„Uns läuft die Zeit davon“

Wie bewahrt man Medien- und Computerkunst?Ein Besuch bei den Spezialisten des Karlsruher ZKM.





• In den Regalen stapeln sich Hunderte Videobänder in den unterschiedlichsten Formaten, im Raum daneben stehen altertümliche Abspielgeräte und Videorekorder aus den Siebzigerjahren. Im „Labor für antiquierte Videosysteme“ am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) digitalisieren Dorcas Müller, die Leiterin des Labors, und ihre Kollegen gerade das Archiv des Center for Advanced Visual Studies, eine Forschungseinrichtung des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Die rund 300 Bänder sind ein Schatz der frühen Medienkunst, allerdings einer, der langsam verfällt. Genau wie die Arbeiten der New Yorker Raindance Foundation, eine Videoaktivisten-Gruppe der frühen Siebziger um den Künstler Michael Shamberg (einer der Produzenten von Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“). Auch um die kümmert sich das ZKM derzeit. Das New Yorker Museum of Modern Art, das nicht über die nötige Expertise zur Rettung der Archive verfügt, hatte die Karlsruher um Hilfe gebeten.

„Uns läuft die Zeit davon“, sagt Dorcas Müller. „Niemand weiß, wie lange diese Bänder noch haltbar sind.“ Also werden sie am ZKM von Hand gereinigt, und wenn das nicht reicht, in einem Labor-Ofen, wie sie in der biochemischen Forschung verwendet werden, bei konstanter Temperatur gebacken. Das entfernt die Feuchtigkeit aus den Bändern. Im ZKM-Labor können rund 50 unterschiedliche Datenträger-Formate bearbeitet werden. Die Abspielgeräte lassen sich stufenlos einstellen, so können sie der Videobandführung der von den Künstlern verwendeten historischen Maschinen angepasst werden. Nur so lassen sich die Bänder ohne Verfälschungen digitalisieren.

Kaum eine andere Kunst dürfte so vom Verfall bedroht sein wie Medienkunst und die nur äußerst kompliziert zu konservierende computerbasierte Kunst. Die Werke, zu deren Herstellung einst die neuesten Techniken benutzt wurden, altern in Rekordgeschwindigkeit. Verglichen damit ist ein empfindliches Rembrandt-Gemälde ein Werk für die Ewigkeit. „Wären Gemälde so empfindlich wie Computerkunst, wäre kaum eines auch nur bis zum Tod seines Malers erhalten geblieben“, sagt die ZKM-Kuratorin Margit Rosen. „Wenn wir keine Strategie dafür finden, gegenwärtige Kunst, die mit Medien unserer Zeit arbeiten, zu erhalten, wird ein wichtiger Teil der Kunstgeschichte der vergangenen drei, vier Jahrzehnte einfach verschwinden.“

Datenträger verfallen, und auch Präsentations- und Abspielgeräte wie alte Röhrenmonitore und -fernseher, Videorekorder aus den Siebzigerjahren, Glühlampen oder Computer aus den Neunzigerjahren sind nicht ewig haltbar. „Bestimmte Röhren und Leuchtmittel werden nicht mehr hergestellt. Und das nötige Wissen geht auch irgendwann verloren“, sagt Martin Häberle, im ZKM zuständig für die technische Seite der Medienkunstsammlung. „Wenn der Techniker, der für uns all diese alten Maschinen funktionstüchtig hält, in Rente geht, haben wir ein Problem.“

Das ZKM sammelt alte Geräte im großen Stil und lagert sie in den Hochregalen einer Fabrikhalle: Glühlampen, Nadeldrucker, Computermäuse, Beamer, Monitore, einzelne Ersatzteile wie Analog-Digital-Wandler, Rechner der ersten Mac-Generationen und Röhrenfernseher.

