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Axel Michaels

Der Heidelberger Indologe Axel Michaels erforscht die Kultur Indiens und Nepals. Auch als Fundgrube für den Westen.





• Elfenbeinturm und Orchideenfach – Axel Michaels kann das nicht mehr hören. Als sei seine Forschung entrückt von der Wirklichkeit, abgehoben und nutzlos. Und dann noch diese Klischees. Michaels ist Professor für Indologie und beschäftigt sich mit der Sprache, Geschichte und Kultur Südasiens. Da denken viele, dass er sich über verstaubte Sanskrit-Texte beugt oder als Alt-Hippie durchs Yoga-Land reist. In Wahrheit beobachtet er indische Hochzeitszeremonien. Zieht Verbindungslinien zwischen nepalesischen Riten und globalisierter Gegenwart. Vernetzt sich mit den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Axel Michaels ist überzeugt davon, dass Südasien auch für uns von hoher politischer Relevanz ist. Aber die Vorurteile sind schwer totzukriegen.

Südasien-Institut der Universität Heidelberg. Michaels ist mit seiner Arbeitsgruppe verabredet. Kleiner Raum, unglamouröser Möbelmix, Kaffeetassen mit Werbeaufdruck. Die Skype-Verbindung zu den Kollegen in der nepalesischen Stadt Patan wackelt ein wenig, „es gibt immer Probleme mit dem Strom“. Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, die Bevölkerung besteht zur Hälfte aus Analphabeten. Doch die nepalesische Kultur ist reich an Tradition und umfasst einen Schatz an Schriftstücken, die Axel Michaels mit seinem Team auswertet. Einheimische Gelehrte katalogisieren die Dokumente in einer Datenbank.

Ein Buch mit Zeitungsausschnitten aus Kalkutta, in denen Nepal als Hindu-Staat gelobt wird – im Gegensatz zum britisch besetzten ­Indien. Sie stammen aus den Jahren 1939 bis 1942; ­Michaels hat sie aus Nepal mitgebracht

Alle beugen sich über ein Schriftstück aus dem Jahr 1877, ein Doktorand trägt seine Übersetzung vor, ein Kampf mit altnepalesischem Vokabular. Der Text handelt von einem Inzestfall: Ein Mann hatte Sex mit seiner Cousine vierten Grades – und dafür wird nun vor Gericht seine Ehefrau in Sippenhaftung genommen. Es herrscht Unstimmigkeit über die Verwandtschaftsverhältnisse. Wer darf mit wem schlafen? Im 19. Jahrhundert orientierte sich das nepalesische Rechtssystem offiziell am Code Napoléon. Doch die bislang unerforschten Schriftstücke zeugen von rigiden Inzest-Regeln und einer patriarchalen Gesellschaftsform. Michaels steht unter Strom, malt auf dem Flipchart einen verzweigten Stammbaum auf. Immer wieder der Blick auf die Leinwand, was sagen die Kollegen in Patan?

Ethno-Indologie

„Ethno-Indologie“ nennt Michaels das. Im Grunde, und nicht zum Gefallen aller Kollegen, hat er mit diesem Begriff das Fach neu erfunden. Die Arbeit an mythologischen Texten, angestammtes Terrain der Indologie, reichte ihm nicht. „Zu abgehoben.“ Ihn interessiert, wie sich Kultur materialisiert. Im nepalesischen Blutopfer zum Beispiel. Es geht auf das vierte Jahrhundert zurück. Dem Mythos zufolge besiegte die Göttin Durga den Büffeldämonen Mahisha, indem sie ihm den Kopf abschlug. Bis heute setzen die Nepali diesen Sieg zur Erntezeit in Szene. Die Stadt wird zum Schlachthaus, das Blut fließt durch die Straßen. Michaels steht dann mittendrin, mit Notizbuch. „Diese Rituale haben eine Kraft und Intensität, der man sich nicht entziehen kann.“

Er will wissen, wie Rituale mit anderen religiösen Vorschriften kollidieren und was geschieht, wenn sie auf die sich globalisierende Gegenwart treffen. Wie etwa passt der Blutdurst dieses Festes zum Tötungsverbot des Hinduismus? Vor einigen Jahren entdeckte Michaels einen Leserbrief in der »Kathmandu Post«: Ob man das Tieropfer nicht durch Gemüse ersetzen könne? Geradezu avantgardistisch.

