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Buttmann stinkt’s

Klärschlamm zu entsorgen ist teuer und schlecht für die Umwelt. Ein Ingenieur hat eine Maschine konstruiert, die beide Probleme lösen könnte.




• Früher flog Marc Buttmann in der Business Class zu Meetings nach Asien, heute schaufelt er Klärschlamm in Düsseldorf. Für ihn ist das ein Fortschritt. Was ihn treibt, ist der unbedingte Ingenieursglaube, dass sich eine kluge Lösung für ein wichtiges Problem irgendwann durchsetzen muss. Doch allmählich kommen ihm da Zweifel.

Das Problem ist schnell erklärt: Kläranlagen sind eine feine Sache, wir liefern ihnen unseren Unrat, und sie geben uns Trinkwasser zurück. Weil die Anlagen meist fernab der Wohngebiete stehen, denkt der gemeine Bürger selten darüber nach, wie das schmutzige Toilettenwasser trinkbar gemacht wird – und was eigentlich mit dem Schmutz passiert.

Der Schmutz in dieser Rechnung heißt Klärschlamm. In Deutschland fallen davon rund neun Millionen Tonnen im Jahr an. Alles, was im Trinkwasser verboten ist, findet sich darin: Schwermetalle, Giftstoffe, Arzneimittelrückstände, Krankheitserreger. Um den giftigen Schlamm loszuwerden, gibt es zwei gängige Methoden, von denen eine schädlicher ist als die andere.

Zum einen kann man ihn verbrennen. Dafür wird der nasse Schlamm teils Hunderte Kilometer zur Verbrennungsanlage gekarrt, um dort eingeäschert zu werden. In Deutschland werden so jedes Jahr 400 Millionen Euro und jede Menge Energie verbrannt. Billiger ist die zweite Möglichkeit: die Brühe an Bauern abzugeben, die sie wegen ihres Phosphorgehalts als Dünger nutzen – im Jahr 2014 waren das mehr als zwei Millionen Tonnen.

Da die Belastung des Bodens – und damit auch des Grundwassers – über die Jahrzehnte bedenklich zugenommen hat, soll das Düngen mit Klärschlamm laut Koalitionsvertrag ganz verboten werden, auf Gemüse- und Obstanbauflächen ist es das heute schon. Doch das Vorhaben hat in der Lobby der Landwirte einen mächtigen Gegner. Schließlich ist der Klärschlamm nicht nur ein guter Dünger, die Bauern bekommen auch Geld dafür, wenn sie ihn abnehmen. Rechtlich handelt es sich dabei um Abfall – der kostenpflichtig entsorgt werden muss.

Die Aussicht, dass in zehn Jahren sämtlicher Schlamm verbrannt werden soll, ist für Umweltschützer kein Trost. Dabei gebe es bereits eine viel bessere Lösung, sagt Marc Buttmann. Für die hat der Ex-Manager die Miles-&-More-Karte gegen eine Mistgabel getauscht. Hydrothermale Karbonisierung heißt seine Antwort, die der 48-Jährige so beiläufig wie eine Alltagsvokabel ausspricht. Das weltmännische Auftreten und der perfekte Sitz seiner Businesshemden zeugen noch von seiner beruflichen Vergangenheit in der Geschäftsleitung eines Mittelständlers, die Kratzer und Schrammen an den Händen vom neuen Leben als Tüftler.

Die Lösung ist – wie das Problem – schnell erklärt. Buttmann hat eine Anlage gebaut, in die er vorn den faulig stinkenden Schlamm pumpt und aus der hinten Kohlebriketts fallen, die nach Röstkaffee riechen. Dabei imitiert er den natürlichen Prozess, der organische Stoffe in Jahrmillionen zu Kohle presst – mit 25 bar Druck und 180 Grad Celsius ist seine Anlage ein Hybrid zwischen Druckkochtopf und Durchlauferhitzer. Die gewonnene Kohle eignet sich zwar nicht zum Grillen zu Hause, doch für Kraftwerke ist sie ein potenter Energieträger.

