John Law

John Law war ein Hasardeur, der Frankreich retten wollte: mit der Politik des billigen Geldes.





• Man schrieb das Jahr 1715, und Philipp von Orléans war gerade Regent von Frankreich geworden, als er eine verhängnisvolle Bekanntschaft machte. Er traf den Schotten John Law, ein Mann mit reichlich Selbstvertrauen und großem Charme. Der erklärte dem Herzog, wie man die Schulden Frankreichs schnell beseitigen könne: einfach Geld drucken, so sein Rat. Und weil Staatschefs seit je dankbar sind für solche Kniffe, ließ der Herzog ihn machen.

Ob Philipp von Orléans wusste, auf wen er sich da eingelassen hatte? John Law war berüchtigt. Er wurde 1671 in Edinburgh geboren und zog nach dem Tod des Vaters nach London, wo er sich sein Geld mit Glücksspiel verdiente. Er war ein begabter Kopfrechner und beliebt bei den Frauen in den Salons der Reichen.

Sein Schicksal schien besiegelt, als er bei einem Duell um eine Frau seinen Rivalen tötete. Law wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt, doch auf wundersame Weise gelang ihm die Flucht. Er verließ England und versteckte sich zunächst in den Niederlanden, wo er anfing, sich für das Finanzsystem des Landes zu interessieren.

Dabei fiel ihm etwas auf, das er zuvor noch nirgendwo gesehen hatte: Die Bank von Amsterdam nahm Gold- und Silbermünzen an und gab dafür einfache Papierzettel aus, mit denen die Händler ihre Waren bezahlten. Damals waren Banknoten weitgehend unbekannt, die anerkannte Währung waren Edelmetalle. Doch Law begriff, dass nicht das Zahlungsmittel entscheidend war – sondern das Vertrauen in seinen Wert. Wichtig war also nicht, womit bezahlt wurde, sondern dass Geld zirkulierte, damit eine Volkswirtschaft wachsen konnte. Bei einem Spieler wie Law regte das die Fantasie an.

Aber es dauerte eine Weile, ehe er sie ausleben konnte. Mit seiner Geliebten Katherine Seigneur (1669 bis 1747) zog er durch Europa, sie machten Station in Venedig und Schottland, ehe sie sich in Paris niederließen. Während dieser Zeit verdiente Law das Geld, das die Familie zum Leben brauchte, am Spieltisch. Doch dann veränderte ein Treffen mit dem Herzog von Orléans alles: Law erhielt den Auftrag, Frankreich zu sanieren.

Das war eine Herausforderung. Kurz nach dem Tod von Louis XIV. im Jahr 1715 lasteten vor allem zwei Probleme auf Frankreich: die hohen Schulden und die hohen Zinsen, die sich im letzten Lebensjahr von Louis XIV. auf acht Prozent beliefen.

1716 machte sich Law ans Werk, all das zu ändern. Er gründete mit Genehmigung des Herzogs die Banque Générale, faktisch Frankreichs erste Zentralbank. Es war auch die erste Bank des Landes, die Papiergeld ausgab. Law wollte so viel Geld wie möglich in Umlauf bringen, um die Zinsen zu senken.

Diese Idee hatte er bereits zuvor in einem Brief an den Herzog skizziert: „Ein Überfluss an Geld, der den Zinssatz auf zwei Prozent senkt, würde die Finanzierungskosten der Schulden und der staatlichen Organe senken. Das würde den Druck von den verschuldeten Landbesitzern nehmen. Letztere würden reicher werden, da sie an den verkauften Agrarprodukten mehr verdienen würden. Es würde die Händler reicher machen, da sie dann in der Lage wären, sich zu niedrigeren Zinsen Geld zu leihen, und sie dann Arbeitsplätze schaffen würden.“

Heute würde man sagen: Law plante eine expansive Geldpolitik der Zentralbank, mit dem Ziel, Wachstum zu generieren, Arbeitsplätze zu schaffen und die Finanzierungskosten des Staates zu senken.

Das ging zunächst auf. Die Noten zirkulierten, und eine Zeitlang schien es, als benötigte Papiergeld nur das Ehrenwort des Herzogs als Garantie. Die Zinsen fielen auf zwei Prozent, und in Paris wurden viele Bürger zu Millionären. „Die Wirtschaft bin ich!“, hatte Law einst ausgerufen, als er selber einer wurde.

Derart bestätigt, ging der Schotte auch sein nächstes Projekt an: die Mississippi-Gesellschaft. Diese von ihm gegründete Firma sollte die Goldvorkommen in der französischen Kolonie Louisiana auf dem amerikanischen Kontinent ausbeuten.

Dafür brauchte Law Geld. Also ließ er sich Louisiana vom Herzog übereignen und gab Aktien für die Mississippi-Gesellschaft aus. Die Bürger zeichneten die Volksaktie wie im Rausch – Geld war ja genügend im Umlauf. Das eingesammelte Vermögen investierte Law in den Tagebau und baute das Unternehmen aus.

Zu jener Zeit war er einer der mächtigsten und reichsten Männer Europas. Er übernahm die französischen Außenhan-delsgesellschaften und sicherte sich Monopole für die Steuereintreibung sowie den Tabak- und den Sklavenhandel. Bald fusionierte die Mississippi-Gesellschaft mit der Nachfolgegesellschaft der Banque Générale, der damals größten französischen Bank. Alles lief zu gut, um wahr zu sein. Der Wert der Aktie der neuen Gesellschaft stieg an der Börse gar um das Zwanzigfache. Doch echte Werte wurden nicht geschaffen. Der Kursanstieg war vielmehr eine Folge der lockeren Geldpolitik – tatsächlich war dies eine der ersten Aktienblasen der Geschichte.

Die platzte, als die Anleger davon erfuhren, dass es in Louisiana überhaupt kein Gold gab. Der Kurssturz der Aktie war nicht das einzige dramatische Ereignis, das die Franzosen dieser Tage ereilte. Law hatte auch so viel Geld drucken lassen, dass die Noten an Wert verloren – die Franzosen lernten, was Inflation bedeutete. Und sie reagierten: Jeder, der konnte, versuchte, Papiernoten gegen Sachwerte zu tauschen, was die Preise für Güter aller Art astronomisch steigen ließ. Ende 1720 brach alles zusammen, keiner wollte mehr Papiernoten – Laws System des billigen Geldes war gescheitert.

Die Menschen, die er einst reich gemacht hatte, verfluchten ihn nun so sehr, dass Law wieder fliehen musste. Er starb 1729 in Venedig, wo er in der Kirche San Moisè begraben ist. Dort ehrt ihn ein Gedenkstein mit der Inschrift: „Dem bedeutendsten Schatzmeister der französischen Könige.“ ---