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Nicht schießen!

Im kalifornischen Richmond ist Waffengewalt Alltag. Die Stadt geht dagegen unkonventionell vor.





• Diejenigen, die bei dem Treffen im Jahr 2010 dabei waren, erinnern sich, dass man high werden konnte, wenn man damals durch bestimmte Flügel des Rathauses von Richmond ging. So dicht hing an jenem Tag der Haschischrauch in den Fluren.

Er stammte von den vielleicht ungewöhnlichsten Besuchern, die das Verwaltungsgebäude der kalifornischen 100 000-Einwohner-Stadt je betreten hatten. Es waren kleine Grüppchen von Männern, fast ausnahmslos schwarz, fast ausnahmslos jung, bis runter ins Teenageralter.

Die Neuankömmlinge hatten noch etwas gemein: Sie waren bei der Polizei gut bekannt. Denn sie galten als die gefährlichsten Bürger von Richmond. Jeder dieser jungen Männer hatte – davon waren die Ordnungshüter überzeugt, auch wenn sie es nicht beweisen konnten – in den vorangegangenen Monaten auf andere Menschen geschossen, meist auf Rivalen gegnerischer Straßengangs. Sie hatten dabei oft tödlich getroffen. Und jeder der Anwesenden – auch dessen war sich die Polizei sicher – würde weiter schießen und töten.

Solche Szenarien gehören überall in den USA zum Alltag. Im vergangenen Jahr etwa wurden laut den Statistiken des gemeinnützigen Gun Violence Archive 13 404 US-Bürger erschossen. Weitere 27 000 wurden durch Kugeln teils schwer verletzt. Drogen sind oft im Spiel und Gangs oft dafür verantwortlich. Viele Städte reagieren auf diese Gewalt mit Gegengewalt. Sie verstärken die Polizei, lassen Verdächtige rigoros verhaften, werfen mehr Bürger ins Gefängnis.

Doch die Männer, die an jenem Tag ins Rathaus von Richmond gekommen waren, trugen keine Handschellen. Sie waren eingeladen: von einem Stadtangestellten namens DeVone Boggan.

Boggan war damals noch neu in Richmond. Und er hatte eine radikale Idee. Er ließ die Männer in einen Konferenzsaal führen, wo ihnen Essen serviert wurde, das Boggan bei einer Cateringfirma bestellt hatte. Er selbst hatte seinen besten Anzug angezogen. So begrüßte er die mutmaßlichen Gewalttäter.

Er bedankte sich für ihr Kommen. Und er entschuldigte sich bei ihnen. Dafür, dass die Stadt sie so lange ignoriert hatte. Denn ohne ihre Hilfe, sagte Boggan, werde Richmond das Problem mit den Schusswaffen nicht in den Griff bekommen. Zum Schluss griff Boggan in seine Anzugtasche. Er zog einen Stapel Umschläge heraus und gab jedem der Männer einen davon. Als sie ihn öffneten, fanden sie darin einen Scheck über tausend Dollar.

Das Idyll trügt: Hier hat sich kürzlich ein Mord ereignet

Die Geschichte verbreitete sich blitzartig in den Straßen von Richmond. Da war einer, der Killern Geld bezahlte, weil er wollte, dass sie aufhören zu schießen.

Heute, sechs Jahre später, sitzt Boggan in seinem Büro im Rathaus von Richmond und ist heiser. Daran schuld seien – so klagt er nur halb im Scherz – die Medien.

In der Tat scheint die Presse dieser Tage nicht genug von Boggan kriegen zu können. Aus allen Ecken des Landes rücken Fernsehcrews und Reporter an, um den charismatischen Mann, der sich gern mit Hut präsentiert, zu interviewen.

Anschließend produzieren sie Geschichten mit Schlagzeilen wie: „Eine kalifornische Stadt bezahlt potenzielle Mörder dafür, dass sie nicht schießen – und das funktioniert“.

Richmond liegt an der Bucht von San Francisco, nur vier S-Bahn-Stationen sind es nach Berkeley, weltberühmt wegen seiner Universität. Nach Downtown San Francisco sind es nur 27 Kilometer. Doch mit dieser weltoffenen, geschäftigen Metropole hat Richmond wenig gemein. Es ist traditionell eine Arbeiterstadt, in der der Ölkonzern Chevron eine große Raffinerie betreibt. Viele Einwohner haben den Wandel zur Digitalwirtschaft nicht mitgemacht.

Etwa zwei Drittel der Menschen hier sind schwarz oder Latinos. Jede fünfte Familie lebt von weniger als 25 000 Dollar im Jahr. Weil Richmond noch im Einzugsbereich des Silicon Valley liegt, deckt das oft nicht einmal die Miete. Arbeitslosigkeit ist ein Problem, Drogen sind es auch.