In Tüchern eingepackte Sanskrit-Texte aus Indien.

Rituale wie das Blutopfer lösen in westlichen Gesellschaften Irritation aus. Antiaufklärerisch, lautet das Diktum. Dahinter steht die implizite Forderung an die Länder Südasiens, an das Ideal des mündigen, säkularen Individuums aufzuschließen. Ein grober Fehlschluss, sagt Michaels. „Unsere Identitäten sind nicht minder in rituelle Praktiken verstrickt.“

Beispiel: Das westliche Ideal romantischer Zweisamkeit sei „ein wahres Dogma“, sagt Axel Michaels. Weißes Brautkleid, Hochzeitstorte, hollywoodesker Liebesschwur – eine Ritualmaschinerie, die indischen Brautzeremonien in nichts nachsteht. Und mit der westliche Gesellschaften, alles andere als aufgeklärt, ihr Wissen um horrende Scheidungsraten verdrängen. Sind geplante Verheiratungen von Clans, wie in Indien üblich, nicht eigentlich die rationalere Art, familiäres Zusammenleben zu organisieren? Michaels will mit solchen Fragen aufzeigen, dass es in der kulturellen Identität keine Rückständigkeit gibt – nur Andersheit. Und dass die Indologie auch dazu beitragen kann, den Westen mit anderen Augen zu sehen.

Westliche Ignoranz

Bereitwillig zeigt Michaels Fotos aus Nepal und Indien, aber eigentlich macht ihn das etwas ungeduldig. Er will noch etwas über westliche Ignoranz sagen. Fast jeder Inder könne Goethe zitieren. Und was wissen die Deutschen über Indien? „Das Bildungsdefizit ist skandalös.“ Neulich habe ihm ein Manager der Deutschen Bank gesagt, dass er Indologen wie Michaels für überflüssig halte. „Ohne rot zu werden. Die denken, sie können die Inder ausbeuten, ohne etwas darüber zu lernen, wie dieses Land unsere Globalgeschichte prägt.“

Wieso, fragt er, nutze ein Unternehmen wie der baden-württembergische Softwarehersteller SAP nicht die in Heidelberg geballte Asien-Expertise? Der indische Markt sei nicht annähernd erschlossen. „Man kultiviert lieber seine Vorurteile.“ Für Michaels hat das eine politische Relevanz. „Das Unwissen produziert eine wirtschaftliche Asymmetrie, die uns auf die Füße fallen wird.“ Geschickter findet er die Japaner: Manche Firmen sponserten erst ein indologisches Forschungsprojekt, zum Beispiel ein Wörterbuch – und nutzten das neue Wissen anschließend für ihre Geschäfte.

Eine Baelfrucht, mit der im ­Hinduismus Mädchen symbolisch verheiratet werden

Die Indologie ist eine kleine Community. 16 Professuren (von insgesamt 46 749) gibt es an deutschen Universitäten. Man kennt sich. Michaels ist ein Drittmittelkönig, international vernetzt, wendig im Umgang mit den Medien. In der Exzellenzinitiative haben er und seine Kollegen sich mit dem Cluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ beworben – und gewonnen. Das war ein Coup, weil die meisten Geisteswissenschaftler mit dem Prinzip des Mega-Forschungsverbunds fremdelten und leer ausgingen. Gerade steckt Michaels mitten im Aufbau eines neuen Centrums für Asiatische und Transkulturelle Studien in Heidelberg (CATS). „Wir werden das bedeutendste Asienforschungszentrum Europas sein.“ Ein Aushängeschild für die Leistungsfähigkeit der Geisteswissenschaften. Nicht alle applaudieren. Sind die Kollegen neidisch? Michaels lacht nur. Gut möglich.

Eigentlich wird er kommendes Semester emeritiert, er hat die Altersgrenze erreicht, aber er darf am CATS noch als Senior-Professor weitermachen. Ein Buch über die Geschichte Nepals will er schreiben. Michaels sagt, das sei noch so ein Ritual, wenn man aus dem Job ausscheidet: „Man wird unwichtig. Ich mache mir keine Illusionen.“ ---