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Der Silberberg

Die Entdeckung von Silber ließ im 16. Jahrhundert eine Metropole in den Anden entstehen, die heute vergessen ist.





• Huayna Cápac war bekannt für seine mutigen Krieger. Er war der elfte König der Inkas und hatte in schweren Schlachten deren Reich weiter ausgedehnt. Doch am Cerro Rico, dem kleinen Berg nahe der späteren Stadt Potosí im Süden Boliviens, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Der König war einer der ersten Männer, die am Cerro Rico Silber schürfen wollten. Doch als er damit begann, Löcher in die Erde graben zu lassen, soll etwas Eigenartiges geschehen sein: Tief aus dem Inneren des Berges sei plötzlich eine übernatürliche Stimme zu vernehmen gewesen. Sie habe die Silbersucher dazu ermahnt, die Finger von dem Edelmetall zu lassen – das sei für andere bestimmt.

So weit die Legende. Und es waren in der Tat andere Abenteurer, die sich das Silber aus dem Berg holten – und damit die Welt veränderten.

Gut 80 Jahre später, im Jahr 1539 vernahm der Spanier Juan de Villarroel die Kunde von den Schätzen des Cerro Rico. Villarroel betrieb im nahe gelegenen Porco einige Minen und war ständig auf der Suche nach weiteren Edelmetallvorkommen. Dass der Cerro Rico eine Höhe von 4800 Metern Höhe hatte, es dort Sümpfe gab und er nur schwer zu erreichen war, schreckte ihn nicht ab. Er stellte eine Gruppe Wagemutiger für eine Expedition zusammen, die im April 1545 den Berg erreichte.

Ohne sich lange mit Formalitäten aufzuhalten, erklärte Villarroel den Berg im Namen des spanischen Königs Karl V. zum Teil des Imperiums der Iberer. Die Silbervorräte kamen den Abenteurern schier unendlich vor. Die erste Mine, die sie eröffneten, nannten sie La Descubridora – die Entdeckerin. Aus ihr förderte Villarroel derart viel für Spanien, dass der König ihm persönlich seine Anerkennung schenkte.

Villarroel ließ immer mehr Schächte in den Berg bohren, mit Holzleitern und Tauen kletterten die Arbeiter immer tiefer hinein, um das Edelmetall aus dem Gestein zu brechen. Tag und Nacht wurde gearbeitet.

Villarroel war derart besessen von dem Silberschatz, dass er sich nicht darum kümmerte, eine Stadt im Namen des Königs zu gründen. Er und seine Helfer hausten in provisorischen Hütten und nannten den Ort Potosí, was aus der Sprache der Ureinwohner kommt und so viel bedeutet wie „brechen“ oder „heraustrennen“.

Die Nachricht von schier unerschöpflichen Silbervorräten im Cerro Rico verbreitete sich schnell, immer mehr Glückssucher strömten herbei. Der Ort wuchs chaotisch. Ganz anders als die meisten von den Spaniern mit quadratischem Grundriss gegründeten Städte auf dem amerikanischen Kontinent.

Erst der aus Spanien entsandte Vizekönig von Perú, Francisco de Toledo, sorgte ab 1572 in der Kolonie für Ord-nung. Er ließ Straßen begradigen, Sümpfe trockenlegen und Kanäle bauen. Er teilte die Stadt in einen spanischen und einen indianischen Sektor, er ließ künstliche Lagunen anlegen und 22 Staudämme bauen, damit die 140 Silbermühlen, die inzwischen entstanden waren, genug Wasser hatten. Und er brachte das Quecksilber nach Potosí – damit ging alles erst richtig los.

Mit dem hochgiftigen Element konnte das Silber ganz einfach vom Gestein geschieden werden. Es konnte viel mehr und viel schneller produziert werden. Ab 1570 wurde so viel Edelmetall gefördert wie nie zuvor. Karl V. verlieh Potosí den Ehrentitel „Villa Imperial“, und Cervantes lässt Don Quijote de la Mancha den Satz sagen, „das hat den Wert eines Potosí “ – was so viel bedeutet, dass eine Ware unermesslich teuer ist.

