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Alles Lüge

Verschwörungstheorien halten sich hartnäckig. 
Auch diejenige von der angeblichen Gier des Bankiers Nathan Rothschild, 
der angeblich vor allen wusste, wie die Schlacht bei Waterloo ausgehen werde.





• Für sein Pamphlet wählte Georges ­Marie Mathieu-Dairnvaell ein einpräg­sames Pseudonym: Satan. Unter diesem Namen veröffentlichte der Sozialist im Jahr 1846 in Paris eine Schmähschrift mit dem Titel: „Die lehrreiche und bemerkenswerte Geschichte von Rothschild, dem ersten König der Juden.“ Mit ihr versuchte der Autor nach Kräften, James von Rothschild zu schaden, und stellte die Bankiersfamilie als eine Gruppe von Verschwörern dar, die im Geheimen arbeite.

Baron James von Rothschild war der wichtigste Mann der Familie in Frankreich und der einflussreichste Rothschild in Europa. Der Bankier investierte in den Bau der Eisenbahn, und genau das war es, was Mathieu-Dairnvaell gegen ihn aufgebracht hatte. Der linke Autor sah in der neuen Technik eine Bedrohung. Als Beweis dafür musste ein Zugunglück aus dem Jahr 1846 herhalten, bei dem 14 Menschen ums ­Leben gekommen waren. Damit war für Mathieu-Dairnvaell erwiesen, dass die Rothschilds skrupellose Geschäftemacher waren.

Mathieu-Dairnvaell entwarf eine antisemitische Verschwörungstheorie, die sich bis heute hält und selbst von angesehenen Historikern wiederholt wird. Laut Mathieu-­Dairnvaell war das Zugunglück von 1846 nicht das einzige Ereignis, das beweist, wie leichtfertig die Rothschilds mit Menschenleben umgehen. Viel beschämender noch sei ihre Verwicklung in die Schlacht bei Waterloo gewesen. Dort entschied sich am 18. Juni 1815 das Schicksal von ­Europa. An jenem Tag besiegten britische Truppen mit Unterstützung des preußischen Heeres Napoleon und beendeten dessen Vorherrschaft in Europa.

Einer, der vor allen anderen gewusst haben soll, wie die Schlacht ausgehen werde, war laut Mathieu-Dairnvaell Nathan Rothschild, ein Vorfahr von Baron James, – und selbstverständlich soll er sein Wissen in dreister Weise zu Geld gemacht haben.

Nathan Rothschild war 1815 37 Jahre alt. 16 Jahre zuvor war er von Frankfurt am Main nach Großbritannien gekommen und hatte es zu einem erfolgreichen Bankier gebracht. Es gelang ihm, woran selbst die Bank of England gescheitert war: Rothschild lieferte die Gold- und Silbermünzen für den Sold der auf dem europäischen Kontinent kämpfenden britischen Soldaten.

Nach Ansicht von Mathieu-Dairnvaell hatte Rothschild gut über die Schlacht von Waterloo Bescheid gewusst. In ­seinem Pamphlet schrieb er: „Nathan ­Rothschild war in Belgien und beobachtete sehr genau, was bei Waterloo geschah. Er hatte eine Pferdestaffel nach Ostende organisiert. Als er sah, dass die imperiale Garde fiel, überwältigt, starb, aber sich nicht ergab, ritt er im gestreckten Galopp los. In Ostende gab es einen heftigen Sturm, und die Segler erklärten, es sei unmöglich, den Kanal zu überqueren. Aber erlaubt es die Gier, irgendetwas als unmöglich zu erklären? Mit der Kraft des Goldes gelang ­es Rothschild, einige Männer davon zu überzeugen, mit ihm auf ein Fischerboot zu steigen. Wie einst Caesar riskierte Rothschild sein Leben. Erfolg krönte seinen Mut. Er erreichte London 24 Stunden vor der Nachricht. Er verdiente 20 Millionen mit einem einzigen Coup. Da seine Brüder ihn finanziell unterstützten, konnten in diesem fatalen Jahr 135 Millionen verdient werden.“

