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Kosten-Nutzen-Rechnung für soziale Organisationen

Soziale Organisationen sind heute gefordert, für Kosten und Nutzen ihrer Arbeit Zeugnis abzulegen. Aber lässt sich das wirklich berechnen?





1. Mehr Wirtschaft, mehr Wettbewerb

Ende 2014 war Schluss. Das Projekt Big Brothers Big Sisters Deutschland (BBBSD) wurde eingestellt. Es war den Geldgebern nicht effizient genug.

BBBSD ist der deutsche Ableger des weltweit größten Mentoringprogramms. Es hatte Kinder aus prekären Verhältnissen zwischen 6 und 16 Jahren mit ehrenamtlich engagierten Erwachsenen zusammengebracht. Jeder Mentor traf seinen Schützling drei- bis viermal pro Monat, ging mit ihm zum Fußball oder ins Theater und half ihm bei den Hausaufgaben – oft über mehrere Jahre.

Das Projekt hatte einen guten Ruf. Es verbinde den „erprobten Ansatz des 1:1-Mentorings mit sehr hohen Qualitätsstandards“, lobte 2013 die Stiftung Deutschland Rundet Auf. Im selben Jahr erhielt BBBSD den Hanse-Merkur-Preis für Kinderschutz.

Zum Aus kam es durch den Rückzug der Benckiser Stiftung Zukunft. Sie war seit der Gründung von BBBSD im Jahr 2005 der wichtigste Geldgeber. Im März 2013 beschloss sie, die Förderung einzustellen und stattdessen das Konkurrenz-Projekt Balu und Du zu unterstützen. Ein im Sozialsektor wohl einmaliger Vorgang, der in der Szene großes Aufsehen erregte – nicht zuletzt weil der Vorstandsvorsitzende der Benckiser Stiftung, Christoph Glaser, zeitgleich BBBSD-Chef war. Er hatte sich selbst die Fördergelder gestrichen.

Als Begründung verwies er auf das größere Potenzial von Balu und Du. Das 2002 von der Sozialpädagogik-Professorin Hildegard Müller-Kohlenberg an der Universität Osnabrück initiierte und heute von einem Verein in Köln aus gesteuerte Projekt vermittelt ebenfalls Patenschaften zur Förderung von Kindern. „Wir haben im Frühjahr 2013 bei Balu und Du die Programmkosten angefragt und sie mit den Zahlen von BBBSD verglichen“, sagt Stefan Shaw, Glasers Kollege im Vorstand der Benckiser Stiftung. Die Ergebnisse seien erschütternd gewesen. Die Kosten, die Balu und Du für die Auswahl und Begleitung eines Mentors beanspruchte, hätten nur bei einem Bruchteil der Kosten von BBBSD für die Erbringung der gleichen Leistung gelegen.

Ein Paradebeispiel für den Trend hin zu mehr Wettbewerb und betriebswirtschaftlichem Denken im Sozialsektor. Die Zeiten, in denen Sozialarbeit generell als gut galt und es nur noch um die bedarfsgerechte Verteilung ging, sind vorbei. Öffentliche Aufträge werden heute häufig an Leistungsvereinbarungen geknüpft, und auch private Stiftungen verlangen von Non-Profit-Organisationen Nachweise ihrer Wirksamkeit.

Aber lässt sich überhaupt bestimmen, was die Hilfe bringt? Kann man den Nutzen in Geld ausdrücken? Und Sozialunternehmen in ihrer Effektivität vergleichen?

Dass das ein schwieriges Thema ist, zeigt eine Studie von Phineo, einer Art Rating-Agentur für den Non-Profit-Sektor. Demnach stehen 70 Prozent der befragten Organisationen einer stärkeren Ergebnisorientierung positiv gegenüber. Doch nur 13 Prozent gelingt es, Wirkungen ausreichend und ohne Probleme zu erfassen.

Ein ideales Geschäftsfeld für externe Berater. Tatsächlich gibt es inzwischen zahlreiche Agenturen, die Wirkungsmessungen oder wissenschaftlich klingende Workshops zu Themen wie „Internes Monitoring und Evaluation nach dem Outcome-Mapping- Ansatz“ anbieten. Die Öffnung für private Anbieter und die dadurch ausgelöste Konkurrenz seit Mitte der Neunzigerjahre hat dazu geführt, dass sich verstärkt Betriebswirte und Unternehmensberater für den Sozialsektor interessieren. Immerhin ist das ein Milliardenmarkt, auf dem sich mit dem Versprechen, für mehr Effizienz zu sorgen, viel Geld verdienen lässt.