Aber die vielleicht größte Herausforderung für Richmond sind die Gangs. Es gibt in der Stadt verschiedene, die sich befehden. Meist schießen sie aufeinander, doch immer wieder treffen die Kugeln auch Unbeteiligte.

Vor ein paar Jahren wurde ein Junge in einer Kirche angeschossen, obwohl er gar nicht gemeint war. Kürzlich wurde ein Kleinkind verletzt, als ein Feuergefecht auf einem Freeway vor Richmond ausbrach, bei dem die Projektile auch in die Autos von zufällig Vorbeifahrenden einschlugen.

In den Jahren bevor Boggan im Rathaus die Schecks überreichte, waren die Dinge wieder einmal besonders schlimm. Es wurde so oft auf den Straßen von Richmond geschossen, dass sich viele Anwohner nicht einmal mehr die Mühe machten, die Polizei zu rufen.

Die Mordrate stieg von hoch auf astronomisch hoch. Im Jahr 2007 etwa verloren in Richmond 47 Menschen gewaltsam ihr Leben. Für eine so kleine Stadt ist das sehr viel. In anderen kalifornischen Gemeinden vergleichbarer Größe starben im selben Jahr gemittelt weniger als fünf Bewohner. Statistiken zeigen, dass Richmond damals einer der zehn gefährlichsten Orte der Vereinigten Staaten war.

Manche Bewohner begannen darum zu bitten, der Bürgermeister solle die Nationalgarde zur Hilfe rufen.

Es geht um Menschenleben – und Geld

Das ist heute eine ferne Erinnerung. Seit Boggan seine Arbeit in der Stadt aufnahm, ist die Zahl der Schusswaffendelikte um drei Viertel gesunken. 2013 etwa gab es in Richmond 16 Morde – die niedrigste Zahl seit drei Jahrzehnten. 2014 waren es 11 gewesen.

Es lässt sich nicht beweisen, dass dies allein auf sein Tun zurückzuführen ist. So stellte Richmond etwa zeitgleich mit Boggan auch einen neuen Polizeichef ein, der einiges veränderte. Er bemühte sich zum Beispiel, die Zusammenarbeit mit den Bürgern zu verbessern.

Will das Problem der Gewalt pragmatisch angehen: DeVone Boggan

Doch es spricht viel dafür, dass Boggans verrückt wirkende Idee eine entscheidende Rolle gespielt hat. Richmonds Bürgermeister Tom Butt lobte Boggans Arbeit jüngst als „außergewöhnlich“. Abgeordnete des US-Kongresses haben Interesse an seiner Initiative gezeigt. Und in anderen Städten – darunter Washington und Toledo in Ohio – denkt man ernsthaft darüber nach, die Idee zu kopieren.

Einerseits freut sich Boggan über die Aufmerksamkeit. Er stammt ursprünglich aus Michigan und arbeitet bereits seit vielen Jahren in der Jugendarbeit. Andererseits aber ärgern ihn die Schlagzeilen auch ein wenig. Denn ganz so einfach, wie es dort meist klingt, ist es nicht.

Es geht nicht nur um die Geldgeschenke. Alles begann mit einer neuen Dienststelle, die die Stadt auf Boggans Vorschlag hin einrichtete: das Büro für Nachbarschaftssicherheit (ONS).

Dort arbeiten sechs Nachbarschaftsagenten, von denen die meisten einmal Kriminelle waren, die oft lange wegen Gewaltdelikten im Gefängnis saßen.

Sie sind täglich stundenlang in Richmond unterwegs, suchen Kontakt zu den Gangs, halten Schwätzchen und horchen genau hin, was auf der Straße erzählt wird. Zwischen welchen Banden drohen Konflikte? Wer plant eine Schießerei? Welche Gangmitglieder sind besonders gefährlich? Just diesen jungen Männern – meist sind sie zwischen 14 und 25 Jahre alt – schlagen die Agenten einen Deal vor.

Sie bieten an, ihnen mindestens 18 Monate lang, de facto oft länger, tatkräftig dabei zu helfen, ihr Leben neu auszurichten. Gewöhnlich sind die jungen Gewalttäter in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Oft fehlte der Vater, weil er tot, inhaftiert oder abgehauen war. Viele haben die Schule abgebrochen und keinen Job.