Mathieu-Dairnvaells Pamphlet gipfelte in dem Satz: „Es ist das Gold dieses ­Juden, dem Frankreich seine Katastrophen verdankt.“

Es ist die erste schriftliche Erwähnung von Nathan Rothschilds angeblichen Geschäften im Zusammenhang mit Waterloo. Doch dabei blieb es nicht. Die Erzählung wurde zur antisemitischen Legende, und ständig wurden neue Dinge hinzu­gedichtet. Rothschild sei den ganzen Tag über bei der Schlacht gewesen, er habe sogar an einem Treffen der Offiziere teilgenommen, seine Überfahrt nach Großbritannien habe 2000 Francs gekostet.

Es war der britische Autor John ­Reeves, der im Jahr 1887 die Geschichte weiter ausschmückte. Rothschild sei am 20. Juni 1815 morgens von Waterloo in London angekommen. Sogleich habe er an der Börse das Gerücht gestreut, dass die mit den Briten verbündeten Preußen eine Niederlage in Ligny erlitten hätten. Mit diesem wahren Bericht habe er die Händler verunsichern wollen, die fürchteten dann, dass auch Waterloo verloren gehen würde.

Daraufhin hätten Broker, von denen jeder gewusst habe, dass sie für Rothschild arbeiteten, an der Börse Wertpapiere verkauft – während Broker, die nicht mit ihm in Verbindung gebracht worden seien, später heimlich billig für ihn gekauft hätten. So habe er einen Kurssturz ausgelöst und dank dieser „Manipulation fast eine Million Pfund verdienen“ können, schrieb Reeves.

Beweise für diese Behauptungen haben Mathieu-Dairnvaell oder Reeves nie vorgelegt. Trotzdem wurden sie regelmäßig wiederholt. Etwa vom früheren CIA-Generaldirektor Allen Dulles in seinem 1963 erschienen Buch „Die Kunst der Spio­nage“. Oder in Sebastian Faulks Roman „A Week in December“. Die Legende vom gierigen Juden wurde auch in dem Nazi-Propagandafilm „Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo“ (1940) ausgeschlachtet.

Brian Cathcart, Professor an der Kingston University London, hat die Verschwörungstheorien untersucht und kommt zu dem Schluss, dass Rothschild niemals in der Nähe von Waterloo war. Im Archiv der Familie finden sich Briefe, die Nathan Rothschild am 16. und 20. Juni 1815 in London geschrieben hat, er war also nicht verreist.

Aber kann es nicht sein, dass er Aktien gekauft hat? Der angesehene Historiker Niall Ferguson behauptet das in seiner autorisierten Geschichte des Hauses Rothschild. Er schreibt, dass die Familie während des Krieges Goldmünzen in großen Mengen gekauft hatte und nach dem Sieg bei Waterloo fürchtete, zu viel Gold zu besitzen, das nun an Wert verlieren werde. Also habe Nathan Rothschild versucht, den Schaden auszugleichen, und viel Geld in Wertpapieren angelegt. Als Quelle gibt Ferguson die Zeitung »Courier« an, in der am 20. Juni 1815 gestanden habe: „Rothschild hat große Mengen Aktien gekauft.“

Doch auch das lässt sich laut Cathcart nicht belegen: In keiner der noch existierenden Ausgaben der Zeitung von jenem Tag ist ein Hinweis auf Rothschild zu finden. Auch in keiner anderen Abend­zeitung, die an jenem Tag erschienen ist.

Trotzdem hält sich die Legende von den hinterlistigen Rothschilds. Zuletzt befeuerte Wikileaks sie. Als der »Economist« einen kritischen Titel zum russischen Präsidenten Vladimir Putin publizierte, wiesen die Enthüller darauf hin, dass die Rothschild-Familie Anteile an dem Blatt halte und beste Beziehungen zur ehemaligen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton pflege. Der Titel, so wurde insinuiert, sei Teil einer Kampagne. ---