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Eliot Higgins, Bellingcat

Eliot Higgins versucht mit Google, Facebook und Youtube Kriegsverbrechen aufzuklären. Das kann im Prinzip jeder. Eine Anleitung.





• Die Kriege der Welt werden in einem Büro in der englischen Stadt Leicester analysiert. Eliot Higgins mag es schlicht: ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Laptop, das ist die Zentrale von Bellingcat – einem Rechercheverbund, dem das russische Außenministerium vorwirft, Fakten zu fälschen. Der »New York Times«-Reporter Christopher John Chivers hat nach der Zusammenarbeit mit Higgins geschrieben: „Danke, Eliot, für deine Geduld und dein gutes Auge.“ Human Rights Watch bezahlt für seine Dienste ebenso wie der Thinktank Atlantic Council.

Angefangen hat alles damit, dass Higgins sich 2011 für den Arabischen Frühling zu interessieren begann. Im Internet verfolgte er die Nachrichten aus einer Region, die er nie bereist und zu der er auch sonst keine Verbindung hatte. Aber die Ereignisse faszinierten ihn. Bald entdeckte er, dass die Aktivisten zahllose Videos posteten. Später begann er, sich die Videos von Gräueltaten aus dem syrischen Bürgerkrieg anzusehen. Inzwischen analysiert er die Konflikte mithilfe von Videos und Fotos, die auf Facebook, Twitter und Youtube gepostet werden.

Er hat dabei eine eigene Methode entwickelt: die der akribischen Suche nach winzigen Details. So versucht er die Echtheit von Videos zu verifizieren, um Verantwortliche für Verbrechen zu finden. Er verwendet dafür öffentlich zugängliche Quellen: Google Earth und Google Maps.

Die Methode ist jedoch nicht unumstritten. Als Higgins der russischen Regierung vorwarf, Satellitenbilder manipuliert zu haben, gab es Experten, die sagten, „Bellingcat betreibt Kaffeesatzleserei“. Er nennt seine Tätigkeit „investigativen Bürgerjournalismus“. Bellingcat ist heute ein weltweites Netz von Freiwilligen, die sich Hunderte von Videos ansehen. Higgins selbst wird von Stiftungen finanziert. Er erhält unter anderem Geld von Google und hat Förderung bei der von George Soros finanzierten Open Society Foundation beantragt.

Die Methode kann jeder nachmachen, „der einen Internetanschluss hat“, sagt Higgins und zeigt auf den folgenden Seiten, wie das geht.

Al-Dabaa, Syrien, 2012

Ende August 2012 werden aus der syrischen Stadt Batbo, nahe Aleppo, auf Youtube die ersten Videos hochgeladen, die angeblich Fassbomben zeigen. Im Video wird behauptet, die primitiven Sprengkörper seien selbst gebaut – und von einem Helikopter abgeworfen worden, womit nur die syrische Armee als Verantwortliche infrage kommt.

„Was in dem Video zu sehen ist, könnte alles sein“, sagt Higgins. „Ein platt gedrücktes Fass, aus dem ein schwarzes Pulver herausgekommen ist und an dessen Metall ein Griff befestigt wurde.“ Die Frage, die es zu klären gilt: Gab es wirklich Fassbombenabwürfe?
Auf Youtube findet Higgins Filme, aufgenommen von syrischen Aktivisten, die Helikopter zeigen, aus denen etwas herausgeworfen wird. Es scheint ihm daher durchaus plausibel, dass es Fassbomben sein können
Nicht nur die Aktivisten am Boden haben Smartphones, mit denen sie Filme vom Krieg drehen, auch Soldaten stellen ihre Aufnahmen ins Netz. Dieser Film zeigt einen Hubschrauber, in dem ein Soldat die Zündschnur einer Fassbombe ansteckt ...
... und aus dem Hubschrauber wirft. Die nächste Frage lautet: Wo könnte das geschehen sein?
Für wenige Sekunden ist in dem Video das Luftbild einer Stadt zu sehen
Higgins sucht in Google Earth in Syrien nach den Umrissen der Stadt. Sie ist eher klein, er kann die Großstädte weglassen
Schließlich wird er fündig: Es ist die Ortschaft Al-Dabaa, nahe Homs
Um den gleichen Winkel zu bekommen wie in dem Video, dreht er das Bild. Dann legt er beide Bilder nebeneinander. „Es ist exakt der Ort“, sagt er

Raqqa, Syrien, 2014

Tunesische Mitglieder des sogenannten Islamischen Staates posten ein Video, in dem sie behaupten, die tunesischen Politiker Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi, umgebracht zu haben. Der Mord war bereits 2013 verübt worden und führte zu einer schweren Staatskrise. In dem Video behaupteten die Jihadisten, der Film sei an einem Ort gedreht worden, der vom Islamischen Staat kontrolliert werde. Wo halten sich die Männer auf?

In dem Video ist nicht viel zu sehen. Bewaffnete Männer, im Hintergrund Häuser. Higgins sagt: „Man kann einfach herausfinden, wo das ist.“
Deutlich zu sehen im Hintergrund: ein lang gestrecktes Gebäude mit rotem Dach
Mit der Schnitt-Software Paint.net montiert Higgins die Bilder so, dass das Haus besser zu sehen ist. Dann sucht er in Google Earth alle größeren Städte ab, die vom sogenannten Islamischen Staat kontrolliert werden
Auf der Website Panoramio.com entdeckt er ein Foto der Fakultät für Tiefbau der Stadt und erkennt darauf das Gebäude im Hintergrund des Videos (links)
Dahinter sind, rechts im Bild, einige Hochhäuser zu sehen; die findet Higgins mithilfe von Google Earth
Dann verbindet er die Häuser im Hintergrund mit der Fakultät für Tiefbau durch eine Linie, um herauszufinden, wo die Kamera stand, und landet schließlich ...
... auf dem Dach des Palastes der Provinzregierung
Das wird auch deutlich, wenn man sich die Details anschaut: links der Regierungspalast, mit den auffälligen Balkongeländern. Rechts das Video. „Damit ist bewiesen, es ist Raqqa“, sagt Higgins