Mithilfe der Streetworker erarbeiten die jungen Kriminellen eine Liste von Zielen. Das kann der Wunsch sein, einen Drogenentzug zu schaffen, den Schulabschluss nachzuholen, eine Arbeitsstelle zu finden oder zu studieren. Anschließend hilft das ONS ihnen, das zu verwirklichen. Es sucht ein Schulprogramm in der Nachbarschaft, sodass sich ein Jugendlicher nicht in Lebensgefahr bringen muss, wenn er auf dem Weg zum Unterricht das Revier einer anderen Gang durchquert. Oder es hilft Jugendlichen, den Führerschein zu machen, ohne den viele Jobs unmöglich sind. Droht eine Familie obdachlos zu werden, bemühen sich die ONS-Mitarbeiter, eine Wohnung für sie zu finden. Sie gehen mit den jungen Männern zum Arzt für meist überfällige Untersuchungen; vermitteln Kontakte zu älteren, wohlhabenden Mentoren; organisieren Reisen und ermöglichen finanzielle Zuschüsse für Praktika, um den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern.

Nach den ersten sechs Monaten können Programmteilnehmer ein monatliches „Stipendium“ von bis zu tausend Dollar bekommen, meist liegt es zwischen 300 und 700 Dollar. Die genaue Höhe hängt davon ab, wie eifrig einer seine neuen Lebensziele verfolgt. Im Gegenzug müssen die Jugendlichen nur eines: versprechen, nicht mehr zu schießen.

Weiß, wie es auf der Straße zugeht und was die Jugendlichen brauchen: Sal Garcia

Das ist alles. Ein Programmteilnehmer braucht nicht seine Waffe abzugeben. Er muss auch nicht schwören, dass er fortan gesetzestreu leben werde. Vielmehr kann er sogar, wenn er das will, weiter mit Drogen handeln oder sein Geld als Zuhälter verdienen. Solange er dabei nicht schießt.

„Möchte ich, dass jemand Zuhälter ist? Natürlich nicht. Und wir werden auf ihn einwirken“, sagt Boggan. Aber wirklich wichtig ist ihm das nicht. Denn das ONS hat nur ein einziges, klar definiertes Ziel: Es will Schießereien verhindern. Zum Wohl des Jugendlichen und zum Wohl der Gesellschaft.

Neben Lob bringt das Boggan auch viel Ärger ein. Er wird beschimpft und verhöhnt. Manchmal muss er sich zwingen, nicht auf die Kommentare zu schauen, die Leser unter die Medienberichte zu seinem Programm schreiben. Oft schlägt ihm daraus regelrechter Hass entgegen.

Denn was Boggan tut, verstört viele. Es beleidigt die Vorstellung vieler davon, wie die Welt funktionieren sollte. Sie wollen, dass jeder im Leben kriegt, was er verdient. Aber Boggan stellt das einfach auf den Kopf.

„Hey, Little Bobby!“, ruft Sal Garcia.

Er steigt auf die Bremse, legt den Rückwärtsgang ein und rollt zurück zu dem Jugendlichen, den er gerade im Vorbeifahren auf dem Bürgersteig erkannt hat. Der Junge blickt aufgeschreckt hoch, und für einen Moment scheint er zu überlegen, ob er sich um die nächste Hausecke verdrücken soll. Dann schlendert er doch heran und lehnt sich ins offene Autofenster. Er muss dabei seine Jeans festhalten, die der Mode folgend so tief sitzt, dass sie droht, zu den Knien hinunterzurutschen. Sein Gesicht ist rundlich glatt. In der freien Hand trägt er zwei wassergefüllte Luftballons: Wasserbomben.

Doch der kindliche Eindruck trügt. Little Bobby – so sein Straßenname – mag kaum älter als 16 Jahre sein, aber er gilt als jemand, der nicht zögert zu schießen. Sal ist einer der ONS-Mitarbeiter, und er verschwendet keine Zeit mit Smalltalk.

„Ich such’ dich überall, Mann. Über dich wird viel geredet“, sagt der Agent.

„Quatsch“, meint Little Bobby.

„Ja, ist vielleicht Schwachsinn. Aber du weißt ja, wie es ist, wenn auf der Straße erst einmal was erzählt wird … Warum gehen wir nicht essen? Ich lad’ dich ein. Gib mir mal deine Nummer, dann machen wir etwas aus.“

Er habe gerade kein Handy, sagt Little Bobby. Zum Telefonieren leihe er sich das von seiner Mutter. Aber er wartet geduldig, bis Sal seine eigene Nummer auf einen Zettel notiert hat, und steckt diesen ein, bevor er mit seinen Wasserbomben davonschlendert.

