Vai Kai

Das Start-up Vai Kai verbindet zwei Spielzeugwelten, die bislang unvereinbar schienen.





• Skeptiker können Matas Petrikas nicht von seiner Idee abbringen. Um sie zu verwirklichen, hat er sogar seinen gut bezahlten Job als Entwickler beim Online-Musikdienst Soundcloud gekündigt. „Natürlich hatte ich Angst vor diesem Schritt“, sagt er. „Aber ich wollte dieses Stück Zukunft, das man in die Hand nehmen kann, unbedingt bauen.“

Gemeint sind Holzpuppen, die dank eingebauter Mikrochips auf Geräusche, Licht oder Berührungen reagieren. Petrikas und seine Geschäftspartnerin Justyna Zubrycka haben diverse Prototypen entwickelt und lassen gerade in einer Werkstatt in Polen den ersten Schwung produzieren. Am Ende sollen die Puppen mehr als ein Dutzend Gefühle ausdrücken können: etwa vor Freude juchzen, ärgerlich brummen, sich fürchten oder gähnen. Nähern sich zwei Puppen, spürt man ein Vibrieren im Innern, als ob das Herz rase. Berühren sie ihre Gesichter, geben sie ein Kussgeräusch von sich. Daher wollen Petrikas und Zubrycka die Puppen nur paarweise verkaufen. Avakai Twins heißt das Produkt.

Auf die Idee kam Petrikas in seiner Rolle als Vater. Als technikbegeisteter Mensch ließ er seine beiden kleinen Töchter so viel mit dem iPad spielen, wie sie wollten. Doch dann beobachtete er, dass sie vom stundenlangen Spielen abgestumpft wirkten. Den Kindern nur noch technikfreies Spielzeug vorzusetzen kam für ihn nicht infrage, zumal er das Problem vor allem beim Bildschirm sah. Digitales Spielzeug, dachte er, müsse physisch werden. Die Technik müsse sich ins fantasievolle Spiel der Kinder einfügen, statt sie an den Bildschirm zu fesseln.

Zufällig trifft er im Herbst 2014 in Berlin die Spielzeug-Designerin Zubrycka. Sie stellen fest, dass sie dieselbe Vorstellung haben. Matas kann programmieren, Zubrycka basteln. Sie bauen binnen 24 Stunden den ersten Prototyp: einen Schaumstoffball mit Sensoren, den die Kinder durch verschiedene Steckteile verändern können. Und obwohl er hakt und stottert und sich nicht besonders gut anfühlt – die Kinder, denen sie den Ball zum Test in die Hand geben, sind begeistert. Der Reiz liege in der Interaktion, glauben die Erfinder. Oder wie es Zubrycka ausdrückt: „Ein Spielzeug besteht nicht aus Funktionen, es lebt durch Äußerungen.“

Im Februar 2015 gründen Petrikas und Zubrycka in Berlin ihre Firma Vai Kai. Mit weniger als 150 000 Euro aus eigenem Vermögen und dem Kapital von Business Angels entwickeln sie den Ball zu den Avakai Twins weiter – und starten damit den Versuch, zwei bisher völlig voneinander getrennte Spielzeugwelten zu verbinden: elektronisches Spielzeug mit solchem aus Holz.

Kinder mögen, wenn es blinkt, pfeift und leuchtet, doch unter pädagogischen Gesichtspunkten gilt elektronisches Spielzeug als minderwertig. Ende vergangenen Jahres wurde das einmal mehr von Forschern der Northern Arizona University bestätigt. Sie hatten 26 Kleinkinder, die zwischen 10 und 16 Monate alt waren, mit verschiedenen Spielzeug-Sets ausgestattet und festgestellt: Waren die Kinder mit einem Baby-Laptop oder einem sprechenden Bauernhof beschäftigt, kommunizierten sie weniger als beim Spiel mit Puzzles oder Bauklötzen.

Holzspielzeug erlebte mit Aufkommen der Öko-Bewegung in den Achtzigerjahren einen Boom. Es gilt als natürlich, langlebig und wegen seiner Schlichtheit als förderlich für die Kreativität. Als Gegenentwurf zum elektronischen Plastikspielzeug. Die Umsätze sind nach der Hochphase in den Neunzigern stabil. Wolfgang Schühle, Vorsitzender der Fachgruppe Holzspielzeug im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie und Geschäftsführer der Firma Margarete Ostheimer, die seit 70 Jahren handgefertigte Spielfiguren aus Holz herstellt, sagt: „Elektronik im Holzspielzeug kann in der Nische Sinn ergeben.“ Was aber die Holzpuppen von Vai Kai angeht, ist er skeptisch: Wer Holzspielzeug für Kleinkinder wolle, kaufe keine Elektronik.

Petrikas und Zubrycka halten das für unzeitgemäß. Das vernetzte Holzspielzeug passt ihrer Meinung nach perfekt zu Eltern, die Whatsapp-Nachrichten mit dem Waldkindergarten austauschen und das Spielzeug für ihre Lieben sorgfältig auswählen. Sie wollen wie derzeit auch der weltgrößte Spielzeughersteller Lego Langlebigkeit, Fantasie und digitale Technik verbinden und zielen dabei auf die erste Generation der Digital Natives, die jetzt Kinder bekommen. „Allein in den USA sind das bislang zehn Millionen Eltern, und es werden jährlich mehr“, sagt Petrikas.

Die Avakai Twins sind bewusst schlicht gehalten. Ihr Gesicht hat weder Mund noch Nase, lediglich schwarze Knopfaugen. Zudem sind sie geschlechtslos. Die Kinder sollen ihrer Fantasie freien Lauf lassen und sie mal wie eine Prinzessin verkleiden können, mal wie Superman. Allein eine LED am Bauch deutet darauf hin, dass in den Puppen Elektronik steckt: ein Gyroskop, ein Drucksensor, ein Vibrationsmotor, ein Soundmodul sowie ein Bluetooth-Funkmodul. Einen Bildschirm gibt es nicht. „Less screen time, more play“ lautet das Firmenmotto.

Ende dieses Jahres soll der reguläre Verkauf beginnen: Erst mal über die Homepage, später dann in Läden in Großstädten. Die 400 Test-Puppen, die gerade produziert werden und 139 Euro kosten, sind bereits verkauft. ---