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Ist das öde

Ist uns in Zeiten von Smartphone und Internet die Langeweile abhandengekommen? Schön wär’s.





• Wann war Ihnen zum letzten Mal langweilig? Und welche Art von Langeweile war das genau?

War es die von außen zugetragene Langeweile, bei der Sie von einer Person gelangweilt waren, die schon wieder diese Geschichte erzählte, die Sie schon beim ersten Mal nicht mitgerissen hat? Das Konzert, zu dem Sie nur gegangen sind, um jemandem einen Gefallen zu tun? Oder war es irgendeine bestimmte Tätigkeit, die Sie angeödet hat?

Vielleicht war Ihnen aber auch nur so langweilig. Eigentlich hatten Sie genug Dinge zu tun, die sogar Spaß gemacht hätten. Selbst wunderbare Ablenkung in Form einer sonst so geliebten TV-Serie stand zur Verfügung. Aber meine Güte! Es war einfach alles so langweilig.

„I hate myself and I want to die“ heißt ein Song von Nirvana, nicht der einzige der Band, der sich um das Thema dreht. Was viele Verfechter der Langeweile – den Momenten also, in denen wir zu nichts anderem fähig sind als der tatenlosen Begleitung von vergehender Zeit – zu der Vermutung veranlasst, dass Langeweile Kreativität hervorbringe. Guckt mal, hört man sie frohlocken, dem Kurt Cobain war auch oft langweilig, und – zack – schon schreibt er die besten Songs der Welt.

Würde Langeweile zu Kreativität führen, hieße sie Konzentration. Und die Tatsache, dass sich niemand absichtlich oder gern in eine der eingangs beschriebenen Situationen begibt, beweist: Wir meiden die Langeweile.

Im schlimmsten Fall zwingt sie uns nämlich zu Erkenntnissen über das Elend des Daseins. Man kann dann nur noch Philosoph werden, sich bei Facebook zwiespältigen Hass-Gruppen anschließen oder eine Band gründen, die niemals an Nirvana herankommen wird.

Wir meiden die Langeweile zu Recht, sie tut uns nicht gut. Umso erstaunlicher ist es, wenn die Abwesenheit von Langeweile in Zeiten des Internets lautstark bemängelt wird. Die Jahrzehnte des Digitalen hätten die Langeweile verdrängt, dabei bräuchten gerade Kinder Muße, heißt es in einschlägigen Erziehungsratgebern. Und wir Eltern bräuchten sie natürlich auch, um mal wieder zu uns zu kommen, wir sollen mal das Smartphone und das Tablet zur Seite legen und uns mal wieder so richtig schön langweilen. Früher, so lügt man uns weiter an, habe es viel mehr Langeweile gegeben, und da seien die Menschen glücklicher gewesen.

Was für ein Unsinn.

Auch früher haben es die Menschen vermieden, sich zu langweilen. Sie haben gestrickt, gehäkelt, gelesen, Wäsche zusammengelegt, etwas repariert. Sie haben miteinander gesungen und musiziert, sie haben gespielt. Und genau das Gleiche tun wir heute auch. Nur mit anderen Mitteln.

Denn gestrickt wurde ja nur selten, wenn die Kinder neue Socken brauchten. Oft wurde die meist rare Wolle nach dem vollendeten Strickvorgang wieder aufgewickelt, um von vorn zu beginnen. Nichts anderes als Ablenkung war das, vielleicht ein wenig Meditation, das abendliche Abschalten vom stressigen Alltag.

Und wer wirklich meint, die modernen Menschen würden nicht mehr miteinander singen oder musizieren, der sollte sich mal die Umsätze großer Instrumentenhändler ansehen, in eine der vielen Karaoke-Bars gehen oder auf der Gamescom vorbeischauen, der jährlichen Videogames-Messe, bei der ganze Hallen mit Teenagern gefüllt sind. Auch möglich: ein Blick in Communitys wie Musical.ly, wo Horden junger Menschen zu ihren Lieblingssongs tanzen und singen und sich gegenseitig dafür applaudieren. Von musizierenden Youtubern, die mit Inbrunst ihre eigenen Kompositionen und die Dritter vor laufender Kamera vortragen, ganz zu schweigen.

Wir brauchen keine Langeweile, und sollte sie uns durch digitale Spielzeuge und Medien abhandengekommen sein, brauchen wir darüber nicht zu trauern. Menschen lieben und suchen Ablenkung, diese Erkenntnis ist keine Erkenntnis der digitalen Ära.

Man darf argumentieren, dass uns die digitalen Spielzeuge Zeit rauben. Weil wir dauernd verbunden, dauernd im Gespräch, dauernd bei der Arbeit sind.

Was aber war zuerst da? Das Handy oder der wirtschaftlich erzwungene Druck nach dauernder Erreichbarkeit?

„Der hat wohl nichts zu tun!“ Diesen Vorwurf für jemanden, der in der Sonne liegt, statt zu arbeiten, kennen wir nicht erst seit den Smartphones. Und daran, dass kaum eine Familie von einem einzigen Erwerbstätigen ernährt werden kann und eine allein staatliche Altersvorsorge niemandem mehr ein entspanntes Rentnerdasein sichert, ist nicht allein Google schuld.

Wir haben nicht wegen, sondern trotz der Digitalisierung nicht genug Zeit für uns selbst. Das ist das wahre Problem. Und wir holen uns schließlich mit Casual Games, Puzzlespielen, Youtube-Videos und belanglosen Chats auch die Zeit fürs Abschalten, für Ablenkung und für nur oberflächlich betrachtet sinnlose Tätigkeiten zurück. Wir erobern uns auf digitale Weise Zeit mit uns selbst zurück.

Das vermeintliche Nichtstun, das Hobby, die Auszeit galten auch mal als Zeit für Muße. Und nicht nur als Faulheit. Dass aber der Trend zur Verherrlichung der Arbeit vorerst nicht anhalten wird, zeigen aktuelle Debatten um die Digitalisierung.

Bei diesen Debatten steht nämlich nicht etwa die Chance im Vordergrund, Menschen wieder mehr Zeit für sich zu verschaffen. Die Möglichkeit, dumpfe und menschenunwürdige Arbeiten von Maschinen ausführen zu lassen, wird weder freudig erwartet noch gefeiert. Sondern es wird der Wegfall der so wichtigen Arbeitsplätze für alle betrauert. Als wäre es das Natürlichste der Welt, den ganzen Tag zu arbeiten, um Geld zu verdienen, das man für die Zeit zurücklegt, in der man nicht mehr arbeitet. Weil man dann zu alt ist. Für alles.

Nein, wir brauchen keine Langeweile. Wir suchen doch nicht die Leere in unserem Dasein, sondern den Sinn. Wir brauchen keine Arbeit um der Arbeit willen, sondern Aufgaben, Zugehörigkeit, soziale Strukturen. Und Zeit für uns selbst.

Und wenn wir diese derzeit zumindest vorübergehend und ansatzweise im Digitalen besser finden, dann ist daran vielleicht gar nicht das Digitale schuld. Sondern alles andere. ---