Trumpf Maschinenbau

Andreas Schneider ist seit fast 20 Jahren Ausbildungsleiter beim Maschinenbauer Trumpf. Was ihn überhaupt nicht interessiert, sind: Zeugnisse. Zu Besuch bei einem Vordenker.





• „Der war grasgrün“, sagt Andreas Schneider mit kaum zu unterdrückender Begeisterung. Grün? „Ja, grün. Ein guter Junge.“ Er steht in einer Halle des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf in Ditzingen bei Stuttgart, 200 Quadratmeter groß, hohe Decken, um ihn herum wuseln Auszubildende. Doch Schneider interessiert sich gerade nicht für Schaltpläne und Maschinen. Er will seinen Onlinetest erklären und wie der zu den Ergebnissen kommt. Dafür hat er sich einen Bewerber ausgesucht. Schneider zeigt auf die Balken auf einem Papier, das er gerade aus dem Drucker geholt hat. Es sind die Resultate. „Hier, das war ein Bewerber mit Potenzial.“ Alle Balken sind grün. Für solche interessiert sich Schneider – nicht für die mit den besten Schulnoten.

Der 62-Jährige ist schon eine Ewigkeit bei Trumpf. Er begann vor 46 Jahren als Maschinenbaulehrling, wechselte in die Personalabteilung und ist seit fast 20 Jahren Ausbildungsleiter. In all der Zeit hat sich wenig verändert. Bis Schneider vor fünf Jahren das ganze Bewerbungsprozedere über den Haufen warf, Zensuren und Zeugnisse strich. „Wir stellen nur noch nach Persönlichkeit ein“, sagt er. Für ihn ist wichtig, dass der Bewerber zum Unternehmen passt. Dass er neugierig ist. Motiviert, gewissenhaft, integer.

Dafür hat er mit Eignungsdiagnostikern und Psychologen den Persönlichkeitstest entwickelt, der die Bewerber in Grün, Gelb und Rot einteilt, die Farben einer Ampel. Der Test soll ihm die Frage beantworten, ob sich ein Bewerber für seine Arbeit auch wirklich verantwortlich fühlt. Jeder, der sich bei Trumpf bewirbt, macht zuerst einen 13-minütigen Onlinetest zu Hause am PC. Der beinhaltet personalpsychologische und berufsbezogene Fragen, ein Algorithmus bewertet die Antworten und gibt Hinweise darauf, ob der Bewerber eigene Ideen hat, ob er innovativ ist oder Wissen lieber für sich behält. Der Test ist so etwas wie Schneiders persönliches Datingportal, nur eben für Lehrlinge und Lehrstellen. Am Ende wird angezeigt, ob die Bewerber auf die freien Stellen passen, das sind die mit den grünen Balken. Die lädt Schneider dann zu einem Gespräch ein.

So kam Fabian Fleischer, 19, an seine Lehrstelle. Damals wusste Schneider noch nicht, dass der junge Mann bereits Absagen von Bosch, Lufthansa und dem Stuttgarter Flughafen erhalten hatte. Aber es wäre ihm auch egal gewesen, denn Fleischers Test war vielversprechend ausgefallen. Schneider zeigt auf die ausgedruckten Papiere. Oben steht: „empfohlen“. Und darunter kommen lauter grüne Balken, einer hinter „Furchtlosigkeit und Zielsetzung“. Unter „Engagement und Lernbereitschaft“. Unter „Integrität“. „Der war grasgrün“, sagt Schneider. „Früher wäre der uns durchgerutscht.“ Mit früher meint er die alte Zeit, als er noch auf Zeugnisse geschaut hat.

Fabian Fleischer schloss die Realschule mit dem Notendurchschnitt Drei ab. Kein katastrophaler Schüler, aber auch keiner der besten. Nach den Absagen der anderen Unternehmen hatte er schon nicht mehr mit einer Zusage von Trumpf gerechnet. Dann klingelte sein Telefon. „Ich war echt überrascht“, erinnert er sich. Schneider bot Fabian damals zwar keine Stelle als Mechatroniker an, für die er sich ursprünglich beworben hatte, aber eine zweijährige Ausbildung als Maschinen- und Anlagenführer. „Mit der Option, im dritten Jahr den Industriemechaniker dranzuhängen“, sagt Fleischer. Ein Ausbildungsplatz mit Perspektive.

Warum nicht Mechatroniker?

„Er hatte eine Rot-Grün-Schwäche beim Sehen. Als Mechatroniker müssen Sie mit Drähten hantieren. Da ist es fatal, wenn Sie den roten nicht vom grünen Draht unterscheiden können.“

Warum sagten Sie ihm nicht ab?

