Partner von
Partner von

Der Multi aus Solingen

Eine Markenfamilie zu gründen und zusammenzuhalten ist eine hohe Kunst. Zwilling beherrscht sie.





• Von außen wirkt das mehr als hundert Jahre alte verklinkerte Hauptgebäude von Zwilling in Solingen wuchtig und abweisend, dafür strahlt der neue Empfangsbereich umso heller. Der Vorstandssprecher Erich Schiffers, 51, empfängt in einem Konferenzraum, wo in den Regalen allerlei Produkte drapiert sind. Jeder soll sehen: Zwilling, bekannt für Messer, hat Nachwuchs bekommen. Da sind gusseiserne Bräter des elsässischen Herstellers Staub, Profi-Kochtöpfe von Demeyere aus Belgien. Und der neueste Zukauf: beschichtete Aluminiumpfannen von Ballarini, einem italienischen Fabrikanten. Schiffers hebt besonders eine Serie in unschuldigem Weiß hervor, „für Vegetarier, Veganer und Flexitarier“ – eine Gruppe, die bereits 20 Prozent der europäischen Bevölkerung ausmache.

Zwilling profitiert vom Trend zur Wohnküche und visiert ambitionierte Hobbyköche an. Die eigene Traditionsmarke war allerdings irgendwann ausgereizt, daher kauften die Solinger, die im Besitz des kerngesunden Familienunternehmens Wilh. Werhahn KG sind, andere Hersteller von Kochgeschirr auf, um das Sortiment zu erweitern und mehr Abwechslung in die mehr als 300 eigenen Shops weltweit zu bringen. Die übernommenen Marken – fortan als Members of the Zwilling Group geführt – bleiben weitgehend selbstständig.

Und wer passt ins Beuteraster? „Die Firmen müssen die besten in ihrer Kategorie sein und ein technisches Alleinstellungsmerkmal haben“, sagt Erich Schiffers. Außerdem bräuchten sie „eine authentische Geschichte, die sich international vermarkten lässt“. Denn das Unternehmen macht das Gros seines Umsatzes in Asien.

Eine wichtige Kundengruppe für Zwilling in Deutschland sind Chinesen. Sie bringen Verwandten und Freunden gern etwas aus dem Urlaub mit; der Aberglaube, dass man Messer nicht verschenken solle, scheint in China nicht verbreitet zu sein. Schiffers erzählt von einer Gruppe chinesischer Fabrikarbeiter, die auf Einladung ihres Chefs eine Europareise machten – und in einem Zwilling-Outlet in den Niederlanden innerhalb von zwei Stunden 50 000 Euro auf den Kopf hauten.

Da freut sich der Chef, und weil die Kundschaft aus Fernost das Gütesiegel „Made in Germany“ überaus schätzt, steht die Produktion in Solingen nicht zur Disposition. Hier werden jährlich rund drei Millionen Messer weitgehend automatisiert hergestellt, nur für bestimmte Arbeitsschritte und den letzten Schliff sind erfahrene Mitarbeiter notwendig. In der Zentrale gibt es auch eine Akademie, in der Verkäufer und Kunden lernen können, was sich mithilfe des Sortiments alles kochen lässt. In den Marken-Shops finden regelmäßig Cooking-Events statt, außerdem umgarnt man Foodblogger und bespielt die sozialen Medien.

Von der alten Heimatstadt, wo die Marke vor fast 300 Jahre begründet wurde, hat sich Zwilling mittlerweile weitgehend emanzipiert und wirbt, anders als andere Hersteller dort, schon lange nicht mehr mit „Made in Solingen“. Hat ein Multi nicht nötig. ---

Der Messerschmied Peter Henckels lässt am 13. Juni 1731 Zwilling als Handwerkszeichen in die Solinger Messermacherrolle eintragen – damit ist die Marke eine der ältesten der Welt. Sein Sohn Johann Abraham Henckels erschließt ausländische Märkte; 1883 wird das erste Geschäft in New York eröffnet. Technisch ist man stets auf der Höhe der Zeit und Mitte des 20. Jahrhunderts der weltgrößte Schneidwarenhersteller. 1953 wird Zwilling in eine AG umgewandelt, die 1969 mehrheitlich und ein Jahr später ganz von der Wilh. Werhahn KG aus Neuss übernommen wird. Aus derselben Zeit stammt das rote Quadrat hinter dem Zwillingszeichen, bis heute das Logo. Ab den Neunzigerjahren weitet die Firma ihr Geschäft durch Joint Ventures und Übernahmen aus. Zum Sortiment zählen auch Friseurbedarf und eine Beauty-Sparte (Maniküre und Pediküre). Erich Schiffers kommt 2002 vom Besteckhersteller Wilkens zu Zwilling und macht dort Karriere; seit einem Jahr ist er Vorstandssprecher.

Zwilling J. A. Henckels AG

Mitarbeiter: rund 4000; Umsatz 2015: etwa 763 Mio. Euro; Auslandsanteil: 87 Prozent