Die Benckiser Stiftung will die ökonomische Sicht auf Hilfsprojekte forcieren. Sie setzt sich für erfolgsbasierte Bezahlung ein, finanziert Wirkungsstudien sowie Projekte in Entwicklungsländern, bei denen laut Eigenwerbung „jeder Euro maximale Wirksamkeit verspricht“. Im Frühjahr 2014 gab sie sogleich eine Studie in Auftrag, die den sogenannten Social Return of Investment (SROI) von Balu und Du berechnen sollte.

Hinter dem aus den USA stammenden Konzept verbirgt sich der Versuch, die Finanzkennzahl auch für den Non-Profit-Sektor als Bewertungsmethode anwendbar zu machen. Dafür wird neben dem betriebswirtschaftlichen Ergebnis der von einer Organisation bewirkte gesellschaftliche Zusatznutzen erfasst.

Laut Stefan Shaw sollte die Studie zeigen, dass es möglich ist, Projekte hinsichtlich ihrer Sozialrendite zu vergleichen. Dass Mentoring neben den unmittelbaren Wirkungen in der Zielgruppe einen volkswirtschaftlichen Nutzen hat und Balu und Du ein förderungswürdiges Programm ist. Den Auftrag erhielt die Berliner Agentur Value for Good. Deren Gründerin, Clara Péron, hatte zuvor mehrere Jahre für die Boston Consulting Group gearbeitet.

2. Eine sonderbare Rechnung

Balu und Du wurde von der Professorin Müller-Kohlenberg und ihren Mitarbeitern an der Universität Osnabrück schon mehrfach evaluiert. Dabei stellten sie fest, dass sich das Programm positiv sowohl auf die beteiligten Grundschulkinder (Moglis) als auch auf die Mentoren (Balus) ausgewirkt habe: Die Moglis konnten sich demnach besser konzentrieren als zuvor, beteiligten sich mehr am Schulunterricht, konnten besser mit Kritik umgehen und Konflikte bewältigen. Die Balus waren selbstbewusster, entwickelten mehr Verständnis für Kinder und, weil viele Moglis ausländischer Herkunft waren, auch für andere Kulturen.

Angesichts dieser Befunde geht Pérons SROI-Studie davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Moglis einen besseren Lebensweg einschlagen: mehr Geld verdienen, gesünder bleiben und sich gesellschaftlich engagieren. Ob das wirklich so ist, weiß man nicht. Die Studie nimmt es an – und rechnet dann mithilfe vorhandener Statistiken die Folgen ihrer Annahmen bis ins Jahr 2071 hoch, dem Zeitpunkt, an dem die Moglis des Jahres 2012 mit 67 in Rente gehen.

Fantastische Summen kommen so zustande: Ein um 459 500 bis 922 800 Euro erhöhtes Nettoeinkommen zum Beispiel. Und dadurch auch mehr Steuereinnahmen – genau genommen zwischen 631 200 und 1,267 Millionen Euro, je nachdem ob 10 oder 15 Prozent der Moglis Karriere machen und wie stark man den Effekt des Mentoringprogramms gewichtet.

Der stärkste Faktor ist das angenommene gesellschaftliche Engagement. Um das berechnen zu können, befragte man 20 Ehemalige. Das Ergebnis: 66 Prozent (13 Moglis) gaben an, sich aktuell ehrenamtlich zu engagieren oder dies in der Vergangenheit getan zu haben. 56 Prozent (11 Moglis) meinten, dass die Teilnahme bei Balu und Du sie angeregt habe, sich als Erwachsene freiwillig für andere einzusetzen. Von diesen Umfragewerten ausgehend, nimmt die Studie an, dass sich die Moglis bis ins Jahr 2071 überdurchschnittlich engagieren, was auf einen gesellschaftlichen Nutzen im Wert von 711 100 bis 1,251 Millionen Euro hinausläuft.