„Weil er ein toller Kerl ist. Im Test zeigte sich ein großes Potenzial. Heute ist er einer unserer genialsten Fräser. Der steckt seinen Ausbilder in die Tasche, wenn es darum geht, die Fünf-Achsen-Maschine zu programmieren.“

Und warum Maschinen- und Anlagenführer?

„Da war noch ein Platz frei. Der Beruf mit zweijähriger Ausbildung ist nicht so gut angesehen. Der ist eher für praktisch begabte Menschen. So habe ich Fabian aber noch in die Ausbildung reingekriegt.“

Schneider will nicht nur die Schlauen, sondern die, die passen.

Die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Berufseinsteigern hat sich verändert. Bislang war ziemlich klar, wer wem hinterherläuft: Die Schulabgänger schrieben Bewerbungen, die Unternehmen wählten unter vielen Kandidaten diejenigen mit den besten Noten aus. Das ändert sich gerade. Denn Unternehmen finden in manchen Branchen nicht mehr so einfach Leute. „40 960 unbesetzte Lehrstellen gibt es derzeit in Deutschland“, sagt Sebastian Bußmann, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. „Die Zahl hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre verdreifacht.“ Tendenz steigend. Auf die gut 40 000 unbesetzten Lehrstellen kommen rund 20 000 Bewerber, die keinen Ausbildungsplatz finden. Auch deshalb gelangen Unternehmen zu der Erkenntnis: Noten sind nicht alles.

Für Andreas Schneider hat sich die „radikale Entschulung“ seines Bewerbungsverfahrens, wie er es nennt, gelohnt. Seitdem hat er fast doppelt so viele Bewerber. 2600 machen jährlich den Onlinetest, 300 kommen in die engere Auswahl, und an diese vergibt er 55 Ausbildungsplätze in insgesamt 15 Berufen und dualen Studiengängen vom Anlagenführer bis zum Software-Entwickler. Trumpf hat, anders als viele andere Firmen in der Gegend, noch die Wahl: „In der Region Stuttgart gibt es heute in manchen Berufen auf 100 Stellen nur 70 Bewerber“, sagt Schneider.

Im Jahr 2014 waren im deutschlandweiten Durchschnitt 6,6 Prozent der Lehrstellen unbesetzt. Vor allem im Osten gehen den Firmen aufgrund des starken Geburtenrückgangs die jungen Mitarbeiter aus. Im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern sind sogar 13,8 Prozent der Stellen offen. „Den Westdeutschen stehen derartige Einbrüche aufgrund des demografischen Wandels noch bevor“, sagt der Arbeitsmarktforscher Bußmann. Doch gerade im exportstarken Süden, in Bayern (9,9 Prozent) und auch in Baden-Württemberg (7,5 Prozent), wo die Konjunktur rundläuft und die Firmen neue Stellen schaffen, reichen die Schulabgänger schon heute nicht mehr aus.

Die Unternehmen hoffen jetzt auf Flüchtlinge. Ihr Zustrom könnte wie eine Verjüngungskur auf den Arbeitsmarkt wirken, so die Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Der Bundesverband der Deutschen Industrie drängt auf zügigere Asylverfahren und stellt Flüchtlingen, die im Land bleiben dürfen, Jobs in Aussicht. „Im vergangenen Jahr bewarben sich 15 900 Menschen aus Afghanistan, Irak, Pakistan, Syrien oder den Balkanländern um einen Ausbildungsplatz, gerade mal 800 davon blieben am Ende unversorgt“, so Bußmann. Ausbildung und Arbeit gelten als Integrationshilfe, viele Firmen engagieren sich – sie profitieren aber auch.

Vielleicht noch nicht heute, aber in Zukunft könnten Flüchtlinge dabei helfen, den Fachkräftemangel zu lösen. Auch Andreas Schneider stellte zum Ausbildungsstart im September einen jungen Mann aus dem Irak ein. Adnan Khalaf, 22 Jahre, lernt bei Trumpf nun Montagetechniker, ein zweijähriger Ausbildungsberuf. Sein Persönlichkeitstest war selbstverständlich grasgrün. „Test gut, Sprache okay, Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis. Passt“, sagt Schneider. „Wir müssen gucken, dass wir die Leute bekommen, die zu uns passen. Da spielt die Nationalität genauso wenig eine Rolle wie die Schulnoten. Wir haben auch zwei Spanier in der Ausbildung.“ Schneider wird sie in Zukunft brauchen.