„Man muss sie schälen wie eine Zwiebel“, sagt Sal, während er das Fenster hochrollt und davonfährt. „Schicht um Schicht, bis sie einem vertrauen.“

Der arme Hinterhof von San Francisco: In Richmond ist vom kalifornischen IT-Boom wenig angekommen

Die Viertel, in denen er und seine Kollegen unterwegs sind, zählen zu den ärmsten der Stadt. Viele Häuser sind heruntergekommen, in manchen Vorgärten steht das Unkraut kniehoch. Auf der Straße liegen Glasscherben. Hier und da lungern Grüppchen junger Männer auf den Bürgersteigen herum. Sie spielen mit Würfeln um Geld, rauchen Joints; sitzen auf den Motorhauben von Autos mit eingedellten Karosserien und knutschen mit Mädchen. Man muss davon ausgehen, dass eine ganze Reihe von ihnen versteckt Waffen am Körper trägt.

Es dauert, bis man ihr Vertrauen gewinnt. Viele Gangmitglieder zögern lange, ob sie sich dem Programm anschließen sollen. Und tun sie es doch, geschieht das selten wegen des Geldes. Denn: Wer mit Drogen handelt, kann leicht viel mehr verdienen. Interessanter ist für sie etwas ganz anderes: die Reisen.

Mehrere Male pro Jahr organisiert das ONS Exkursionen. Führen diese über die Grenzen von Kalifornien hinaus, müssen sich Programmteilnehmer, die mitwollen, bereit erklären, mit einem Mitglied einer feindlichen Gang zu reisen. Häufig führt das dazu, dass aus Feinden Freunde werden.

Anfangs erscheint vielen die Idee, mit einem Widersacher unterwegs zu sein, nahezu unvorstellbar. Trotzdem können sie nicht widerstehen. Wer als Gangmitglied in Richmond aufwächst, kommt so gut wie nie aus seinem Viertel heraus. Es zu versuchen wäre lebensgefährlich. Als ONS-Programmteilnehmer aber sehen die Jugendlichen etwas von der Welt. In den vergangenen Jahren reisten die Sozialarbeiter mit Gangmitgliedern unter anderem nach Südafrika, Mexiko, Großbritannien und Dubai. Flug, Unterkunft, Sightseeing – alles bezahlt. Manchmal spendierte das Programm vorab auch noch neue Kleidung.

Gerecht scheint dieses Programm vielen nicht. „Ich habe noch nie auf jemanden geschossen. Wo ist meine Belohnung?“, ärgert sich einer in einem Onlineforum, stellvertretend für viele.

Aber Boggan muss man mit solchen Fragen nach Fairness nicht kommen. Sein Bruder wurde erschossen. Er kennt das Leid, die Wut und das Verlangen, sich an den Tätern zu rächen. „Aber wen kümmert es, ob die Jugendlichen verdienen, was wir ihnen geben, wenn es hilft?“, fragt Boggan.

Jeder in den USA lebt mit der Gewissheit, dass ein Fremder auf der Straße jederzeit einen Revolver ziehen kann. Doch die wenigsten machen sich bewusst, dass Waffengewalt auch ein kostspieliges Problem ist. Alles in allem bezahlt die amerikanische Gesellschaft jährlich gut 229 Milliarden Dollar für Morde mit Schusswaffen, ergab eine Untersuchung des US-Magazins »Mother Jones« im vergangenen Jahr. Allein die polizeiliche Untersuchung einer einzigen Schießerei kann mehrere Hunderttausend Dollar verschlingen, schätzen Experten. Zählt man die Ausgaben für medizinische Rettungsversuche, Gerichtsverfahren, den Betrieb von Gefängnissen für die Täter und andere Unkosten hinzu, kann ein Mord mehr als 17 Millionen Dollar kosten.

Zum Täter werden nur wenige

Gary Slutkin, Epidemiologe an der Universität von Illinois, ist davon überzeugt, dass sich mithilfe der Statistik ziemlich sicher vorhersagen lässt, wo Gewalt ausbrechen wird. Entscheidend sei, ob dort – in einem Viertel, in einer Straße – zuvor schon einmal Gewalt ausgebrochen sei.

Experten wie er vergleichen Waffengewalt mit der Ausbreitung von Krankheiten: Das Muster erinnert sie an Epidemien, wie sie die Grippe oder andere Erkältungskrankheiten auslösen können. Sie breiten sich aus, nachdem jemand sie in eine zuvor gesunde Gruppe hineingetragen hat. „Gewalt verhält sich in diesem Sinn wie eine Infektionskrankheit“, sagt Slutkin.

