Kunstmarktes. Der US-Soziologe Thorstein Veblen erfand für diese Spiele schon vor knapp 120 Jahren die schöne Vokabel des „Geltungskonsums“. Je teurer, desto besser, zumindest fürs Ego und den erhofften Distinktionsgewinn. Im Extremfall geht die Bedeutung der Kunstwerke ganz in ihrem hohen Preis auf. Die Bereitschaft, den zu bezahlen, drückt nicht unbedingt Wertschätzung aus, sondern unter Umständen das Gegenteil: Gleichgültigkeit oder Verachtung. Der Rapper Jay Z bringt das auf den Punkt, wenn er in einem Song die Namen hoch gehandelter Künstler aneinanderreiht, als wären sie Luxus-Labels: „I just want a Picasso, in my casa, no, my castle, (…) I wanna Rothko, (…) Jeff Koons ballons, I just wanna blow up.“ Die Kunsttrophäe als Beweis dafür, dass man es geschafft hat, genau wie die extrafette Goldkette. „Ja, ein Gangsta kann einen Picasso so haben wie ein Juwel im Zahn“ kommentiert der Kunstkritiker Georg Seeßlen dieses Besitz- und Statusstreben, dem jeder Fetisch recht ist, notfalls auch die bunt glänzenden Ballon-Skulpturen von Koons.

Dass Jay Z Mark Rothko erwähnt, ist bemerkenswert: Die abstrakten Gemälde des amerikanischen Malers russischer Abstammung sind nicht nur sehr teuer, sie sind in ihrer Konzentration und Introvertiertheit auch so etwas wie das Gegenteil der schrillen Waren-Ästhetik der Pop-Art. Ihre rätselhafte Aura erlaubte den Machern der Fernsehserie „Mad Men“ einen klugen Witz über die Mysterien des Kunstmarktes. Bertram Cooper, der Chef des Werbers Don Draper hat sich ein merkwürdiges Gemälde gekauft, das nur verwischte Farbflächen zeigt. Seine Angestellten fürchten, dass er sie fragt, ob ihnen das Bild gefalle, wissen aber nicht, was der Chef hören will.

In den frühen Sechzigerjahren, in denen die Serie spielt, war Rothko ein Avantgarde-Künstler und noch keine Ikone der Kunstgeschichte. Die Betrachter waren auf ihr eigenes Urteil (oder die vermuteten Vorlieben des Chefs) angewiesen. Heutige „Mad-Men“-Zuschauer haben einen Wissensvorsprung: Rothko ist ein hoch gehandelter Superstar der Nachkriegsmoderne. Das klare Label schafft Orientierung. Die Kenntnis des Marktwertes ersetzt im Zweifel die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk. Bertram Cooper liegt nicht viel an dem Bild, er hat es nur als Spekulationsobjekt gekauft – bis Weihnachten wird es seinen Preis verdoppeln, hofft er. Einem seiner Angestellten rät Cooper, sich lieber nicht mit Kunst zu beschäftigen – „davon bekommt man nur Kopfweh“.

Nicht jeder Künstler hat Freude daran, wenn seine Kunstwerke auf ihren hohen Preis reduziert werden – als läge darin ihr eigentlicher Wert. Gerhard Richter zum Beispiel kann ausgesprochen gereizt reagieren, wenn er mal wieder als teuerster lebender Maler bezeichnet wird. Richter ist ein höflicher Mensch, aber als sich der Milliardär Friedrich Christian Flick mit seiner im Berliner Museum Hamburger Bahnhof ausgestellten Groß-Sammlung schmückte, zu der auch Werke Richters gehören, wurde der Maler in einem Interview deutlich: „Das ist ein widerliches Theater. (…) Eigentlich wird nur gezeigt, wie leicht und wie schnell es heute geht, eine sogenannte hochkarätige Sammlung hinzuklotzen. Mit etwas Geld kann das fast jeder. (…) Die moralische Seite der ganzen Geschichte, sofern man diese überhaupt von einer ästhetischen Seite trennen kann, ist doch auch nur ekelhaft für mich.“ Man muss das als Versuch verstehen, den Wert der Gemälde vor den überzogenen Preisen zu schützen. Und als Ausdruck des Wunsches, die beiden Ebenen – Bedeutung als Kunstwerk und Handelsware – möglichst konsequent zu trennen.

Ein extremes Beispiel dafür, wie von einem Kunstwerk nichts als sein Marktpreis übrig bleibt, lieferten 2015 die in die Jahre gekommene New Yorker Hip-Hop-Band Wu-Tang Clan und ein Sammler der härtesten Sorte. Ihr Album „Once Upon a Time in Shaolin“ pressten die Rapper nur ein einziges Mal, um es anschließend meistbietend zu versteigern. Eine smarte Antwort auf die Krise der Musikindustrie: Die künstliche Verknappung macht aus dem Massenmedium ein Unikat – wie auf dem Kunstmarkt. Der Käufer kann damit machen, was er will – hören, wegwerfen, seinen Freunden vorspielen, Kopien verschenken. Nur kommerziell verwerten darf er es laut Vertrag nicht.

Dem Pharma-Manager Martin Shkreli war das Unikat zwei Millionen Dollar wert. Der Kauf der Trophäe als ein Akt der demonstrativen Verschwendung – und der Verachtung. Shkreli denkt nicht daran, andere Wu-Tang-Clan-Fans in den Genuss der Musik kommen zu lassen: alles meins.

Presseberichten zufolge hat er sich das Album kein einziges Mal angehört. Wer ein Kunstwerk besitzt, muss sich nicht auch noch mit ihm beschäftigen. ---