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Das Skelett des Spinosaurus

Nizar Ibrahim jagte einem Karton voller Knochen bis nach Marokko hinterher – und setzte sie zu einem Fluss-Ungetüm der Urzeit zusammen, größer als der Tyrannosaurus.





• Schon als Kind habe ich Bücher über Dinosaurier verschlungen. Damals las ich auch vom größten Raubsaurier der Welt, dem Spinosaurus, und von Ernst Stromer von Reichenbach, der vor mehr als hundert Jahren erstmals Teile eines Skeletts entdeckte. Es wurde in einem Münchener Museum ausgestellt. Im Zweiten Weltkrieg wollte Stromer es in Sicherheit bringen, scheiterte aber. Nach einem Bombenangriff war nichts mehr davon übrig. Es gab nur noch Zeichnungen, und Stromer geriet in Vergessenheit.

Ich habe Stromer und den Spinosaurus aber nicht vergessen. Deshalb ist es so toll, dass ausgerechnet ich ein neues Spinosaurus-Skelett gefunden habe. Alles begann im Jahr 2008, als ein Kollege und ich in einer marokkanischen Oasenstadt von einem Beduinen angesprochen wurden. Er zeigte uns einen Pappkarton mit Fossilien. Weil sie mit Sediment bedeckt waren, konnten wir nicht gut erkennen, um was für Knochen es sich handelte. Da war nur so ein Gefühl: Das könnte etwas Besonderes sein. Also brachten wir die Knochen in die Universitätssammlung nach Casablanca. Und dachten nicht mehr an die Geschichte. Bis mir fünf Jahre später Kollegen in einem Mailänder Keller das beeindruckende Teilskelett eines Dinosauriers zeigten. Ich konnte es kaum fassen: Da waren riesige Dornfortsätze mit Rückenwirbeln – und die sahen genauso aus wie die Knochen aus dem Pappkarton.

Wo aber lag der Rest des Skeletts vergraben? Mir fiel wieder der Beduine ein, von dem ich nicht einmal den Namen kannte. Und es gibt in Marokko 50 000 Fossiliensammler. Trotzdem machten wir uns auf die Suche. Ohne Erfolg. Am Tag vor der Rückreise saßen wir niedergeschlagen in einem Café am Rande der Wüste. Plötzlich lief jemand direkt an unserem Tisch vorbei. Ich habe hochgeguckt – und den Mann von damals wiedererkannt. Das war Wahnsinn! Er hat uns zu der Fundstelle gebracht.

Mit einem Team von zehn Leuten konnten wir viele weitere Knochen ausgraben und den Spinosaurus zusammensetzen: einen Raubsaurier, größer noch als der Tyrannosaurus rex. Er hatte ein mehr als zwei Meter hohes Rückensegel, konnte schwimmen und ernährte sich von Fischen – in der heutigen Sahara. Vor 97 Millionen Jahren war sie ein riesiges Flussgebiet, mit Fischen groß wie Autos. Eine unglaubliche Erfahrung: Man sitzt an einem gottverlassenen Ort in der Wüste, wo es Sandstürme gibt, Skorpione und Schlangen, und dann findet man diese riesigen Schuppen.

Die Rekonstruktion des kompletten Skeletts hat dann sieben Jahre gedauert, mit dabei waren Präparatoren, Zeichner und Film-Crews, Krankenhausmitarbeiter für das CT-Scanning und Skelett-Montierer. Jetzt bin ich weltweit unterwegs, um den Spinosaurus in Ausstellungen zu zeigen. Gerade steht er im Naturkundemuseum in Berlin. Für mich ist das die Erfüllung eines Kindheitstraums. ---