Es war die große Zeit der Stadt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte Potosí mehr als 160 000 Einwohner. In dem abgelegenen Ort in den Anden lebten damals mehr Menschen als in London, Mailand oder Sevilla. Die Menschen kamen aus dem Vizekönigreich Peru und aus Spanien. Es waren Abenteurer, geflohene Straftäter, Mönche, Künstler, Gelehrte, Bergarbeiter, Ingenieure, Händler, Zuhälter, Prostituierte, Spieler. Wer nicht in den Minen arbeitete, versuchte denjenigen, die dort arbeiteten, etwas zu verkaufen.

Die Stadt prosperierte. 36 Kirchen wurden gebaut, viele davon hatten Altäre aus reinem Silber, sie wurden im Stile des spanischen Barocks errichtet. Sogar eine Münzprägeanstalt ließ Francisco de Toledo errichten. Es war effektiver, das Silber gleich vor Ort zu Münzen oder Barren einzuschmelzen, statt es nach Spanien zu schaffen.

Täglich machten sich Trecks mit Eseln, bepackt mit Säcken voller Silber, auf den Weg über die Anden zum Meer, von wo aus das Edelmetall nach Sevilla verschifft wurde. Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano schrieb in seinem 1971 erschienenen Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“, die Spanier hätten so viel Silber aus dem Berg geholt, dass man daraus eine Brücke von Potosí bis Madrid hätte bauen können.

Das Silber veränderte aber nicht nur Bolivien, sondern die ganze Welt – es ermöglichte eine ganz andere Art des Wirtschaftens. Mit Silbermünzen konnten Waren gegen ein Äquivalent getauscht werden, das wertbeständig war. In Europa entstand eine Silberwährung. Die Besitzer der Taler konnten Waren kaufen, Privatleute konnten Reichtum horten. Es entwickelte sich ein lebhafter Welthandel. Stoffe, Gewürze und Sklaven wurden weltweit mit Silbermünzen bezahlt. Die spanische Krone finanzierte damit ihre Kriege gegen Großbritannien, die Niederlande und Frankreich und den Sieg gegen das Osmanische Reich. Philip IV. von Spanien ließ sich gar zu dem Satz hinreißen:

„ Im Silber liegt die Sicherheit und Stärke meiner Monarchie.“

Den Preis zahlten die Ureinwohnern der Region in Potosí. Sie wurden von überall her zur Sklavenarbeit in den Minen herbeigeschafft. Sie mussten mit dem hochgiftigen Quecksilber hantieren, sie mussten in die engen Bergschächte hinunterklettern und 25 Säcke Silbererz pro Tag aus den Minen schleppen, von denen jeder 45 Kilogramm wog. Ein spanischer Beobachter schrieb: Aus einer Gruppe von 7000 Ureinwohnern, die zur Arbeit in den Bergwerken gezwungen wurden, „kehrten nur 2000 zurück nach Hause; von den verbliebenen 5000 starben viele, die restlichen siedelten sich in den Nachbartälern an, da sie keine Tiere besaßen, um nach Hause zu reiten“.

Um 1620 begann der Niedergang von Potosí. „Die Metalle werden nicht wiedergeboren, sie wachsen nicht nach“, notierte ein Zeitgenosse. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte Potosí noch 60 000 Einwohner. „Alles ist zu Ende“, schrieb ein Einwohner. Die Stadt verarmte zusehends. 1825 wurde sie von den Venezolanern Simón Bolívar und Mariscal António José de Sucre aus spanischer Herrschaft befreit und blieb noch einige Zeit ein – wenn auch armes – Bergbauzentrum. Die Stadt, die einst die Welt reich machte, deren Silber in Sevilla, Monaco und Amsterdam getauscht wurde, hatte am Ende nichts davon. Der Reichtum war für andere bestimmt. ---