Partner von
Partner von

Scorpion: Nicholas Wootton im Interview

In der US-Serie „Scorpion“ führen hochbegabte Spezialisten vor, wozu überdurchschnittliche Geisteskraft imstande ist. Und wozu nicht: Sobald es zwischenmenschlich wird, zeigen die Superhirne Schwächen. Was ihn daran reizt und was auch Normalsterbliche daraus lernen können, erklärt der Mitautor und Produzent Nicholas Wootton.





brand eins: Herr Wootton, in Ihrer TV-Serie geht es um ein Computergenie namens Walter O’Brien, der ein Team von ähnlich Hochbegabten um sich versammelt, um die Welt zu retten. Warum sehen sich Millionen von Menschen eine Serie über halb autistische Genies an, die im zwischenmenschlichen Umgang so nervig sind, dass man mit ihnen nie im Leben ein Bier trinken würde?

Nicholas Wootton: Ich denke, dass sich jeder mit unseren Charakteren identifizieren kann, denn irgendwie weist jeder von uns Defizite auf. Wir alle stehen in dieser übertechnisierten Welt vor vielen Herausforderungen. Und im wirklichen Leben gibt es mehr hochbegabte Tüftler und Programmierer als gut aussehende Athleten vom Football-Team an der High School – über die aber sind schon viele Serien geschrieben worden. Kein Wunder, dass so viele von uns mit dem unangenehmen Gefühl aufgewachsen sind, nicht richtig dazuzugehören. Mit der Serie halten wir dagegen und sagen: Jeder Mensch hat bestimmte Begabungen, aber auch Fehler und Makel. Wenn wir uns zusammentun, können wir diese Defizite ausgleichen – wie eine große Familie.

Der echte Walter O’Brien wird als Wunderknabe gehandelt. Er behauptet von sich, er habe schon als Teenager einen IQ von 197 gehabt. Ist die Fernsehversion ein wirklichkeitsgetreues Abbild dieses Superhackers?

Eher weniger. Vom Original haben wir uns vor allem abgeschaut, welche Jobs man wie mit Computern erledigen kann. Nick Santora, mein Coproduzent und der geistige Vater der Serie, hatte die erste Folge bereits entwickelt, und ich bin erst kurz vor den Dreharbeiten dazugestoßen. Mich faszinierte auf Anhieb die Idee, dass es eine Firma gibt, die scheinbar unlösbare Technikprobleme knacken kann. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine multidisziplinäre Gruppe von Superhirnen, doch wenn man genauer hinsieht, ist einer von ihnen gar kein Genie. Die alleinerziehende Mutter Paige ist eher eine Art Super-Nanny. Das sind Menschen, die über einen sechsten Sinn verfügen: Sie wissen intuitiv, wie man mit anderen umgeht, sie managt und motiviert. Dass es so jemanden braucht, war der wichtigste Input vom echten Walter. Da musste ich nicht lange nachdenken: Aus solchen Charakteren werden erfolgreiche Serien gemacht.

Die Idee war also eine Serie rund ums Bauchgefühl, in der es von Daten und Elektronik nur so wimmelt?

Diese Spannung ist ein gutes Rezept für ein Drama: brillante Individuen, die im Umgang mit ihren Mitmenschen schwerste Defizite aufweisen. Sie sind so unbeholfen, dass sie im Alltag Unterstützung benötigen. Andererseits haben sie dieses Fachwissen, um sich immer wieder aus der Patsche zu helfen. Kurzum, wir haben es mit fehlerhaften Helden zu tun, die sich weiterentwickeln müssen. Der echte Walter O’Brien gab uns lediglich eine ganze Reihe echter Fälle, die wir längst verarbeitet haben.

In der Serie ist O’Brien der Chef des Teams, der die anderen dirigiert und wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten nimmt. Warum folgen ihm alle?

In seiner Rolle muss man die Fähigkeit besitzen, mit schwierigen Menschen umzugehen und ihnen zu sagen: „Das hier ist dein Job. Lass alles andere stehen und liegen und kümmere dich darum!“ Genies lassen sich nun einmal leicht ablenken. Der Job des Teamchefs besteht darin, Leute wie Programmierer und Ingenieure auf Kurs zu halten. Das ist letztlich auch die Aufgabe des Cheftechnikers eines großen Unternehmens.

