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Saubere Sache

Wie man OP-Besteck auch ohne Stromanschluss sterilisieren kann, zeigen zwei Ingenieure aus Kassel.





• Bevor Philipp Odernheimer die rettende Erfindung erklärt, zeigt er das Problem. Dazu hievt er einen handelsüblichen Sterilisator für Operations-Besteck auf den Tisch seiner Werkstatt in Kassel. Das Gerät ist etwa so groß wie ein Aktenkoffer. „Der ist für deutsche Arztpraxen und Krankenhäuser geeignet“, sagt Odernheimer und wedelt mit dem Stecker, „doch in weiten Teilen der Welt ist er unbrauchbar.“

Um Skalpelle, Scheren und Pinzetten von Keimen zu befreien, benötigen solche Sterilisatoren sauberes Wasser und viel Strom. Doch laut der Vereinten Nationen nutzen 1,8 Milliarden Menschen verschmutztes Wasser; mehr als 1,3 Milliarden leben ohne Elektrizität. Die Folge: In Entwicklungs- und Schwellenländern tragen zwei Drittel aller Patienten nach Operationen schwere Wundinfektionen davon. Zudem riskieren sie Infektionskrankheiten wie Aids, Tuberkulose oder Hepatitis.

Philipp Odernheimer hat deshalb mit seinem Geschäftspartner Raphael Schönweitz einen Sterilisator entwickelt, der überall funktioniert. Die Ingenieure kennen sich vom Studium der regenerativen Energien. „Wir wollten eine Wundermaschine bauen“, sagt Schönweitz. Nach jahrelanger Arbeit sowie der Finanzierung durch das Exist-Gründerstipendium und diverse gewonnene Wettbewerbe, sammelten sie per Crowdfunding 42 000 Euro für ihren Prototyp, der im März fertig geworden ist.

Ihr Sterilisator läuft mit Solarenergie und speichert diese für sonnenarme Zeiten. Dabei verbraucht er so viel Strom wie eine kleine Herdplatte. In dem silbernen Gehäuse mit zwei Kammern und einem Wassertank obendrauf sind alle Prozesse vereint: Zunächst wird das eingefüllte Wasser gefiltert und verdampft, wodurch es sich fast vollständig von Mineralien und Mikroorganismen trennt. Mit dem reinen Kondensat wird das OP-Besteck dann in der ersten Kammer gespült, anschließend mit Dampf desinfiziert. Zur Sterilisation wird es im zweiten Fach 15 Minuten lang auf über 120 Grad erhitzt. Der Apparat ist so groß, dass man ihn gerade noch auf den Rücken schnallen kann. Das ist wichtig für den Einsatz nach Naturkatastrophen.

Für ihr Unternehmen suchten die beiden Ingenieure einen Partner, der etwas von Finanzen versteht – und fanden über das Schwarze Brett ihrer Uni den Wirtschaftswissenschaftler Martin Reh. Gemeinsam gründeten sie die RSO Shift GmbH und stellten zwei Mitarbeiter ein. Ihr oberstes Ziel lautet: Technik an ihren Einsatzort anzupassen.

Wie nötig das ist, erlebte Odernheimer auf den Kapverdischen Inseln vor der afrikanischen Westküste. Für seine Bachelor-Arbeit wollte er dort die Aufbereitung von Meer- zu Trinkwasser studieren. Was er vorfand, war eine schmutzige Anlage, die täglich zwei Lkw-Ladungen Diesel fraß und beim Defekt eines einzigen Filters den Betrieb einstellte. Auf der Insel gab es weder die Ersatzteile noch das Know-how, um das Problem zu beheben. 250 000 Menschen waren so ohne Trinkwasser und mussten von den umliegenden Inseln mit überteuerten Flaschen versorgt werden. Es dauerte zwei Wochen, bis die Techniker aus Portugal kamen.

Odernheimer war von diesem Trauerspiel so schockiert, dass er eine solarbetriebene Meerwasserentsalzung entwickelte, mit der er einen Ideenwettbewerb der Universität Kassel gewann. Heute bildet dieses Verfahren die Grundlage seines Sterilisators. Unter der Marke LifeShift wollen Odernheimer und Schönweitz Gerätschaften so optimieren, dass sie möglichst vielen Menschen helfen.

Für den Sterilisator hieß das: Er sollte leicht verständlich, robust und günstig sein. War der Bau des Prototyps noch so teuer wie ein Mittelklassewagen, soll ein LifeShift-Sterilisator einmal weniger als 10 000 Euro kosten. Der Preis für konventionelle Geräte zur Wasserreinigung und Sterilisation beläuft sich nach Aussage der Gründer auf 15 000 Euro. „Wir haben soweit möglich auf Elektronik und bewegliche Teile verzichtet“, sagt Odernheimer, „so muss das Gerät kaum gewartet werden.“ Hat man es nach der Sonne ausgerichtet, trennen einen vom sterilen OP-Besteck nur noch zwei Knopfdrucke und 120 Minuten Wartezeit. Eine Designerin entwirft gerade Piktogramme für eine weltweit verständliche Bedienungsanleitung.

Für Feldversuche in Uganda und Kenia haben die Gründer zusätzlich 28 000 Euro per Crowdfunding gesammelt. Vor Ort werden sie mit Hilfsorganisationen wie Tabitha Global Care zusammenarbeiten, die von HIV betroffene Familien unterstützt. Ihr Vorstandsvorsitzender Reinhard Berle reist seit 1983 jährlich nach Uganda und hat zwei Spitäler im ländlichen Raum von dem Feldversuch überzeugt. Bisher werden Skalpelle dort in einem Kochtopf über dem offenen Feuer gereinigt. Steril werden sie so nicht. „In Uganda sterben sehr viele Menschen aufgrund mangelnder Hygiene“, sagt Berle. „Die Erfindung der Jungs wird dort Wunder wirken.“

Mittlerweile hat die RSO Shift GmbH einen ersten Investor aus der Medizintechnikbranche gewonnen. Der Sterilisator kann in Serie gehen. Als Nächstes entwickeln die Ingenieure eine benzinbetriebene Version für den Einsatz in sonnenarmen Regionen. Und dann? „Es gibt noch sehr viele medizinische Geräte, die in anderen Gegenden nicht funktionieren“, sagt Raphael Schönweitz. ---