Insgesamt, so das Ergebnis, sorgen die rund 800 Moglis und 800 Balus des Jahres 2012 von Programmbeginn bis zum Eintritt in den Ruhestand für einen sozialen Mehrwert von 3,1 bis 6 Millionen Euro. Teilt man den Betrag durch die Kosten des Programms in Höhe von 738 600 Euro, ergibt sich eine Sozialrendite von 4,24 bis 8,08 Euro. Soll heißen: Für jeden 2012 investierten Euro fließt bis 2071 der vier- bis achtfache Wert zu diversen Profiteuren (Moglis, Balus, öffentliche Hand, Gesellschaft) zurück.

Und was, möchte man fragen, wenn nur fünf Prozent der Moglis dank Balu und Du bis zur Rente mehr verdienen? Was, wenn einige der erfolgreichsten und engagiertesten Moglis frühzeitig sterben, auswandern oder aufgrund der Doppelbelastung durch Karriere und Ehrenamt krank werden? Die schöne Rendite wäre dahin.

Dass sowohl Kinder als auch Mentoren von der einjährigen Patenschaft profitieren, ist durch Studien glaubhaft belegt. Der Versuch, die Auswirkungen über einen Zeitraum von knapp 60 Jahren zu prognostizieren, erscheint hingegen mehr als kühn.

Fast schon lächerlich wirkt das Bestreben, möglichst viele der prognostizierten Folgen zu monetarisieren. So berücksichtigt die Studie, dass die Trennung nach Programm-Ende sowohl dem Kind als auch dem Mentor zu schaffen machen könnte. Wie will man Verlustgefühle in Geld ausdrücken? Für die Studie kein Problem: Sie veranschlagt einfach für ein bis zwei Prozent der Moglis ein paar Sitzungen beim Psychotherapeuten à 75 Euro.

3. Renditen und die Folgen

Wozu taugt der Social Return of Investment? In der Studie zu Balu und Du heißt es: „So lässt sich feststellen, ob sich die Geldanlage in ein bestimmtes Programm lohnt.“ In der Kategorie von lohnend oder nicht lohnend zu denken, sei irreführend, sagt hingegen Rainer Loidl, ein österreichischer Sozialforscher und selbst Anbieter von SROI-Studien. Nur bei bestimmten Formen der Sozialarbeit ließen sich deren Auswirkungen gut berechnen.

Beispiel Integration in den Arbeitsmarkt: Hier könne man die Einkommen der in Lohn und Brot gebrachten Menschen sowie die dadurch erzielten Steuereinnahmen und eingesparten Transferleistungen den Kosten des Programms gegenüberstellen. „Solch einfache Rechnungen“, sagt Loidl, „sind aber beispielsweise für die Betreuung alter oder behinderter Menschen nicht möglich. Wie will man den Wert von gesteigerter Lebensqualität bestimmen?“ Es dürfe nicht sein, dass Fördergelder künftig bevorzugt dahin flössen, wo sie die größte bezifferbare Rendite erzielten.

Den Sinn von SROI-Studien sieht Loidl vor allem darin, dass sie helfen könnten, die Sicht der Gesellschaft auf soziale Arbeit zu verändern. „Die gemeinnützigen Organisationen werden oft nur als Spendenempfänger gesehen. Dass sie Werte schaffen, ist den meisten nicht bewusst.“

Einen darüber hinausgehenden Zweck hebt man am Centrum für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) hervor, einer wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Heidelberg, in der man ebenfalls SROI-Studien anfertigt. „Sie führen dazu, dass soziale Organisationen selbst ihre Wirkungslogik besser verstehen lernen“, sagt Geschäftsführer Volker Then.

Zudem könne man verschiedene Konzepte mit gleichen Zielen miteinander vergleichen. Mehrgenerationen-Wohnanlagen und Altenpflegeheime etwa. Welche Auswirkungen die Lebensform auf das Wohlbefinden älterer, hilfsbedürftiger Menschen und auf die öffentlichen Sozialkassen hat, hat das CSI gemeinsam mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim (ZEW) vor ein paar Jahren untersucht.

Um feststellen zu können, ob bestimmte Effekte wirklich auf die Wohnform zurückzuführen sind, sollten die Bewohner der Mehrgenerationen-Quartiere mit anderen, möglichst ähnlichen Menschen verglichen werden. Eine bezifferbare Sozialrendite konnten die Forscher nicht berechnen. Wesentliche Effekte ließen sich nicht in Geld ausdrücken. Aber sie konnten darlegen, dass die zahlreichen Sozialkontakte in den Wohnanlagen zu einer höheren Lebensqualität, verbesserter Gesundheit und im Ergebnis zu geringeren Pflegekosten führt.

