Partner von
Partner von

Ich Arme!

Schluss mit dem Zwang zum beruflichen Dauerglück. Wir sollten wieder ungehemmt über unseren Job jammern dürfen.





• Leiden am Job ist out. Wo man hinschaut, sagen und schreiben die Menschen Sätze wie: Finde einen Job, der dich erfüllt. Nimm nur Arbeit an, zu der du Lust hast. Quit your job, do something you love.

Und wenn das so nicht läuft, wenn du einfach keine befriedigende Arbeit findest, lautet die Empfehlung: Steig aus! Plage dich so viel ab, dass du die Miete zahlen kannst, und verbringe die restliche Zeit auf deinem für einen Spottpreis erworbenen Resthof in der ostdeutschen Provinz und baue Karotten an, denn Karotten anzubauen macht glücklich.

Gern wird auch behauptet, dass die meisten Jobs der modernen Gesellschaft sowieso keiner brauche und man sie deshalb boykottieren müsse. Abteilungsleiter, Personalchef, Callcenter-Mitarbeiter, alles unnütze Berufe, die zudem in einigen Jahren ohnehin von Robotern übernommen würden.

Spricht mir aus der Seele, dieses Gerede. Ich will auch nicht mehr arbeiten als nötig und vor allem nichts tun, dessen Sinn ich nicht verstehe. Was gäbe ich für einen Mäzen, der mich ohne Gegenleistung durchfüttert.

Aber so läuft es leider nicht. Nicht nur muss grundsätzlich jeder, der nicht geerbt hat, arbeiten, um sein Leben zu finanzieren, auch muss nun mal irgendwer die Scheißjobs machen. Ja, auch die im Callcenter. Jedenfalls, solange es Menschen gibt, die so etwas wie das Internet, Handyverträge oder Versicherungen brauchen.

Das eigentlich Schlimme am Berufsglückimperativ ist aber das dadurch ausgelöste Aussterben einer sehr gesunden Kulturpraxis. Nennen wir sie: vergemeinschaftende Erleichterungsjammerei über die Anstrengungen der Arbeit. Jahrhundertelang gaben sich die Menschen dem so genüsslich hin wie dem wohlverdienten Feierabendbier.

Nicht umsonst gibt es unzählige Songs, Filme und Bücher darüber, die die Menschen mit der Erkenntnis, dass Arbeit lästig und das Leben anstrengend ist, erheitern. Michael Douglas in dem Film „Falling Down“ dabei zuzuschauen, wie er die Schikanen im Job einfach nicht mehr aushält und Amok läuft, tröstet und verhindert so, dass man es ihm gleichtut.

Und dann sind da noch all diese Montagmorgen-Witze, Chef-Frotzeleien und Feierabend-Rituale, die man in meiner Generation freilich wahnsinnig spießig und beamtenhumorig findet. Wer den perfekten Job hat, der freut sich auf die Arbeit, ist mit seinem Chef befreundet beziehungsweise ist sein eigener Chef, und Feierabend braucht er auch nicht, denn er feiert ja das ganze Leben.

Wem das nicht gelingt, wer es wagt, heute über seinen Job zu jammern, der muss sich die Grundsatzfrage stellen: Was mache ich falsch im Leben? Nutze ich meine Talente nicht optimal? Habe ich die falschen Entscheidungen getroffen? Schon ist man mittendrin im selbstzerstörerischen Teufelskreis des eingebildeten Totalversagens.

Dabei gibt es auf diese Fragen nur eine vernünftige Antwort: Du denkst, du musst 24/7 glücklich und zufrieden sein. Aber niemand ist 24/7 glücklich und zufrieden. Da kannst du von Job zu Job zu Job zu Job springen, von Land zu Land zu Land zu Land oder von Partner zu Partner zu Partner. Doch du wirst immer unglücklicher, wenn du nicht endlich checkst, dass das Leben keine Dachterrassen-Strandparty-Postkarte ist, sondern man mit sehr, sehr, sehr viel Glück gerade mal 80 Jahre auf der Welt hat, die mal nervig, mal ganz lustig und meistens ziemlich normal verlaufen und die voller Dinge sind, die man nicht will, aber die halt dazugehören wie zum Beispiel Geldverdienen.

Dass diese Dachterrassen-Strandparty-Vorstellung auch mein Problem ist, wurde mir neulich klar. Es war an einem sonnigen Tag, ich saß mit einer Freundin in einem Café und habe ihr vorgeheult, wie schlimm das Schreiben ist und dass ich das unmöglich noch länger machen kann, dass ich jetzt endlich einen Job brauche, der weniger aufreibend ist und mehr Geld abwirft. Sie arbeitet zurzeit als Assistenzärztin im Krankenhaus, muss dauernd Nachtschichten schieben und sagte: Mein Leben willst du aber auch nicht haben, seit Monaten habe ich keine Freizeit mehr, keinen funktionierenden Biorhythmus und es ist eine Frage der Zeit, bis ich einen Herzinfarkt kriege. Und ich so: Dafür hast du irgendwann ein Haus und ich nur Altersarmut und Depressionen. Und sie so: Ja, aber davon habe ich nichts, denn vorher bin ich an Erschöpfung gestorben, und dann habe ich mein ganzes junges Leben lang nur sterile Wände angeglotzt, während du dir immerhin deine Zeit frei einteilen, von überall aus arbeiten und dich kreativ verwirklichen konntest. Und ich so: Ja, das denkst DU, dass mein Leben so aussieht!

So saßen wir da und haben uns im Schlechtreden unseres Daseins übertroffen. Es ging darum, wer weniger „vom Leben hat“, wie man so sagt – als wäre das Leben nur das, was Spaß macht. Dann haben wir gemerkt: Wenn man dieses Jammern nicht zu ernst nimmt, sondern als das begrüßt, was es ist, eine Art geistiges Verdauungsgeräusch, geht es einem danach blendend. Ich bin an diesem Tag jedenfalls sehr beschwingt nach Hause gegangen.

Man sollte wieder ungehemmt über seinen Job jammern dürfen. Man sollte sagen dürfen, dass er einen wahnsinnig macht, dass man nicht weiß, was das alles soll und wo das hinführen soll und wie es überhaupt dazu kommen konnte, ohne todernst darüber nachgrübeln zu müssen, ob man jetzt alles falsch gemacht hat im Leben und „quitten“ müsse für etwas das man wirklich „lovt“. Nur wohin? Wo ist es wirklich dauerhaft besser?

Natürlich ist es sehr schön, wenn man einen Job findet, in dem man gut ist und in dem man sich zumindest ab und zu am richtigen Platz fühlt. Aber „Quit your job, live your dream“ – das ist Bullshit. Es gibt nichts Unheilvolleres als den unbedingten Anspruch, ein Leben zu leben, in dem es nichts zu jammern gibt. Noch suizidgefährdender ist wahrscheinlich nur der Ehrgeiz, von allen geliebt zu werden. ---