Partner von
Partner von

Glice

Eine perfekte Eislaufbahn – ohne Eis. Diese Idee ließ einen Basken Jahrzehnte nicht los. Nun hat er mithilfe eines Schweizers ein vielversprechendes Geschäft daraus gemacht.




• „Die Idee ist genial“, dachte Toni Vera, als er in Kanada das erste Mal mit seinen Eishockey-Schlittschuhen ein paar Runden auf synthetischem Eis drehte. „Aber die Umsetzung ist mies.“ Die Kufen glitten nicht gut über den Kunststoff und mussten zudem nach kurzer Zeit neu geschliffen werden. Der Puck ließ sich nicht gut führen und schießen. Da dachte Vera sich: „Es kann nicht sein, dass wir das in Europa, mit den besten Kunststoffherstellern der Welt, nicht besser hinbekommen.“

Das war Ende der Neunzigerjahre, der Baske studierte damals Sportwissenschaften und spielte als Halbprofi in der ersten spanischen Eishockey-Liga. Es gab acht Eishockeyfelder in Spanien, fast alle im Norden des Landes. Bespielbar waren sie nur für ein paar Monate im Jahr, denn unter spanischer Sonne ist der Betrieb von Eisflächen mit Kühlaggregaten im Sommer nicht möglich und im Frühjahr und Herbst zu teuer. Die Mannschaft von Vera flog daher regelmäßig zum Training nach Kanada. Aber selbst dort, wo Eishockey Volkssport ist, waren die Eisflächen knapp.

Notlösungen aus Hartplastik wurden in Nordamerika schon in den Achtzigerjahren installiert. Die wirtschaftlichen Vorteile liegen auf der Hand: Der Kunststoff braucht keinen Strom zur Kühlung und muss auch nicht stündlich mit einer dünnen Wasserschicht überzogen werden, die das verkratzte Eis wieder glättet. Toni Vera, damals Ende zwanzig, träumte von „Dutzenden Kunststoff-Eisbahnen“ in seiner warmen Heimat. Allerdings müsste synthetisches Eis dem natürlichen viel ähnlicher werden. Das war sein Plan.

Mittlerweile hat seine Firma Glice mit Hauptsitz in der Schweiz rund 200 Kunststoff-Eisbahnen in 60 Ländern verkauft. Die ehemalige Schweizer Welt- und Europameisterin im Eiskunstlauf, Denise Biellmann, wundert sich im Schweizer Fernsehen, „wie gut es gleitet“. Im ersten Quartal dieses Jahres sind nach Firmenangaben zehnmal so viele Bestellungen eingegangen wie im Vorjahreszeitraum. Die Kunststoffplatten werden von einem mittelständischen Hersteller in Deutschland exklusiv produziert. Toni Veras Unternehmen hat acht Vollzeit-Mitarbeiter, Vertriebspartner in aller Welt – und eine bewegte Geschichte.

Der Marketingmann und der Tüftler: Toni Vera und Viktor Meier (rechts).

Um die Jahrtausendwende schloss Vera sein Studium und seine Eishockey-Karriere ab. Sein erster Job beim spanischen Wintersportverband ließ ihm genug Zeit, seine Idee zu verfolgen. Er schrieb die „besten Kunststoffhersteller der Welt“ in Italien, den Niederlanden und Deutschland an. Ob sie Lust hätten, Kunststoffeis zu entwickeln, das hält, was es verspricht. Die meisten antworteten gar nicht. „Die anderen stellten immer nur die Gegenfrage: Wie viele Tonnen brauchen Sie von welchem unserer Produkte aus unserer Angebotspalette?“ Toni Vera antwortete: „Das weiß ich nicht. Ich muss erst einmal eine gute Eisbahn hinstellen, um Kunden zu überzeugen.“ Einen Kooperationspartner fand er nicht. Machte aber dennoch weiter, experimentierte mit Standard-Kunststoffen, erwirkte kleine Veränderungen des Materials und baute erste kleine Bahnen für Stadtfeste.

Der Feierabendentwickler fand einen Kompagnon. Man gründete eine Firma, nennenswerte Umsätze machte diese nicht, trotz wohlwollender Berichte in der spanischen Presse. 2011 wurde ein Fernsehreporter der BBC auf die spanischen Kunsteisbahnen aufmerksam. Der fand eislaufende Kinder in kurzen Hosen skurril und drehte einen Bericht. In einem kurzen O-Ton erklärte der Entwickler, „warum Kunststoff die Dinge für seinen Sport so viel einfacher macht“.

In Luzern sah Viktor Meier den Bericht, ermüdet und frustriert von seinem Job im Marketing und Vertrieb eines Hörgeräteherstellers. Ihm leuchtete die Idee sofort ein. Er suchte den Namen Toni Vera im Internet und schrieb diesem eine E-Mail. Ein paar Tage später sprachen die beiden miteinander.

Eishockey an der Copacabana – warum nicht?

Vera war zunächst skeptisch, „was das für ein verrückter Schweizer Typ ist, der mich da kontaktiert und nicht lockerlässt“. Meier flog ins Baskenland, mit klaren Vorstellungen im Gepäck: „Wir müssen erst eine Marke bauen, dann einen Vertriebsplan erstellen und damit dann zu Kunststoffherstellern gehen, um sie zu überzeugen, mit uns gemeinsam das beste synthetische Eis der Welt zu entwickeln.“ Der Schweizer hatte damals 100 000 Franken gespart und war bereit, sie in eine gemeinsame Firma zu stecken, die er Glice nennen wollte. „Glide und ice zusammengezogen, ganz einfach.“ Toni Vera schlug ein. Und Viktor Meier, in jungen Jahren dreifacher Schweizer Meister und Dritter bei den Europameisterschaften im Karate, kündigte seinen Job, bei dem er „eh nichts bewirken konnte“.