Bei Werken mit den seinerzeit bei Künstlern sehr beliebten, weil grafisch brillanten Silicon-Graphics-Rechnern wird es besonders schwierig, die Hardware verfügbar zu halten. Silicon Graphics stellt keine Rechner mehr her. Auch Arbeiten aus den Neunzigerjahren, die auf den frühen Macs laufen, sind gefährdet. „Der Zeitdruck, die frühe computerbasierte Kunst zu erhalten, wird größer“, sagt Rosen. „Wir müssen deshalb gezielt in Forschungsprogramme investieren.“

Viele der Medien- und Videokunstwerke sind nur Kennern bekannt. Man kann fragen, ob jede Underground-Kunstaktion und jedes Medienexperiment der Siebzigerjahre unbedingt aufwendig konserviert werden muss. Aber die Arbeiten der Medien- und Computerkunstpioniere gehören als Reaktionen auf die jeweilige Gegenwart und als sehr spezielle Art künstlerischer Praxis zum kulturellen Gedächtnis – ebenso wie zum Beispiel die Bilder und Filme eines Andy Warhol. Auch der hat seine Kunst nicht im Gedanken an die Ewigkeit produziert. Trotzdem oder gerade deshalb ist sie Jahrzehnte später noch wichtig – nicht zuletzt als Zeitdokument. Was von der frühen Computerkunst von den Menschen der nächsten oder übernächsten Generation mal als richtungsweisend angesehen wird, wissen wir heute noch nicht.

Eines der Geräte im ZKM-Labor ist der Sony CV-2000 von 1965. CV steht für „Consumer Video“ – der allererste Videorekorder, den Amateure zum Preis eines Kleinwagens kaufen konnten. Frühe Medienkünstler wie Nam June Paik arbeiteten in den späten Sechzigern damit. Mit der Technik entstand ein neues Kunstgenre. Das wiederholte sich mit den Experimenten der Computerkunstpioniere in den Siebzigerjahren und wurde spätestens mit der Verfügbarkeit von PCs 20 Jahre später zu einer eigenen Gattung. Die Technik ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Bestandteil des Kunstwerks. Bruce Nauman zum Beispiel schreibt ausdrücklich vor, dass bei seinen Installationen nur die von ihm benutzten Beamer- und Monitor-Typen verwendet werden dürfen.

„Für manche Werke bedeutet es das Ende, wenn ein bestimmter Monitor oder Beamer nicht mehr verfügbar ist. Immer wenn ein Nadeldrucker oder eine bestimmte Maus Teil der Installation ist, muss man eine Lösung finden. Vielleicht hat der Künstler auch einen Analog-Digital-Wandler benutzt, den es nicht mehr gibt“, sagt die Kuratorin Rosen.

Macht nicht nur die Hardware, sondern auch das jeweilige Programm das Kunstwerk aus, wird es noch komplizierter – zum Beispiel durch die Raffinessen der Kompatibilität oder bei proprietärer, also durch Lizenzen geschützter Software. Seit 2011 verleiht das ZKM einen App-Art-Award. Ein Großteil der ausgezeichneten Werke läuft auf dem Apple-Betriebssystem iOS. Damit die ausgezeichneten Apps auch nach den darauffolgenden Software-Updates und Modellwechseln wie vom Künstler beabsichtigt benutzbar sind, kauft das ZKM derzeit auf Vorrat iPads und „friert sie ein“, wie Rosen das nennt.

Richtig schwierig wird es, wenn das Werk wie bei vielen Fluxus-Künstlern eher ereignishaft ist: Hier wird das Vergehen der Zeit selbst zum Thema der Kunst. Zum Beispiel, wenn es aus einem laufenden Prozess besteht, etwa bei einer in Echtzeit erzeugten Grafik oder bei offenen Werken wie Websites, die mit dem Rest der Welt verbunden sind. Oder bei Installationen, die mittels Sensoren auf Bewegungen im Ausstellungsraum reagieren. Und wenn ein Kunstwerk zum Beispiel mit Twitter arbeitet, hängt seine Haltbarkeit davon ab, ob oder wann der Mikroblogging-Dienst sein Geschäftsmodell umstellt.

„Die digitale Kunst stirbt an der Technik, an den begrenzten Möglichkeiten der Institutionen und an der Rechtslage“, sagt Rosen. „Ist eine Kopie, die wir ziehen, schon ein Verstoß gegen das Urheberrecht? Manchmal wissen die Leute, die uns die Künstlerarchive übergeben, schon nicht mehr, was auf den Bändern zu sehen ist und wer daran welche Rechte hat. CD-Roms haben Kopierschutz. Dürfen wir ihn umgehen, um den Inhalt der CD-Rom zu retten?“ ---

Literatur:

Bernhard Serexhe (Hg.): Digital Art Conservation. ZKM, Ambra V; 668 Seiten