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Lange Leitung

Cyrus W. Field investierte Geld und Geduld in eine Idee, die das moderne Leben erst möglich machte: das erste transatlantische Unterseekabel. Dass er nicht vom Fach war, machte die Sache nicht einfacher.





• Der Amerikaner Cyrus W. Field stand in dem Ruf, obsessiv zu sein. Und das nicht zu unrecht – was sein Glück war. Als ihn der britische Außenminister Lord Clarendon fragte, was er zu tun gedenke, wenn sein Versuch, ein Kabel auf dem Grund des Ozeans zu verlegen, scheitern würde, antwortete er: „Dann schreibe ich es in die Gewinn- und Verlustrechnung und verlege ein neues.“ Das war im Jahr 1856, doch Field wusste noch nicht, dass er soeben ziemlich präzise seine eigene Zukunft vorausgesagt hatte.

Das besagte Kabel war aus Kupfer, 3219 Kilometer lang, und es sollte im Atlantischen Ozean in bis zu fünf Kilometern Tiefe verlegt werden. Ein abenteuerliches Vorhaben. Damals wusste man nicht, wie der Untergrund beschaffen war. Es war noch nie eine Leitung dieser Länge hergestellt worden. Und es gab auch kein Schiff, das eine so schwere Ladung an Bord nehmen konnte. Field aber traute sich zu, all diese Probleme zu lösen und Amerika mit Großbritannien per Telegraf zu verbinden.

Dass er nicht vom Fach war, bremste seinen Eifer nicht. Im Hauptberuf war er Papierfabrikant. In diesem Metier hatte er es zu Reichtum gebracht, aber nicht zu Ruhm, was ihn schmerzte. Mit dem Transatlantikkabel sah er seine Chance gekommen, das zu ändern.

Dabei war er am Anfang selbst skeptisch gewesen. Im Frühjahr 1854 hatte er Frederick Gisborne kennengelernt, einen Ingenieur, der ihm zum ersten Mal von der Möglichkeit berichtete, eine Leitung im Meer zu verlegen. Gisborne hatte mit seiner Firma schon damit begonnen. Er hatte die beste Route gefunden, aber ihm fehlte das Geld, um weiterzumachen. Nach einem gemeinsamen Abendessen war auch Field von der Idee begeistert, die Kommunikation zwischen Alter Welt und Neuer Welt zu beschleunigen.

Er machte sich schon anderntags ans Werk. Um Investoren für eine Firma zu gewinnen, lud er wohlhabende Geschäftsleute in sein Haus am Gramercy Park in New York ein. Vier Abende lang diskutierten sie in seinem Haus über das waghalsige Projekt, dann gründeten sie das Cable Cabinet. 1,5 Millionen Dollar kamen so zusammen. Doch das reichte bei Weitem nicht.

Um mehr Geld aufzutreiben, reiste Field im Sommer 1856 mit dem Schiff nach Großbritannien. Die Reise war ein Erfolg. Und auch Außenminister Lord Clarendon war von dem entschlossenen Mann angetan, sodass die britische Regierung das Vorhaben ebenfalls unterstützte, zumindest politisch.

Derart gestärkt, ließ Field zunächst ein Kupferkabel herstellen, das eine dicke Ummantelung hatte, damit es nicht rostete. Da es zu schwer für ein Verlegeschiff war, charterte er gleich zwei, die sich die Ladung teilten.

Im Jahr 1857 war es so weit. Die U.S.S. Niagara und die H.M.S. Agamemnon stachen in See. Cyrus W. Field war außer sich vor Freude und sagte: „Ich habe keine Worte für meine Gefühle heute.“ Doch schon 320 Kilometer vor der Küste sprang das Kabel von der Winde, fast 600 Kilometer Material rutschen ins Wasser und waren verloren.

Für Field ein harter Schlag. Doch er hielt, was er dem britischen Außenminister einst versprochen hatte: Er machte weiter. Ein Jahr später war ein neues Kabel gefertigt. Doch wegen des starken Sturms, bei dem die Niagara und die Agamemnon ausliefen, wurde das Kabel auf hoher See beschädigt. Field startete einen dritten Versuch.

Diesmal war das Wetter besser. Die Niagara legte in Europa ab, die Agamemnon in Amerika. Am 28. Juli 1858 trafen sie sich mitten auf dem Atlantik. Die beiden Kabel-Enden wurden miteinander verbunden und das Kabel in den Ozean hinabgelassen. Am 4. August 1858 erreichte die Niagara Neufundland. Die Leitung wurde an das nordamerikanische Netz angeschlossen. Auf der anderen Seite ging es in Irland ans Netz.

Und tatsächlich: Es wurden elektrische Signale empfangen! Europa und Amerika konnten per Telegraf miteinander kommunizieren. Field war ein Held. Er hatte Wort gehalten und wurde gefeiert. Vor dem New Yorker Rathaus wurde ihm zu Ehren ein Feuerwerk gezündet, Tiffany & Co. verkaufte Kabelteile, die übrig geblieben waren. Und am 16. August telegrafierte Königin Victoria an den US-Präsidenten James Buchanan.

Aber die Euphorie währte nur kurz. Wenige Tage später war die Leitung tot. Ob die Ummantelung beschädigt wurde, das Kabel gerostet war – keiner wusste es. Field wurde in der öffentlichen Wahrnehmung vom Helden zum Betrüger.

Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Wieder suchte er Geld, es war schwieriger dieses Mal, er bekniete Investoren, und im Juli 1865 war er dann wieder so weit. Eine neue Expedition konnte beginnen. Diesmal mit einem besseren, robusteren Kabel. Und er brauchte nur ein Schiff: Die Great Eastern konnte die gesamte Ladung an Deck nehmen.

Doch es sollte nicht sein. Knapp 1000 Kilometer hinter Neufundland musste die Expedition wegen eines Unfalls abgebrochen werden. Viele waren sich sicher, jetzt gibt er auf. Field aber sagte: „Wir haben eine Menge gelernt. Nächsten Sommer werden wir das Kabel ganz sicher verlegen.“

Im Juli 1866 geschah, was viele nicht mehr für möglich gehalten hatten. Die zweite transatlantische Leitung lag im Ozean. Und diesmal hielt sie. Am 27. Juli 1866 telegrafierte Field zum ersten Mal selbst über den Atlantik. „Gott sei Dank, das Kabel ist verlegt“, lautete seine Botschaft.

Er hatte der Welt bewiesen, was technisch möglich war. 1900 erhielt auch Deutschland seine erste transatlantische Verbindung, sie verlief von Emden über die Azoren-Insel Failal nach New York. 1919 gab es bereits 13 solcher Kabel, zwischen den Kontinenten, die meisten gehörten britischen Firmen.

Heutzutage ist die ganze Welt verkabelt. Unter den Ozeanen liegen mehr als 300 Unterseekabel oder sind in Planung. Sie übermitteln Telefongespräche und Daten. Kabel sind dafür besser geeignet als Satelliten, da sie eine höhere Übertragungskapazität haben. Denn längst sind die Drähte auf dem Meeresboden nicht mehr aus Kupfer, sondern aus Glasfaser. ---