Ein Detail nach dem Einbau.

Rund sechs Monate dauerte es, bis die Marke entwickelt und ein Businessplan geschrieben war, der einen Kunststoffhersteller in Nordrhein-Westfalen überzeugte, bei dem Projekt mit ins Risiko zu gehen. Dessen Namen geben die beiden Glice-Gründer nicht preis, die Angst vor Industriespionage ist groß. Ihre Bahnen sind nicht durch ein Patent geschützt, sondern nur durch das Wissen, wie genau Polymere, Silicon und einige Additive gemischt und verarbeitet werden müssen, damit sich synthetisches Eis zumindest fast so anfühlt wie richtiges.

Während Toni Vera gemeinsam mit dem Produzenten daran arbeitete, „die Lücke zu richtigem Eis immer kleiner werden zu lassen“, begann Viktor Meier, mit Materialproben, animierten Fotos und Schweizer Fahne im Logo um die Welt zu reisen. Der erste Vertragsabschluss war aus PR-Sicht ein Volltreffer: Das größte Casino-Hotel-Resort der Welt, das „Venetian“ im chinesischen Macau, kaufte eine Bahn. Mit diesem Referenzobjekt kam der Durchbruch. Glice verkauft und verleast seine Bahnen seitdem an Luxushotels, Freizeitparks und Event-Veranstalter. Sie stehen fest installiert oder auch nur für ein paar Wochen in Einkaufszentren, auf Weihnachtsmärkten oder auf dem Hauptplatz von Doha, der Hauptstadt von Katar. Ein Scheich ließ sich eine Bahn zum Fest des Fastenbrechens einfliegen, samt ukrainischer Eistanztruppe.

Zu den Kunden zählen Eishockeyclubs und -schulen in den USA, Schweden und Russland, darunter die zwölf Schulen des Ex-Eishockey-Stars Cliff Ronning. Für den österreichischen Konzern Red Bull baute Glice eine sogenannte Slapshot-Station. Das ist eine Art Torwand für Eishockey-Spieler, bei der die Geschwindigkeit der Schüsse per Radar erfasst wird. Die Schussstation gehört nun auch zum festen Sortiment. Gerade kommt Meier von einer Asienreise zurück. Mit einer Delegation des Schweizer Bundespräsidenten war er in China und hat über eine Bahn am Ort der Olympischen Winterspiele 2022 nahe Peking verhandelt. Er war bei tropischen Temperaturen in Südkorea und Thailand, wo sich sein Produkt von selbst erklärt. In Kambodscha wird Glice zu Sonderkonditionen eine Bahn für Kinder bauen, die Schlittschuhlaufen nur als Sport der Reichen aus dem Fernsehen kennen.

Inzwischen macht das spanisch-schweizerische Joint Venture siebenstellige Umsätze. „Wir sind auch profitabel“, versichert Viktor Meier. Gibt aber auch zu: „Ein Selbstläufer ist der Verkauf einer Eisbahn aus Kunststoff nie.“ Puristen wollen echtes Eis, schon wegen der Atmosphäre. Die Kufen klacken und kratzen auf Kunsteis nicht. Auf einem Weihnachtsmarkt muss Eis sich nach Winter anfühlen und nicht nach Plastik. Beim Eiskunstlauf sind bestimmte Sprünge nicht möglich. Abruptes seitliches Bremsen fühlt sich für Eishockey-Spieler auch nicht an wie auf dem Original.

Schnee darf, muss aber nicht sein: Glice-Bahn des Hotels „The Chedi“ in Andermatt

Die Glice-Gründer hoffen auf eine ähnliche Entwicklung wie bei den Kunstrasenplätzen im Fußball. „Die hatten zunächst auch einen schlechten Ruf als billige Notlösung gegenüber echtem Rasen“, sagt Meier. „Aber das Material wurde immer besser, und je mehr Plätze installiert waren, desto mehr wurden sie akzeptiert.“ Heute sind Kunstrasenplätze in aller Welt ein Milliarden-Geschäft. Einige Fußball-Profi-Ligen spielen auf ihnen, beim Feld-Hockey sind sie seit Langem der Standard.

Die synthetischen Eisbahnen hinken da noch weit hinterher. Dabei dürften die Vorteile beim Unterhalt und auch bei der Umweltfreundlichkeit noch größer ausfallen. Um Kunden zu ködern, bieten Meier und Vera Komplett-Pakete an, inklusive Bande, Leih-Schlittschuhe und Schleifmaschinen für die Kufen und professionelle Reinigungsmaschinen, wie man sie von der Bodenreinigung am Flughafen kennt. Das ist die einzige Pflege, die eine Synthetik-Eisbahn ab und an braucht. Eine rund 400 Quadratmeter große Fläche kostet etwas mehr als 100 000 Euro.

„Der Aufbau dauert mit ein paar engagierten Helfern nur wenige Stunden und ist wirklich ganz einfach“, versichert Viktor Meier. Ganz Marketing-Mann liefert er auch ein Bild mit, das die Fantasie anregen soll. „So wird es auch im Sommer in Rio sein, wenn wir während der Olympischen Spiele eine Bahn an der Copacabana aufbauen.“

Wie kompliziert wäre es, dort eine richtige Eisbahn aufzubauen? Toni Vera ist sich sicher: „Das ginge gar nicht.“ Am Strand funktioniert nur die einfache Lösung. ---