In der Lehrwerkstatt, die aussieht wie ein moderner Makerspace mit Rautentischen, darauf Metallgebilde und 3-D-Drucker, versammelt sich gerade eine Gruppe Teenager um einen Würfel. Der Stahlwürfel ist der zweite Teil von Schneiders Ausbildungsreform. Er hat nicht nur die Bewerbung entschult, sondern auch die Ausbildung. Andreas Schneider hat das Papier abgeschafft, Arbeitsanweisungen empfangen die Azubis digital, Maschinen steuern sie mit dem Tablet, und während der ersten Monate entwerfen sie gleich ein eigenes Produkt. Die Aufgabe: „Fertigen Sie einen Würfel, 30 x 30 Zentimeter aus Stahl, der in einer sozialen Einrichtung benutzt werden kann.“ Das Budget beträgt 300 Euro. Den Arbeitsalltag organisieren sich die Azubis selbst.

„Das ist ein Spielwürfel für ein Flüchtlingsheim in Stuttgart“, sagt Jens Gietzen, einer der Azubis. Das Produkt ist fast fertig. Oben sind verschiedene Spielbretter, Mühle und Dame, angebracht. An einer Seite klemmt ein Tablet, an der anderen sind Ladestation und ein Lautsprecher sauber eingefasst und auf der vierten Seite das Spiel „Heißer Draht“. „Für die Würfelflächen mussten wir Stahl fräsen. Die Halterung für das Tablet haben wir mit dem 3-D-Drucker gemacht“, sagt Gietzen. Er prüft, ob die LED-Kontakte für den „Heißen Draht“ richtig funktionieren. „Die Schaltung habe ich gebaut. Wenn man mit dem Stift am Rand hängen bleibt, muss die Lampe aufleuchten.“ Der 18-Jährige macht ein duales Studium in Mechatronik. „Ich hatte vier Ausbildungsplätze zur Auswahl, aber hier hat es mir am besten gefallen“, sagt er.

Vor seiner Ausbildung bei Trumpf war Gietzen auf einem Technischen Gymnasium. „Theorie liegt mir nicht so, ich brauche immer etwas in der Hand.“ Deshalb entschied er sich gegen ein Hochschulstudium. Er ist nicht der einzige Abiturient unter den Lehrlingen. Viele Unternehmen begründen die sinkenden Ausbildungszahlen mit der steigenden Zahl an Abiturienten, die lieber an die Universität gingen. Dabei stellen Studenten in vielen Betrieben einen Großteil der dualen Auszubildenden.

Doch es liegt auch an den Unternehmen, wie attraktiv sie ihre Ausbildungsangebote für Schulabgänger gestalten.

„Zu meiner Zeit hieß es noch: ,Eisen erzieht‘. Da stand man die ersten Monate nur hinterm Schraubstock und hat ausgeführt, was der Meister sagte. Wenn Sie das heute machen, haben Sie innerhalb von einem halben Jahr keine Lehrlinge mehr“, sagt Andreas Schneider. Smartphones und das mobile Internet haben die Jugend so radikal verändert, dass Schneider glaubt, sich ihr mehr anpassen zu müssen, damit sie ihm nicht davonrennt. „Die jungen Leute sind andere Freiheitsgrade gewohnt. Die kriegen Sie nicht mehr mit hierarchischen Mustern.“ Sie suchen nach Partizipation, Chancen und Perspektiven. Früher wurde Schneider noch gefragt: „Wie werde ich Abteilungsleiter?“ Heute hat das Prinzip Karriereleiter ausgedient. Die Azubis interessieren sich für Arbeitszeitmodelle und Weiterbildung, sie fragen Schneider, ob das Unternehmen gesellschaftlich engagiert ist oder sich nur um Profite kümmert.

Fabian Fleischer erinnert sich noch, wie er mit dem Stahlwürfel seine Ausbildung begann. Es war einer für ein Altenheim mit einem Tablettenspender, einem Radio und großen Tasten. Inzwischen hat er in die Ausbildung zum Industriemechaniker gewechselt.

Was bedeutet ihm Karriere?

„Das spiegelt ja den Werdegang wider. Für mich heißt das einfach, einen Job zu machen, der Spaß bringt, und dann bin ich da auch gut drin.“

Wie geht es nach der Ausbildung weiter?

„Erst mal ein bisschen arbeiten, und danach würde ich gern eine Weiterbildung machen, aber ich weiß noch nicht, ob zum Techniker oder ob ich meine Fachhochschulreife nachhole.“

Schneider antwortet: „Gut zu wissen. Lass uns da auf jeden Fall bald mal drüber sprechen. Kriegen wir alles hin.“ ---