Die Idee dazu stammt nicht von ihm, sondern von Friedrich Bergius, dessen Entdeckung im Jahr 1913 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet und dann – ordentlich dokumentiert und abgeheftet – weitgehend vergessen wurde. Fast hundert Jahre später würdigte sie das Max-Planck-Institut mit einem Forschungsbericht, der Buttmann in die Hände fiel. Als Manager eines Mittelständlers für Messtechnik, der auch Kläranlagen belieferte, kannte er das Problem mit dem Klärschlamm. Wenn man mit Bergius’ Verfahren Kohle aus Laub pressen konnte, dann müsste das doch auch mit Klärschlamm funktionieren, dachte sich der Ingenieur, der ohnehin gerade zweifelte, ob sein Lebensziel darin bestehen sollte, „irgendeinem Mittelständler den Weltmarktanteil von elf auf zwölf Prozent zu erhöhen“.

Guter Stoff: Kohle aus Klärschlamm brennt genauso gut wie das Original aus dem Tagebau

Er entschied sich für das Wagnis, zahlte aus eigener Tasche 20 000 Euro für eine Machbarkeitsstudie und gab 2008 seinen gut bezahlten Job auf, um Gründer zu werden. Um seinen beiden Kindern mehr zu hinterlassen als Geld, wie er sagt, und „um es zumindest mal versucht zu haben im Leben“. Immerhin war es nur ein „Sprung ins lauwarme Wasser“, denn das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte die Gründung mit einer halben Million Euro – genug für die ersten drei Jahre.

Es könnte so einfach sein …

Sofort heuerte Buttmann zwei Ingenieure an. Bis heute liegt ihr Gehalt im unteren Durchschnitt, dafür bekommen sie Firmenanteile. Wenn alles glattgeht, ist das ein gutes Geschäft. Auf Annehmlichkeiten müssen sie in ihrem angemieteten Büro dafür zunächst verzichten. Ihr erster Arbeitstag begann mit einer Tischplatte aus dem Nachbarraum, die sie am Morgen auf zwei Tapezierböcke gelegt hatten. Computer gab es keine, nur eine Idee und einen überzeugten Chef. „Ich hatte seit Jahren nichts anderes angefasst als eine Laptop-Tastatur“, erinnert sich Buttmann, „und wollte endlich wieder was Eigenes machen.“

In den Folgejahren fand er einen privaten Investor, erhielt zusätzliche Fördergelder sowie renommierte Innovationspreise und stellte drei weitere Mitarbeiter ein. Seine Anlage hat er weiterentwickelt, sodass die während des dreistündigen Vorgangs anfallende Wärme direkt aufgefangen und für den Betrieb der Maschine wiederverwendet wird. Aus dem überschüssigen Wasser gewinnt er zudem einen großen Teil des enthaltenen Phosphors zurück, der Rest fließt wieder in die Kläranlage.

Das klingt nach einer Wundermaschine – und im Prinzip ist sie das auch, doch es hapert an der Umsetzung. Denn obwohl Phosphor ein endlicher Rohstoff ist, dessen Preis auf lange Sicht steigen dürfte, ist er bergmännisch abgebaut höchstens halb so teuer wie bei Buttmann. Das wird sich irgendwann ändern, über die Hälfte des hiesigen Phosphorbedarfs steckt im Klärschlamm – aber darauf kann das Düsseldorfer Start-up nicht warten.

Auch bei der selbst gepressten Kohle gibt es einen Haken. Weil sie immer noch Giftstoffe enthält, gilt sie bis zur endgültigen Einäscherung als Abfall, der nicht verkauft werden darf, sondern kostenpflichtig entsorgt werden muss. Wenn Buttmann seine Fäkalkohle an ein Kraftwerk liefert, dann schaut der Betreiber auf den Lieferzettel, liest „Abfall“ und verlangt eine Entsorgungssumme, statt dafür zu bezahlen. Obwohl die Kohle aus der Kläranlage nicht schlechter brennt als die Konkurrenz aus der Erde. Um die darin gebundenen Gifte kümmerten sich die standardmäßig installierten Filter des Kraftwerks, sagt Buttmann.

