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Schubladendenken

In Schubladen gesteckt zu werden ist nicht schön. Aber unvermeidlich.




• Ich schockiere Menschen des Öfteren mit der Tatsache, dass ich nicht in Berlin lebe. Manchmal erreichen mich E-Mails, die enden mit „Viele Grüße nach Berlin, Ihr xy“. Junge Autorinnen wohnen in Berlin. So sieht die Junge-deutsche-Autorinnen-Schablone das vor. Wenn ich antworte, dass dem nicht so ist, sind die Menschen nicht nur irritiert, sondern enttäuscht. Warum nur?, möchte ich sie fragen und mich beinahe dafür entschuldigen, dass ich nicht in Berlin lebe. Aber ich bin bereits viel zu beschäftigt damit, so nebenbei wie möglich den Namen der Stadt fallen zu lassen, in der ich tatsächlich wohne. Mit der befördert man sich auch nicht gerade hinaus aus dem Schubladendenken, man gerät nur von der einen in die andere: München.

Dann heißt es entweder a) „Na ja, okay, das passt auch. Anders halt, aber es passt, ja, ja, das wird schon so eine sein. Münchner-Schumann’s-Tussi, immer schön Kaffee für neun Euro trinken an der glitzernden Isar und Bussi rechts, Bussi links, ich kann es mir genau vorstellen.“ Oder b) „Passt ja überhaupt nicht! Die Arme! Sie muss sich fürchterlich langweilen in diesem glatt geschleckten München!“ Einer hat mir das mal ins Gesicht gesagt oder eher gebrüllt (es war in Berlin bei einer Party): „Was? München? Du gehörst nicht nach München!“, sagte er und klang wahnsinnig beleidigt. Wir kannten uns fünf Minuten.

Man soll nicht so viel darüber nachdenken, was die Leute über einen denken. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Sie drücken es einem geradeaus rein, und nicht selten wundert man sich dann sehr. Was wissen die Leute denn schon von einem? Erscheinungsbild, Alter, Geschlecht, Beruf, Wohnort, eventuell Geburtsort oder ein Dialekt. Aber man darf da gar nicht so optimistisch sein, meist reichen schon zwei dieser Eckdaten, Optik und Beruf, und schon laufen die Leute mit einem falschen Bild von einem herum.

Dass das mit dem Wohnort wenig bis gar nichts über mich aussagt und dass ich vielleicht einfach weder-noch bin, also weder das Berliner-Autoren-Klischee noch das Münchner-höhere-Töchter-Klischee, und dass der im Ausweis eingetragene Wohnort aus einem nicht unbedingt immer den Karikatur-Bürger dieser Stadt macht: undenkbar!

Aber Stadt hin, Stadt her. Die Leute wissen auch über meinen Lifestyle bestens Bescheid. Viele glauben zum Beispiel aus irgendwelchen Gründen, ich sei das Mega-Sprachrohr für das junge urbane Nachtleben. Dabei war ich seit Jahren in keinem Club mehr.

Doch in Wahrheit sind all die Zuschreibungen, mit denen ich regelmäßig konfrontiert bin und die mir auf den Sack gehen, noch die reinsten Luxusdiskriminierungen, geradezu banal gegen das, was einen auf sehr viel persönlicherer Ebene mitunter an fiesen kleinen Zuschreibungen trifft. Es ist erstaunlich, was Menschen so alles aus Familiengeschichtenschnipseln oder anderen biografischen Details machen können, die sie von einem zu kennen glauben. Und ich möchte mir nicht einmal ausmalen, wie es Menschen gehen muss, die aufgrund dummer Ausländer-, Homo-, Religions- oder Geschlechterklischees seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind.

Aber auch ich denke natürlich in Schablonen. Wer schafft es schon, sich jede Sekunde im Griff zu haben? Das Gehirn will doch das, was es tagtäglich so sieht und hört, irgendwie einordnen, verstehen können, sich eine Art Weltwissen-Repertoire anlegen, das zur Not auch mal im Automodus funktioniert. All diese Klischees, Zuschreibungen, Denkmuster laufen einfach so mit, und wenn ich nicht aufpasse, stolpere ich drüber.

Richtig dumm war es zum Beispiel mal von mir, einer Schweizer Autorin völlig ernsthaft den Parade-Satz „Du bist aus der Schweiz? Hört man gar nicht!“ reinzudrücken. Sie sah mich verächtlich an, ich kapierte, und aus meinem persönlichen Hirn-Off ertönte der Fail-Sound: „Wak wak wak waaaaaak.“

Aber Verallgemeinerungen entlarven sich erstens nicht immer so glasklar und machen außerdem leider oft auch großen Spaß. Sie vermitteln eine irre emotionale Geborgenheit. Es ist befriedigend, Sätze zu sagen wie: „Typisch Chinesen!“ Oder: „Haha! Habe ich es doch gleich gewusst.“ Oder: „Siehste, so sind die Hartz-IV-ler nämlich wirklich!“ Solche Sätze geben einem Sicherheit im Fast-Food-Format, man freut sich, endlich mal was kapiert zu haben von der Welt.

Das befreit einen für ein paar Sekunden von dem elendigen Wissen, dass es die absolute Erkenntnis nicht gibt. Wie befriedigend es da ist, sich wenigstens ein bisschen in der Illusion zu baden, es gäbe sie. Oh, nur ganz kurz! Nur so kurz wie: Ich weiß, Rauchen ist schlimm, aber eine Zigarette noch, okay?

Und deshalb ist die Lösung gar nicht, den anderen oder einem selbst die Denkmuster vorzuwerfen, anhand derer man sich durch die Welt hangelt. Dauernd jedem und allem immer nur superreflektiert und ausdifferenziert zu begegnen geht nicht. Das hindert einen am Ende noch daran, überhaupt zu sprechen.

Sprache an sich ist ja, wenn man das mal weiterdenkt, nichts weiter als eine einzige große Schablone, ein Kommunikationszeichenkompromiss. Wenn man nicht an jeden Satz, den man so von sich gibt, eine riesige, entschuldigende, differenzierte soziokulturelle Reflexionsfußnote anhängt, begeht man in der Regel allerlei Schablonendelikte.

Vielleicht fährt man also am besten damit, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass man nie der ist, für den einen andere halten. Und die anderen im Umkehrschluss auch nicht die sind, für die man sie hält. Wenn man das so sieht, ist eigentlich alles in Ordnung. Dann verwechselt man diese Schablonen nicht mehr mit der Wirklichkeit und lässt sie auch nicht mehr zu Gewaltakten verkommen.

Und dann passiert das, was man sich immer wünscht: dass sich alle endlich mal ein bisschen entspannen. ---