Wo finden Sie Woche für Woche die Ideen – vom echten Walter O’Brien einmal abgesehen, der tatsächlich eine Beratungsfirma für Cybersicherheit namens Scorpion Computer Services betreibt?

Wir bedienen uns überall. Ich persönlich finde es am aufregendsten, wenn Technik außer Kontrolle gerät und wir darüber die menschliche Perspektive zu verlieren drohen. An Anregungen aus dem wirklichen Leben herrscht kein Mangel: Social Media, angeblich intelligente Technik, autonome Fahrzeuge. Das sind oft geniale Erfindungen, nur sind sie uns Menschen meist zu weit voraus. Wir stecken irgendwo auf halber Strecke im Fortschritt fest und müssen gegensteuern. Dann sind die Charaktere in unserer Serie gefragt, um die Welt wieder ins Lot zu bringen.

Protagonisten müssen sich entwickeln, sonst wird die ganze Action irgendwann langweilig. Wie geht das bei Walter – empfindet er irgendwann auch Gefühle?

Wir machen uns seit Beginn der Serie Gedanken über das Wechselspiel von Intelligenz und Emotionen. Das Thema wird immer wichtiger als Gegenpol zum Siegeszug der Technik, die Distanz zwischen den Menschen schafft und uns mit unseren Geräten vereinsamen lässt. Sehen Sie sich doch mal um: Wir tun uns inzwischen leichter, mit irgendwelchen Leuten elektronisch in Kontakt zu treten als mit denen, die im selben Raum oder am selben Tisch sitzen. Auch als Genie neige ich dazu, Gleichgesinnte irgendwo im Netz zu finden. Mit diesem Problem spielen wir oft und gern. Walter ist unfähig, seine Gefühle für die Frau, die er liebt, auszudrücken, weil er keine richtige Verbindung zu ihr herstellen kann. Dafür fehlen ihm als Person die Hardware oder Software. In gewisser Weise ist Walter wie ein Pinocchio des 21. Jahrhunderts. Er will einfach nur ein Junge sein wie alle anderen – und kein Hightech-Wunderknabe.

Das klingt, als wollten Sie jüngere Generationen mit ihren modernen Ängsten erreichen?

Es geht im Kern um Vertrauen. Wir schenken den Menschen direkt vor unserer Nase weniger Glauben als den Dingen, die man auf seinem Bildschirm recherchieren und quantifizieren kann. Wir sind süchtig nach vermeintlich objektiven Informationen. Dabei leiden wir alle unter Reizüberflutung – Technik ist unser liebster Spielplatz und droht uns zugleich zu begraben. Gleichzeitig präsentieren wir Technik und insbesondere Mathematik in jeder Folge als Teil der Lösung. Naturwissenschaften und Computer sind unsere größte Hoffnung und unser schlimmster Feind zugleich.

Wenn moderne Superhelden aus Fachwissen minus Empathie bestehen, dann müsste es doch an Orten wie dem Silicon Valley nur so von ihnen wimmeln.

Die Vorstellung vom Superhelden, der in uns allen steckt, ist uralt. Spiderman etwa ist ein ganz normaler Typ, der seine wundersamen Kräfte entdeckt. Wir haben die Superhelden-Sage nur der heutigen Zeit angepasst. Aber als echter Held brauche ich neben Fachwissen eben auch menschliche Qualitäten. Sonst werde ich allein durchs Leben gehen. Diese Fähigkeiten kann man lernen – oder sich an Bord holen. Ironischerweise kam uns die Idee mit der Super-Nanny Paige, nachdem wir in der Zeitung von einer Psychotherapeutin im Silicon Valley gelesen hatten, die sich auf Gruppen- oder Paartherapie für Start-ups spezialisiert hat. Das sind alles brillante Leute, die weder miteinander noch mit der Welt um sich herum klarkommen. Sie haben Probleme mit der Realität – und sie brauchen einen Vermittler. ---

Die Crime-Serie „Scorpion“ wird seit 2014 auf CBS ausgestrahlt und ging im Oktober in die dritte Staffel. Als Vorbild dienten Drehbuchautor und Produzent Nick Santora sowie Coautor und Produzent Nicholas Wootton der Hacker und IT-Unternehmer Walter O’Brien und dessen Sicherheitsberatungsfirma Scorpion Computer Services. In Deutschland läuft „Scorpion“ auf Sat1. Wootton schrieb und produzierte zuvor unter anderem die Krimiserie „New York Cops – NYPD Blue“.