Schont die Umwelt und den Geldbeutel: die hydrothermale Karbonisierung

Trotz dieser Unwägbarkeiten lohnt sich die hydrothermale Karbonisierung jetzt schon. Der Gewinn des Verfahrens berechnet sich durch die eingesparten Entsorgungskosten. Weil die Verbrennung viel teurer ist als die Verkohlung, spart die Anlage laut Buttmann für 200 000 Einwohner in Ballungszentren rund 260 000 Euro im Jahr und verringert den CO2-Ausstoß um 2400 Tonnen. Laut einer Studie der Technischen Universität Berlin soll das die Energiebilanz inklusive Entsorgungskette um 70 Prozent verbessern. Durch die Einsparung hätte sich die Anlage nach zehn Jahren amortisiert.

Eigentlich eine simple Rechnung und eine tolle Sache, die jede Kläranlage haben wollen müsste, dachte Buttmann. Doch so leicht ist es nicht. Zurzeit gibt es für Kläranlagenbetreiber schlichtweg keinen Handlungsbedarf. Noch ist die Düngung mit Klärschlamm teilweise erlaubt, und auch wenn das Verbrennen zu teuer ist – bezahlt wird es von Steuergeldern. Bevor sich ein Betreiber mit experimentellen Lösungen aus dem Fenster lehnt, lässt er lieber alles beim Alten. „Volkswirtschaftlich rechnet sich die Karbonisierung heute schon“, sagt Buttmann, „aber Anlagenbetreiber bauen nichts, was sich erst in zehn Jahren rentiert.“

Der Unternehmer sieht jeden Tag auf seinem Konto, was der Betrieb seiner Firma kostet, und weiß, wie lange er damit noch überleben kann. Mit diesem Zeitdruck im Hinterkopf trifft er Kunden, die keinen Leidensdruck haben. „Ich habe gedacht, irgendjemand muss diese tolle Idee doch honorieren“, sagt er, „aber das muss überhaupt niemand. Man steht ganz allein da. Das zu verstehen und auszuhalten war die eigentliche Leistung der vergangenen Jahre.“

Der Geschäftsführer in ihm würde ihm die ganze Sache am liebsten ausreden, doch der hat gerade Sendepause. „Den ganzen Management-Kram fand ich eigentlich immer grässlich“, sagt Buttmann, „innerlich bin ich immer noch so ein begeisterter Ingenieur.“ Doch der stößt unternehmerisch zusehends an Grenzen. Ständig forderten die Betreiber, er möge eine bereits realisierte Anlage vorweisen, bevor sie selbst eine kauften. „Man glaubt mir einfach nicht, egal wie viele Studien ich vorlege.“

Ein Teufelskreis, den der „Düsseldorfer des Jahres 2015“ nun durchbricht, indem er den deutschen Markt ruhen lässt und in China baut. „Ganz schön frustrierend, schließlich wurde diese Firma mit deutschen Steuergeldern aufgebaut“, sagt er. Doch andernorts laufen die Geschäfte besser: Im Januar 2016 unterzeichnete er den Vertrag für seine erste Anlage im ostchinesischen Jining – im Juni geht sie ans Netz. Sein Geld will er nun in Übersee machen. Das hat er nach acht Jahren Entwicklung auch nötig. Ewig wird das zwar nicht funktionieren, denn irgendwann wird man in China das Prinzip durchschaut und kopiert haben. Doch dann – so seine Hoffnung – kann er die gebauten Anlagen den deutschen Zweiflern als Referenz vorweisen und endlich in der Heimat bauen. ---