Bis zu 250 000 Euro koste eine solche SROI-Studie, sagt Then. Viel zu teuer für die meisten Sozialunternehmen. Diese Investition sei nur für Träger sinnvoll, die über ein Jahresbudget von mehreren Millionen Euro verfügten und auf Grundlage von Wirkungsdaten ihre Strategie überprüfen oder für andere gesetzliche Rahmenbedingungen streiten wollten.

Die SROI-Studie zu Balu und Du war darauf offensichtlich nicht aus. Sie basiert auf reinen Schätzungen. Ob das Programm mehr bewirkt als andere, konnte so nicht festgestellt werden. Überhaupt konnte die Organisation aus der Studie keinerlei Erkenntnisse für die eigene Arbeit gewinnen. Hat man einen fünfstelligen Euro-Betrag dafür investiert, nur um sich mit einer hohen Sozialrendite schmücken zu können?

Der Social Return of Investment solle helfen, das Bewusstsein für Wirkungen zu schärfen, sagt Sozialforscher Loidl. „Es dürfe nicht darum gehen, ein möglichst hohes Ergebnis anzustreben.“

Wohin das führen könnte, lässt sich am Beispiel der SROI-Studie zu Balu und Du gut veranschaulichen. Darin wird unter anderem berücksichtigt, dass Männer im Durchschnitt mehr Geld verdienen als Frauen – was in der Logik der Studie bedeutet, dass männliche Moglis, wenn sie erwachsen sind, mehr Nutzen stiften als weibliche. Balu und Du könnte seinen Social Return of Investment also allein dadurch erhöhen, dass es nur Jungs am Mentoringprogramm teilnehmen ließe.

4. Das Wirkungsdilemma

Der Fall zeigt: Es ist nicht leicht, ein Maß für gesellschaftlichen Nutzen zu finden. Den Social Return of Investment zu berechnen ist extrem schwierig. Zudem eignet er sich nicht, die besten Sozialprojekte zu identifizieren. Gibt es andere Methoden?

Einer, der seit sechs Jahren für mehr Wirkungsorientierung sozialer Organisationen wirbt, ist Andreas Rickert, Vorstandschef von Phineo, das sich selbst als „unabhängiges Analyse- und Beratungshaus für wirkungsvolles gesellschaftliches Engagement“ bezeichnet und dessen Hauptgesellschafter die Bertelsmann Stiftung und die Deutsche Börse sind. Rickert, früher Unternehmensberater bei McKinsey, sagt: „Es geht nicht nur darum, dass soziale Organisationen die Ergebnisse ihrer Arbeit messen.“ Vielmehr fange Wirkungsorientierung damit an, dass man sich über seine Ziele und Zielgruppe im Klaren sei.

Um die Spreu vom Weizen zu trennen, hat Phineo ein Siegel eingeführt. „Wirkt!“ steht darauf. Es sei, so Rickert, eine Orientierungshilfe für Spender, die nicht wüssten, welcher der unzähligen Non-Profit-Organisationen sie ihr Geld geben sollen. Die Stiftung Deutschland Rundet Auf beispielsweise fördert ausschließlich durch Phineo geprüfte Projekte.

Doch was sagt das Siegel eigentlich aus? Wer sich darum bewirbt, bei dem wird geprüft, ob die Organisation stimmt, ob sie eine klare Strategie hat und angemessene Verfahren, Resultate ihrer Arbeit zu erfassen und daraus zu lernen. Anders als das Siegel auf den ersten Blick suggeriert, sagt es also nichts über die tatsächliche Wirkung aus, sondern nur, ob die Voraussetzungen da sind. Rickert nennt es das „Wirkungspotenzial“. Es ist der Versuch, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, dass sich das entscheidende Qualitätskriterium von Sozialunternehmen, ihre Wirkung, nur sehr begrenzt messen lässt.

Knapp 800 Organisationen hat Phineo bislang analysiert, etwas mehr als 200 haben das Siegel bekommen. „Wir sind sehr streng“, sagt Rickert.

Hilft das, die besten Organisationen ausfindig zu machen? Im Jahr 2008 stellte sich auch Big Brothers Big Sisters Deutschland dem Prüfungsverfahren. Seitdem trug das Mentoringprogramm das „Wirkt!“-Siegel – bis es wegen Ineffizienz eingestellt wurde. Ob zu Recht, hat bislang niemand nachgewiesen. ---