Denn wer Gewalt erlebt, neigt eher dazu, selbst gewalttätig zu werden. Für Wissenschaftler wie Slutkin ist das in mancher Hinsicht eine gute Nachricht. Es bedeutet, dass sich Schießereien nicht willkürlich entladen. Vielmehr lassen sie sich oft zu einer Kerngruppe von „Infizierten“ zurückverfolgen, die den Gewaltvirus durch ihre Taten wiederum weiterverbreiten. Gelingt es jedoch, die Übertragung zu stoppen, etwa indem man bereits „befallene“ Individuen isoliert und gewissermaßen „impft“, kann dies den Rest der Gesellschaft schützen.

Genau darauf läuft das ONS-Programm hinaus. Boggan erinnert sich noch an den Tag, an dem ihm die Idee für die Initiative kam. Er hatte in einem Meeting mit Polizeivertretern gesessen und eine Schätzung gehört, wonach 17 Täter für rund 70 Prozent der Gewaltverbrechen in Richmond verantwortlich seien. Nur 17, staunte Boggan, eine überschaubare Zahl.

Will schon seiner Familie wegen etwas gegen<br/>die Gewalt tun: Joe Mc Coy

Er hat berechnet, dass es jährlich knapp 25 000 Dollar kostet, ein Gangmitglied im ONS-Stil zu betreuen. Ließe sich also pro Teilnehmer auch nur eine einzige Schießerei verhindern, wäre das finanziell bereits ein Gewinn. Und für die Steuerzahler von Richmond kommt das Ganze sogar noch billiger. Denn das ONS finanziert die Reisen und monatlichen Stipendien aus privaten Spenden.

Unbehagen löst jedoch aus, dass noch viele andere Jugendliche unter sozial schwierigen Bedingungen leben. Sie würden ebenfalls davon profitieren, wenn ihnen jemand ein paar Hundert Dollar im Monat zusteckte; sie auf Reisen mitnähme; ihnen Praktika bezahlte. Doch weil sie nicht gewalttätig und kriminell werden, fallen sie nicht unter das Mandat des ONS.

Dagegen muss ein Gangmitglied, das dem ONS-Programm beitritt, nie fürchten, wieder hinausgeworfen zu werden. Selbst wenn er doch wieder zur Waffe greift, wie es schon vorkam. „Die jungen Männer, die wir aufnehmen, sind aktive, tödlich schießende Gewalttäter“, sagt Boggan. Werden sie rückfällig, beweist das für Boggan letztlich nur, dass das ONS die Richtigen für seine Anstrengungen gefunden hat.

Bilder, die man nicht vergisst

Das macht sein Programm für viele schwer verdaulich. Sein Erfolg konfrontiert sie mit einer unangenehmen Wahrheit: Manche Probleme lassen sich möglicherweise nur lösen, wenn die Gesellschaft bereit ist, auf einige Prinzipien zu verzichten.

Von den 68 Gangmitgliedern, die das Programm in Richmond bisher durchlaufen haben, sind 80 Prozent nicht wieder wegen Waffendelikten mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Und bis auf vier leben alle noch, was ebenfalls nicht selbstverständlich ist.

Der Wandel zeigt sich auf der Straße. „Früher drehte sich in Richmond alles um Racheakte. Jetzt versuchen wir, schon vorab einzuwirken“, sagt Joe Mc Coy, ein weiterer Streetworker. Wenn er durch die Stadt fährt, sieht er überall Dinge, die ihn daran erinnern, warum seine Arbeit wichtig ist: etwa der Zaun, an dem einst ein junger Mann hing, der erschossen wurde, als er versuchte, hinüberzuklettern. Die weiße Sitzbank im Garten des Einfamilienhauses, auf dem die Leiche eines anderen Jugendlichen lag. Die bemalten Motorradhelme an einem Zaun, die einem weiteren Opfer gedenken. Der Tote war erst zwölf Jahre alt.

Joe Mc Coy hat drei Söhne und rund zwei Dutzend Neffen und Nichten. „Ich will aus ganz eigennützigen Gründen, dass die Gewalt zurückgeht“, sagt der 46-Jährige.

Dass ihm und seinen Kollegen bald die Arbeit ausgehen wird, ist nicht zu erwarten. Jüngst stieg die Zahl der Morde in der Stadt sogar wieder. Dennoch glaubt Mc Coy nicht, dass die alten Zeiten wiederkehren. „Die Zahl der Schießereien geht weiter zurück“, sagt er. „Die Schützen treffen nur besser.“

Bei seiner letzten Tour durch die Stadt an diesem Tag winkt ihn ein Zwölfjähriger an den Straßenrand. „Wann kann ich ins Programm?“, fragt er Joe. „Ich will verreisen. Mit meinem Feind habe ich mich schon arrangiert.“

„Wir arbeiten dran“, sagt Joe. ---